Zeitung Heute : Die Melodie der Worte
13.10.2007 00:00 UhrWie lernt ein Kind sprechen? Diese Frage interessiert die Forschung nicht erst seit Beginn der modernen Sprachwissenschaften. Bekannt ist zum Beispiel ein Versuch aus dem 13. Jahrhundert. Bereits Kaiser Friedrich II. wollte dem Phänomen nachgehen und ließ Kinder ohne sprachliche Kommunikation von Ammen aufziehen. Das Ergebnis war verheerend: Die Kinder starben, bevor sie ein einziges Wort gesprochen hatten.
Ein solch drastisches Experiment ist heute freilich undenkbar. Nichts aber ist gewichen von der Neugier und dem Ehrgeiz herauszufinden, wie ein Säugling bereits in den ersten Monaten seines Lebens den Grundstein legt für die wohl wichtigste Form der gesellschaftlichen Interaktion: seine Sprache.
Sprachentwicklung und die Frage, warum die meisten Menschen zwar sehr ähnlich den aufrechten Gang meistern, aber in mehr als 6000 Sprachen miteinander reden, beschäftigen Linguisten, Neurowissenschaftler, Psychologen und Anthropologen weltweit. Und gerade Europa muss sich wie kaum ein anderer Staatenbund der Herausforderung stellen, in zwanzig Sprachen zu kommunizieren. So erscheint es mehr als billig, dass die Europäische Gemeinschaft ein Konsortium fördert, das die Sprachentwicklung bei Säuglingen und Kindern erforscht. Neurowissenschaftler der Charité und des Leipziger Max Planck Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften arbeiten mit Verhaltensforschern aus Triest und London zusammen. Das besondere des Projekt: Neben Verhaltensstudien werden die Hirnfunktionen, die sich bei der Sprachentwicklung langsam entwickeln und dieser zu Grunde liegen, untersucht.
Beim Erwachsenen ist längst gut bekannt, dass die linke Hirnhälfte die Schaltzentrale für alle Sprachfunktionen darstellt. Bereits vor über hundert Jahren beschrieb Paul Broca Patienten, die nach einer linksseitigen Hirnverletzung ihre Sprache verloren hatten. Allerdings wissen wir heute, dass auch die scheinbar „stumme“ rechte Hirnhälfte entscheidend dazu beiträgt, uns gegenseitig zu verstehen. Durch die rechte Hirnhälfte wird aus einem grammatikalisch korrekten Satz erst eine wirklich „menschliche“ Mitteilung. Von dieser Hirnhälfte wird die so genannte Prosodie – gewissermaßen die Melodie der gesprochenen Sprache – gesteuert. Und jede Sprache schwingt im eigenen Rhythmus.
Die Prosodie ist auch ein wichtiges Instrument für Babys und Kleinkinder, eine Sprache zu erlernen. Denn sie müssen sich ganz auf das gesprochene Wort verlassen und aus den unendlich vielfältigen Lauten und Sprachfetzen, die sie hören, ganz selbstständig Deutsch, Japanisch, Französisch oder eine der zahllosen anderen Muttersprachen erlernen.
Über Rhythmus, Melodie und Betonungsmuster der Prosodie gelingt es Kindern, eine Sprache zu analysieren, zu segmentieren und ihre Wortgrenzen zu erkennen. Was sich vielleicht einfach anhört, ist es keineswegs. Denn ein Erwachsener wird aus einer ihm unbekannten Sprache wahrscheinlich nach einer Weile die Satzenden heraushören können, aber einzelne Worte und Silben? Deshalb mag es zwar belustigend sein, wenn Erwachsene mit Kleinkindern in einfachen Sätzen, mit vielen Wiederholungen und stark betont sprechen, doch intuitiv helfen sie damit dem Kind, die Sprache und ihre Einzelteile wahrzunehmen.
Die Berliner Wissenschaftler interessiert, wie Kinder verschiedene Sprachstimuli verarbeiten. Ihr Ziel ist es besser zu verstehen, wie es das Gehirn schafft, in den ersten vier Jahren eine Professionalität zu erlangen, die im späteren Leben in einer fremden Sprache kaum mehr erreicht werden kann. Interessant ist für die Forscher dabei auch, ob die Prozesse im Gehirn mit denen von Erwachsenen übereinstimmen.
Die Wissenschaftler Sonja Rossi, Silke Telkemeyer, Isabell Wartenburger und Hellmuth Obrig untersuchen Neugeborene, Säuglinge und Kinder bis zum vierten Lebensjahr. In diesem Alter ist die primäre Sprachentwicklung weitestgehend abgeschlossen. Da aber Kinder nicht gern allein in einen riesigen Kernspintomographen klettern und gerade Kleinkinder am besten in Anwesenheit der Eltern untersucht werden können, nutzen die Forscher an der Charité zwei Methoden, die man mit einer einfachen Haube durchführen kann. In der steckt allerdings ganz moderne Technik. Die Hirnströme des Kindes werden mit der so genannten Elektroencephalographie aufgezeichnet. Gleichzeitig wird das Hirn im wahrsten Sinne des Wortes beleuchtet: Die Nahinfrarotspektroskopie nutzt die Tatsache, dass das Hirn bei gesteigerter Durchblutung „errötet“. Und in den Arealen, in denen dies geschieht, ist das Gehirn gerade aktiv. Die jüngsten Studien zeigen, dass bereits wenige Tage und Wochen alte Säuglinge sprachliche Reize erstaunlich genau unterscheiden: Hört das Kind ganz normale Sprache, ist die linke Hirnhälfte bereits viel aktiver als beispielsweise beim Hören rückwärts abgespielter Sätze. Die Forscher der Charité konnten auch zeigen, dass Kinder wie Erwachsene die rechte Hirnhälfte nutzen, um Prosodie, also die Sprachmelodie, zu verarbeiten. Dass kleine Kinder Sprachen unbewusst und automatisch lernen, hängt mit den neuronalen Netzwerken im Gehirn zusammen, die in diesem Zeitraum sehr schnell arbeiten.
Neben der Neugier treibt die Forscher aber auch die Hoffnung an, mit den Untersuchungen bei gesunden Kindern den Grundstein für die Diagnostik von Sprachstörungen zu legen. In Zukunft könnte es so möglich sein, frühe Anzeichen für Sprachstörungen bei Kleinkindern zu erkennen und die betroffenen Kinder gezielt zu trainieren. Und natürlich ist das Verständnis der Hirnfunktionen beim Spracherwerb auch wertvoll, um zu verstehen wie Menschen, die ihre Sprache zum Beispiel nach einem Schlaganfall verloren haben, wieder sprechen lernen können.
Das ehrgeizige Projekt braucht viele kluge Köpfe. Da ist es sehr gut, dass die Berliner und Leipziger Forscher auch in die „Berlin School of Mind and Brain“ integriert sind. Hier werden junge Nachwuchswissenschaftler ausgebildet, die sich mit den verschiedensten Fragen im Grenzgebiet der Geistes- und Biowissenschaften beschäftigen wollen. Die Schule bietet auch ausländischen Nachwuchstalenten die Möglichkeit, diese spannenden Themen zu erforschen. Und damit steht erneut ein Thema im Vordergrund: eine gemeinsame Sprache zu finden – und das auf der Basis verschiedenster Muttersprachen.








