Zeitung Heute : Die Mir als Modell

THOMAS DE PADOVA

Die Mir und ihre zahlreichen Pannen bieten für eine Internationale Raumstation hervorragendes Anschauungsmaterial, sie blockiert die Entwicklung nicht, sie ist ihr Modell.VON THOMAS DE PADOVASie reparieren und reparieren.Keine Steuerung, kein Strom, ein leckgeschlagenes Modul.Einfache Kommandos, gefährliche Manöver.Die Kosmonauten auf der Mir mühen sich rund um die Uhr, die in die Jahre gekommene russische Raumstation instand zu halten.Doch wäre es nicht vernünftiger, die Mir stillzulegen? Wird Rußland seinen internationalen Verpflichtungen noch nachkommen können, wenn es seine Weltraumpläne nicht ganz auf die Internationale Raumstation konzentriert, mit deren Bau im kommenden Jahr begonnen und die mit 110 Metern Spannweite und einer siebenköpfigen Besatzung das bislang größte Gemeinschaftsprojekt der Menschheit im All werden soll? Rußland hat guten Grund, mit aller Kraft an der Mir festzuhalten.Seit elf Jahren zieht die bemannte Raumstation bereits ihre Bahnen um die Erde.Sie hat den Zerfall der Sowjetunion überdauert und kündet als letzter, steter Leuchtpunkt am Himmel noch vom Erfolg jener Raumfahrtpioniere, die im Wettlauf mit dem Westen oft ihre technische Überlegenheit unter Beweis stellen konnten.Dem "Piep, Piep, Piep" des ersten künstlichen Satelliten Sputnik lauschte 1957 die ganze Welt, ebenso der Nachricht vom Hund Laika, der als erstes Lebewesen die Erde umkreiste.Wenig später bekam die Menschheit die Rückseite des Mondes - von sowjetischer Kamera gefilmt - zu Gesicht, wurde Juri Gagarin als erster Kosmonaut gefeiert, landete die erste Sonde auf der Venus. All dies ist Vergangenheit, die die russische Bevölkerung freilich auch heute noch mit Stolz erfüllt.Das einstige Raumfahrtpotential indessen rostet vor sich hin: die überdimensionierte Trägerrakete Energija etwa oder der kaum mehr wiederbelebbare Shuttle Buran.Lediglich die Mir hat überlebt.Sie ist die zur Zeit einzige bemannte Station im All.Und sie ist das Kapital, das Rußland in die internationale Zusammenarbeit einbringen will, um das Raumfahrterbe wenigstens in Teilen fortzuführen. Ein Kapital, das schon heute Zinsen abwirft.Allein den Amerikanern ist der längere Mir-Aufenthalt von sieben Nasa-Astronauten fast 500 Millionen Dollar wert.Aus der bislang von keinem anderen Land auch nur annähernd erreichten Langzeiterfahrung in der bemannten Raumfahrt läßt sich aber auch in Zukunft Kapital schlagen.Denn Amerikaner und Europäer, Kanadier und Japaner, die neben Rußland am Bau der Internationalen Raumstation beteiligt sind, möchten von dieser Erfahrung profitieren, um böse Überraschungen zu vermeiden.Die nämlich könnten sie teuer zu stehen kommen: Das Apollo-Programm kostete - nach heutigem Geldwert - über zehn Jahre verteilt mehr als 100 Milliarden Mark.Die Kosten für Bau und Unterhalt der Internationalen Raumstation werden um Einiges höher liegen. Wer soviel Geld in die bemannte Raumfahrt zu investieren bereit ist, der sollte vorher jede Möglichkeit nutzen, die vielfältigen Gefahrenquellen zu studieren, die die lebensfeindliche Umgebung im All birgt.Die Mir und ihre zahlreichen Pannen bieten dafür ein hervorragendes Anschauungsmaterial. Die russische Raumstation mag manchem zwar veraltet erscheinen.Doch abgesehen davon, daß einige Bauteile, so auch das leckgeschlagene Spektr-Modul, erst in den vergangenen beiden Jahren hinzugefügt wurden, hatten auch die schwerwiegenden Unfälle nicht unbedingt mit dem Alter der Station zu tun.Der Zusammenstoß mit einem Transporter etwa hätte zu jeder Zeit ähnliche Folgen gehabt wie heute.Eine Wand von nur wenigen Millimetern Dicke - und das wird aus Gewichtsgründen auch bei der Internationalen Raumstation nicht anders sein - ist eben keine allzu große Sicherheitsgarantie.Die Mir blockiert die Entwicklung der Internationalen Raumstation nicht.Sie ist ihr Modell.

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