Zeitung Heute : Die menschliche Eiszeit

Kerstin Kohlenberg

Oh, und nebenbei", Vincent Stempel macht eine kurze Pause, wie immer an dieser Stelle der Geschichte. Denn er weiß, dass das, was jetzt kommt, so absurd klingt, dass er jede Sekunde auskosten will, in der seine Zuhörer gespannt auf seinen nächsten Satz warten. Wie im Film, wenn ein Paar beim Frühstück sitzt, schweigend, und einer der beiden plötzlich erklärt: Ich muss dir etwas sagen. Der Scheidungsanwalt Vincent Stempel steht also an diesem Montag im Oktober auf dem Podium im Ballsaal des New Yorker Marriott Hotels und schaut auf etwa 50 Richterinnen - und beendet dann langsam seinen Satz: "... und dann sagte Maureen Kass zu mir: Oh, und nebenbei, ich habe noch fünf eingefrorene Embryonen im Mather Memorial Hospital. Für die hätte ich gerne das Sorgerecht."

Der Satz fiel im Juni 1993 in Stempels Büro in der Franklin Avenue in Garden City auf Long Island. Und er könnte jeder Zeit auch in Deutschland fallen. Denn auch hier werden befruchtete Eizellen eingefroren. Die Entscheidung vor dem Obersten Gericht in New York brauchte fünf Jahre. Dazwischen lagen zahlreiche Talk-Show-Auftritte von Stempel und seiner Mandantin. Ein verbindliches Gesetz, wie man mit dem Leben im Reagenzglas umgeht gibt es immer noch nicht. Aber Stempel ist zu einer gewissen Berühmtheit geworden durch diesen Fall: Kass vs. Kass.

Alles ist wunderbar

Maureen und Steven Kass lernen sich Ende 1986 auf der Verlobungsparty eines Freundes kennen. Die schmale, 28-jährige, strohblonde Maureen arbeitet als Sekretärin. Ihr gefällt der lustige Steven, der zusammen mit seinem Bruder einen Handwerksbetrieb besitzt. Und so spazieren sie im kommenden Jahr immer häufiger gemeinsam die Uferpromenade von Jones Beach auf Long Island entlang. Schon nach einem Monat sprechen sie von Hochzeit und Kindern. 1988, am "Fourth of July", dem Lieblingsfeiertag von Maureen, heiraten die beiden. Die Blumenmädchen tragen blau, die Brautjungfern rot, auf den Tischen stehen überall kleine amerikanische Flaggen, und die Hochzeitstorte ist mit Wunderkerzen verziert. Alles ist wunderbar, nur mit dem Schwangerwerden klappt es nicht. Maureens Mutter hatte während ihrer Schwangerschaft Medikamente genommen, die einer Fehlgeburt vorbeugen sollten. Dadurch wurden die Fortpflanzungsorgane von Maureen beschädigt. Maureen und Steven entschließen sich, es mit künstlicher Befruchtung zu versuchen. Drei Jahre lang bekommt Maureen Hormone, ihr werden fünf mal Eizellen entnommen, und neun mal befruchtete Eizellen wieder eingesetzt. Einmal hilft sogar Maureens Schwester als Leihmutter aus. Aber auch das klappt nicht, und einem weiteren Versuch stimmt die Schwester nicht mehr zu. Das ganze kostet die Kassens 75 000 Dollar, das Resultat ist eine Fehlgeburt und eine Eileiterschwangerschaft. Nach vier Jahren ist die Ehe am Ende, und Maureen zieht zurück zu ihrer Mutter. 1994 werden die beiden geschieden. Maureen bekommt das Porzellan, Steven die teure Waterford-Vase. Sie nimmt ihre Easy-Listening-Platten und Steven seine Hard-Rock-Alben. Auch um die Katzen gibt es keinen Streit. Maureen bekommt Princess, Steven Goldie. Nur bei den Embryonen kommt es zu keiner Einigung - und aus Maureen und Steven wird der Fall Kass gegen Kass.

Zurück in die Gegenwart. Vincent Stempel greift nach einem Dunkin-Donut-Plastik-Kaffee-Becher in seinem Garden City-Büro. Er ist ein kleiner Mann mit kurzen kräftigen Fingern und Haaren wie aus Nylon. Vor ihm auf dem Schreibtisch steht ein Holzhai, neben ihm ein Glasdelfin. Stempel ist Jäger und Hochseefischer. An den Wänden hängen eine signierte Platin-Platte von Led Zeppelin und Fotos von Fernsehauftritten mit Maureen. "Damals, als Maureen Kass diesen Nebensatz sagte, wusste ich überhaupt nicht, wovon sie sprach", sagt Stempel. Eingefrorene Embryos? Er habe erst mal in die amerikanische Anwalts-Datenbank geguckt, um sich ein paar ähnliche Fälle durchzulesen. "Aber da kam nur ein einziger. Davis vs. Davis, Tennessee 1992", sagt Stempel. "Das konnte ich gar nicht glauben." Er habe es dann gleich noch mal probiert. Wieder nur dieser eine Fall, und da wurde ihm klar, welche einmalige Chance sich ihm bot, so etwas wie einen Präzedenzfall, davon träumt jeder Anwalt. "Scheidungssachen", sagt Stempel, "sind doch immer das gleiche. Das war jetzt endlich mal was anderes, was Aufregendes."

Stempel ist nach einer wilden Jugend, wie er sagt, gläubig geworden. Und da ihm schon das liberale Abtreibungsrecht in New York nicht gefällt, wollte er mit diesem Fall dem Recht auf Leben einen besseren Stellenwert erstreiten. Er wollte Grundregeln für die ständig wachsende Fortpflanzungsindustrie in den USA schaffen und das Gericht zu einer Entscheidung zwingen welchen Status das Leben im Reagenzglas hat. Ist es eine Sache oder Leben und ab wann gilt es als menschliches Leben? Genau die Frage, über die der Deutsche Bundestag letzten Mittwoch wieder in Verbindung mit dem Stammzellenimport debattiert hat. Stempel argumentierte vor Gericht, dass es doch auch bei einer Schwangerschaft allein das Recht der Frau sei, zu entscheiden, ob sie eine Abtreibung will oder nicht. Denn es sei die Frau, die das Kind austrägt und die daher viel direkter von der Schwangerschaft betroffen sei. Dasselbe gelte für die künstliche Befruchtung. Der Richter gab Stempel Recht und setzte damit die befruchteten Eizellen im Reagenzglas rechtlich mit den Embryonen in der Gebärmutter gleich. Er gab ihnen den Status menschlichen Lebens. Steven Kass legte gegen dieses Urteil sofort Berufung ein. Bis zur endgültigen Entscheidung musste er allerdings die monatliche 50-Dollar-Tankmiete für die Embryonen bezahlen.

Die große Enttäuschung

Bei der Berufungsverhandlung vor dem Supreme Court wollte Stevens Anwältin diese Gleichsetzung der Embryonen nicht gelten lassen. Eine Frau, sagte sie, habe doch nur deshalb das Recht, alleine über eine Abtreibung zu bestimmen, weil es sich um ihren eigenen Körper handelt. Dieses Recht sollte man nicht auf einen Tiefkühltank ausdehnen. Und wenn Maureen unbedingt ein Kind haben möchte, könne sie sich ja auch mit dem Sperma eines anderen Mannes befruchten lassen. Steven gewann den Fall in der zweiten Instanz. Der Richter sah in den eingefrorenen Embryonen nicht, wie noch sein Kollege, menschliches Leben, sondern eine Sache, über deren Verbleib auch der Mann mitzubestimmen hat. Jetzt brachte Stempel den Fall vor das oberste Gericht New Yorks.

Der Anwalt und seine Mandantin waren schnell bekannt geworden. Es gab sogar Überlegungen, aus dem Fall einen Film zu machen. "Die Fernsehauftritte gefielen Maureen Kass", sagt Stempel. Sie war ohnehin ein bisschen exzentrisch, trug immer buntere Kleider und färbte sich ihre Haare, bis sie nur noch Filz waren." Stempel beugt sich über seinen Schreibtisch und sagt ganz leise: "Um ehrlich zu sein, ich konnte den Ehemann ganz gut verstehen. Der hat sich von der Frau scheiden lassen, der wollte doch jetzt, fünf Jahre nach der Scheidung, nicht noch ein Kind von ihr." Stempel lehnt sich wieder zurück. "Ich war zum Schluss auch sehr enttäuscht von Maureen Kass. Ich habe alles für ihren Fall getan, und als ich gegen das zweite Urteil in Berufung gehen wollte, da sagte sie plötzlich, ihr sei das jetzt irgendwie egal geworden. Sie wolle die Berufungsgebühr für das Gericht nicht mehr bezahlen. Aber ich wollte etwas Gutes tun, wollte diese Embryonen retten." Der Präzedenzfall. Und so zahlte Stempel die Berufungsgebühr und die Show ging weiter. Zu den Talk-Shows flogen sie aber von nun an getrennt.

Stempel wog vor dem obersten Gericht New Yorks noch mal die unterschiedlichen Opfer auf, die Maureen und Steven für den Wunsch, Kinder zu kriegen, erbracht haben. Maureen habe die unangenehme Hormonbehandlung ertragen, die schmerzhafte Eizellenentnahme, eine Fehlgeburt und eine Eileiterschwangerschaft. Steven dagegen hätte nur Sperma in einen Becher gespendet. Das Reagenzglas sei daher als eine Art Leihgebärmutter anzusehen. Und deshalb müsse Maureen Kass, die mittlerweile 38 Jahre ist, das Recht zugesprochen werden, über die befruchteten Eizellen zu entscheiden. Der Abtreibungsgegner Stempel verlor, und Steven spendete die befruchteten Eizellen der Forschung.

Das Recht des Vaters

Bislang gibt es fünf Fälle in den USA, in denen sich Scheidungspaare um ihren tiefgefrorenen Nachwuchs gestritten haben, und in allen Fällen urteilten die Richter unterschiedlich. Denn nur in fünf Staaten gibt es ein Gesetz, das den Umgang mit der künstlichen Befruchtung regelt und damit den Status der befruchteten Eizelle festlegt. Der erste Fall war der, den Stempel damals in der Datenbank fand, Davis vs. Davis, 1992 in Tennessee. Hier wurde dem Vater das Recht zugesprochen, die Embryonen, die er mit seiner Frau hergestellt hat, zu zerstören. 1998 folgte Kass vs. Kass in New York. 2000 wurde ein Fall in Massachusetts und einer in Washington entschieden. In Washington wollte der Vater die befruchtete Eizelle spenden, die Frau aber wollte sie austragen. Da der Vater das einzige genetische Elternteil war - die Eizelle war eine Spende - wurde seinem Wunsch stattgegeben. In New Jersey wurde im letzten Jahr keinem der beiden Elternteile Recht gegeben. Der Vater wollte die befruchtete Eizelle erhalten, und sie einem Paar zur Fortpflanzung spenden. Die Mutter wollte sie zerstören. Das Gericht erlaubte dem Vater zwar die Spende nicht, aber er durfte für die Miete des tiefgefrorenen Embryos zahlen und es so am Leben halten.

"Oh, und nebenbei", Stempel wirft seinen Dunkin-Donut-Becher in den Müll. Bald würden drei Richter des obersten Gerichts in New York, vor dem er seinen Fall verloren hat, pensioniert und sehr wahrscheinlich durch konservativere ersetzt. Und dann, sagt Stempel, könnte noch mal Bewegung in die New Yorker Sache kommen.

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