Zeitung Heute : „Die milderen Mittel sind ausgereizt“

Erlaubtes und Verbotenes: Der künftige UN-Richter Simma über die Regeln des Völkerrechts

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Die USA wollen dem Sicherheitsrat Beweise vorlegen, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfügt. Wie müssen diese Beweise aussehen, damit sie Folgen haben?

Es gibt im Völkerrecht keine Beweisregeln. Die Beweise müssen den Sicherheitsrat überzeugen. Das ist das Einzige, worauf es ankommt. Je stärker die neuen Beweise die bisherigen Auflistungen Saddams widerlegen, desto eher wird der Sicherheitsrat einen Beschluss fassen, dass der Irak die Verpflichtungen aus der Resolution 1441 nicht zu erfüllen gedenkt.

Wenn der Sicherheitsrat keinen neuen Beschluss fasst, genügt die Resolution 1441 für ein militärisches Eingreifen der USA?

Die Resolution ist äußerst sorgfältig formuliert. Beide Auffassungen lassen sich aus ihr ableiten: Die, dass für einen Militärschlag erst eine weitere Resolution nötig ist, und die, dass die Amerikaner auch ohne sie losschlagen können. Ein absichtlicher Formelkompromiss.

Kann eine unklare Resolution einen Krieg rechtfertigen?

Die UNCharta verbietet jede Gewalt, außer zur Selbstverteidigung. Eine Ermächtigung zum militärischen Eingreifen ist immer eine Ausnahme und Ausnahmen sind einschränkend zu interpretieren. Die Amerikaner stehen deshalb unter einer erhöhten Beweislast. Abgesehen davon wäre es mit einem Makel behaftet, wenn die Amerikaner die Auffassung der anderen Hälfte der Welt übergingen.

Wenn der Nachweis von Massenvernichtungsmitteln nicht gelingt, Saddam aber weiter nicht kooperiert, wie die Resolution es verlangt – ist dann ein Krieg gerechtfertigt?

Da gibt es das Problem der Verhältnismäßigkeit. Zuvor ist es nötig, die Inspektionen wirklich umfassend durchzuführen. Es wäre sehr problematisch, wenn Amerika dies nicht respektierte und einseitig losschlüge. Der Sicherheitsrat hat aber auch die Möglichkeit, gleich den Einsatz von Gewalt zu autorisieren, wenn er mildere Mittel nicht für effektiv hält. Und wie es aussieht, sind die milderen Mittel ausgereizt.

Ist eine eindeutige zweite Resolution nötig?

Die Amerikaner argumentieren immer noch auf Grundlage der Kuwait-Resolutionen von 1990 und 1991. Daraus folgern sie, dass jeder weitere Verstoß dagegen theoretisch zu einem Einsatz ermächtigt. Die Resolution 1441 sehen sie lediglich als Bestätigung, dass die Autorisierung zur Gewalt von damals wieder auflebt. Ich meine aber: Inzwischen ist so viel Zeit vergangen und so viel passiert, dass dies allein der Sicherheitsrat feststellen kann. Ich hoffe, dass den Inspekteuren ausreichend Zeit gegeben wird. Die Bedürfnisse des amerikanischen Militärs – etwa, dass es für einen Krieg im Sommer zu heiß wird – dürfen dabei keine Rolle spielen.

Hat Deutschland als UN-Mitglied Beistandspflichten, wenn der Sicherheitsrat einem Militäreinsatz zustimmt?

Nein. Die UN-Charta sieht solche Pflichten zwar vor. Aber dies war für den Fall gedacht, dass der Sicherheitsrat aufgrund von Sonderabkommen an einzelne Staaten herantritt und sie um Truppen bittet. Solche Sonderabkommen sind nie abgeschlossen worden.

Nach einem Gutachten des Bundestags dürfen die Amerikaner ohne neue Resolution nicht losmarschieren. Tun sie es doch, wäre sogar jede Unterstützung verboten, weil es sich völkerrechtlich um einen Angriffskrieg handeln würde. Stimmt das?

Wenn man davon ausgeht, dass die Resolution 1441 keinen Angriff trägt, ja. Deshalb will man sich in Berlin ja auch in dieser Frage nicht festlegen.

Viele Experten sagen, das Völkerrecht sei im Umbruch, und die UN könnten den Herausforderungen des Terrors nicht begegnen. Haben sie Recht?

Dafür ist der Fall Irak ein denkbar schlechter Anlass. Hier erwägen die UN, ob sie gegen einen souveränen Staat mit militärischen Mitteln vorgehen wollen. Das ist genau der Fall, den die Charta im Auge hat. Die Charta ist dem Terrorismus gewachsen. Man muss vielleicht die Staaten verpflichten, den Terror wirksam zu bekämpfen. Dafür muss man die Charta nicht ändern, eine Resolution genügt. Wenn die Staaten dagegen verstoßen, könnten sie mit Sanktionen belegt werden. Für eine solche Maßnahme fehlt aber offenbar der politische Wille. Das ist kein Problem der Charta.

Das Gespräch führte Jost Müller-Neuhof.

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