Zeitung Heute : Die Milliarden-Grenze ist geknackt

Berlin-Chemie sitzt fest verankert im Berliner Osten – und schätzt die Kooperation mit Kliniken von Weltruf und dem Forschungspark

Kevin Hoffmann

1,026 Milliarden. Als die Zahl erreicht war, gab es zwar keine Sekt-Party, das wäre wohl auch das falsche Signal gewesen. Aber gefreut habe man sich doch. An dem Punkt pflegt Reinhard Uppenkamp, seit zwölf Jahren Chef des Pharmaunternehmens Berlin-Chemie in Adlershof, Berliner Understatement: „Das ist eine schöne Zahl, die nehmen wir so zur Kenntnis“, sagt der sonst viel leidenschaftlichere Manager zur Tatsache, dass das Unternehmen 2008 erstmals die magische Grenze von eine Milliarde Euro Jahresumsatz erreicht hat. Streng genommen habe man die Milliarden-Schwelle ja auch schon zum dritten Mal durchbrochen: 1988 in DDR-Mark als VEB Berlin-Chemie, 2003 in D-Mark (als Deutschland aber schon die Umrechnung in Euro lernte) und eben jetzt, im Jahr der größten Krise seit dem Krieg.

Berlin Chemie (BC) hat schon fünf politische Systeme erlebt. Das Haus führt seine Ursprünge zurück auf die 1890 in Adlershof gegründete Firma Kahlbaum Laborpräparate. Man produzierte im Kaiserreich, der Weimarer Republik, der Nazi-Diktatur, wurde dann im DDR-Kombinat GERMED zu einem der wichtigsten Chemie- und Pharmabetriebe des Ostens und fand sich schließlich im wiedervereinigten Deutschland wieder am gleichen Standort. Der letzte Schritt von der Planwirtschaft in die freie Marktwirtschaft war schwer: 1992 wurde BC von der Treuhand an das italienische Familienunternehmen Menarini aus Florenz verkauft und dann ging es noch vier weitere Jahre bergab. Anders aber als so viele andere ostdeutsche Unternehmen wurde BC nicht ausgelutscht und abgewickelt, sondern eher „umgewickelt“: Menarini kam wieder ins Unternehmen und sorgte dafür, dass sich BC mehr auf das Pharma-Geschäft konzentrierte. Seit dem Tiefpunkt 1996 hat sich der Umsatz verzehnfacht, die Mitarbeiterzahl mehr als vervierfacht.

Berlin-Chemie ist heute in Teilen ehemaliger „Bruderstaaten“ wie Russland Marktführer für Medikamente, beschäftigt knapp 4600 Menschen in 31 Ländern, rund 350 neue Stellen sollen in diesem Jahr noch dazukommen. Ein Problem seien die hohen Forschungs- und Entwicklungskosten. BC konnte aber zuletzt mehr Medikamente auf den Markt bringen als viele Konkurrenten: zwei neue Diabetes-Präparate vor einem Jahr, und ein neuer Blutdrucksenker ist seit zwei Monaten auf dem Markt. Jedes Präparat muss in aufwändigen Verfahren an vielen tausend Patienten getestet werden unter Aufsicht von Medizinern. Da zahlt sich aus, dass Berlin Chemie nicht in der Provinz oder in einem Billiglohnland sitzt, sondern in Berlin mit Kliniken wie der Charité, die Weltruf genießen. Uppenkamp hält den Schritt des Senats, die Gesundheitsbranche besonders zu fördern, für sinnvoll und konsequent. Jetzt profitiert BC von der Nähe zu den bis zu 200 großen und kleinen Pharma- und Biotech-Unternehmen in der Stadt. Und natürlich von der Nachbarschaft zum Forschungspark Adlershof.

Eine Weltkarte, die über einem Treppenaufgang in einer der Produktionshallen hängt, zeigt die wichtigsten Vertriebsländer: Eingefärbt ist ganz Osteuropa, Asien bis nach Vietnam. Zugleich gibt sich BC ganz kiezig: Vier Schulen in der Nähe unterstützt man, betreibt Sportvereine und eine „Geschützte Werkstatt“, in der 39 geistig und körperlich behinderte Menschen betreut, beschäftigt und therapiert werden.

„Italiener und DDR-sozialisierte Ostdeutsche sind sich in einem Punkt ähnlich: Sie haben gelernt, den Mangel zu verwalten und zu improvisieren. Von dieser Flexibilität profitiert das Unternehmen.

Reinhard Uppenkamp, Chef Berlin Chemie

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