Zeitung Heute : Die Mark ist tot

URSULA WEIDENFELD

Der Euro ist da - und erst einmal hat es niemand gemerkt.Was die Banker, die Börsianer und die Broker mindestens eine schlaflose Silvesternacht gekostet hat, wird sich in unser Leben nur langsam hineinschleichen - anstatt wie eine anständige Währungsreform, vergleichbar denen von 1948 und 1990, mit einem Knall zu beginnen.Der Euro war eine strategische Entscheidung der Politiker, keine volkwirtschaftliche Notwendigkeit.Strategisch geplant wurde auch, wie die Bevölkerung Europas mit der neuen Währung Bekanntschaft machen soll.Erst einmal virtuell - Kontoauszüge, Schecks und Kassenzettel weisen die Summe künftig parallel in Euro und in DM aus.Doch es ist eine trügerische Übergangszeit, die Vorläufigkeit vortäuscht, wo längst endgültige Entscheidungen gefallen sind: Die DM ist seit gestern, null Uhr, tot.

Die neue Währung wurde beschlossen, um Europa politisch zusammenzuzwingen.Sie wurde installiert, um eine gemeinsame Haushalts-, Finanz- und Wirtschaftspolitik durchzusetzen, ohne daß die einzelnen Regierungen zumindest auf den ersten Blick auf Souveränität verzichten müssen.Und doch: Seit dem Ringen um das Dreiprozent-Diktum für die laufende Staatsverschuldung ist auch dem letzten Deutschen bewußt geworden, daß die Zeiten souveräner Haushaltsplanung vorbei sind.

Wenn im Jahr 2002 alles in Euro gerechnet wird, alle Banknoten Eurogeld sind, wird auch die unterschiedliche Belastung der Staatsbürger im Euroland nicht mehr vertuscht.Im harten Licht der gemeinsamen Währung werden die Nationalstaaten gewzungen, sich anzupassen.Für Deutschland wird das heißen, daß mit dem überhöhten Steuerniveau über kurz oder lang auch der fürsorgliche Staat verschwinden wird, der für seine Vormundschaft fast die Hälfte des Volkseinkommens beansprucht.Und auch die Arbeitnehmer werden den Euro spüren, bevor er in ihren Taschen klimpert.In Zukunft wird jeder portugiesische Bauarbeiter wissen, wieviel sein deutscher Kollege bekommt.Und nicht nur die Konkurrenz untereinander wird härter, auch die volkswirtschaftlichen Anpassungsprozesse werden sich größtenteils auf dem Arbeitsmarkt abspielen.Nachdem die Euro-Teilnehmerländer beschlossen haben, künftig keine eigene Konjunkturpolitik über Staatsverschuldung, Geldmenge und Zinsniveau mehr zu machen, werden Wirtschaftskrisen sofort und mit voller Härte auf den Arbeitsmarkt durchschlagen.Das heißt: Die Arbeitnehmer werden den größten Teil der konjunkturellen Anpassungslast schultern müssen.Es sei denn, der Euro wird in den kommenden drei Jahren ein anderer Euro werden als der, den die Staats- und Regierungschefs 1992 beschlossen haben.Damals hatten die Politiker eine starke und stabile Währung im Sinn.Heute wollen viele Staatenlenker einen anderen Euro.Einen, mit dem sie das Wachstum und vor allem die Beschäftigung stimulieren können.Die Zinsen runter, heißt die Losung, damit billiges Geld die Wirtschaft ankurbelt und mögliche Nachfragedefizite behebt.

Doch was sich als politische Botschaft noch bestechend anhört, würde für die gemeinsame Währung zur Katastrophe.Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg, hat schon unmißverständlich klar gemacht, was passieren würde, wenn die Nationalstaaten sich in Zukunft deutlich oberhalb der Drei-Prozent-Marke verschulden: Dann will er gnadenlos die Zinsen erhöhen.Sollten die kommenden drei Jahre bis zur Einführung der europäischen Scheine und Münzen aber mit einer Auseinandersetzung zwischen Zentralbank und den Teilnehmerländern über die Art des Geldes, das gestern enstanden ist, vergehen, wird sich mancher am 1.Januar 2002 wünschen, das Abenteuer nie begonnen zu haben.

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