Zeitung Heute : Die mit dem Wolf ins Jahr 2000 tanzen

SANDRA PRÜFER

Ein neues Gespenst geht um in den USA: der Techno-Darwinismus.Seine Anhänger sind eine wachsende Gemeinde aus Computer-Experten, religiösen Eiferern, New-Age-Jüngern und fiffigen Unternehmern, die ihre Jobs aufgeben, in die Wildnis flüchten und Survival-Strategien vermarkten.Einer von ihnen ist Russ Voorhees, Gründer und Promoter der "Heritage Farms 2000" in South Dakota, wo Jahrtausend-Flüchtlinge ihre Wohnmobile aufschlagen und den prophezeiten Computercrashs ausharren können.Nur acht Kilometer vom Drehort des Films "Der mit dem Wolf tanzt" entfernt, sollen die Pächter in der 500 Hektar großen Landkommune (10 000 Dollar für fünf Jahre) Unterschluft vor dem sogenannten "Millennium Bug" finden."Die Welt wird nicht untergehen", beruhigt Voorhees, "und keiner wird in South Dakota verhungern." Die Jagdgründe seien nach wie vor reich, auch wenn die Büffel lange ausgestorben sind.

"New York, Chigago, Altanta und ein Duzend anderer Großstädte werden im Januar 2000 wie Beirut aussehen," mahnt Programmier-Guru Ed Yourdan in der Fachzeitschrift Techweek.Er ist deshalb bereits von New York ins ländliche New Mexico gezogen.In seinem Buch "Time Bomb 2000" spielt Yourdan durch, was passieren könnte, wenn es der Software-Industrie nicht mehr gelingt, die Computersysteme für das dritte Jahrtausend einzurichten (EDV-Slang: Year-2-Kilo).Die Schreckensszenarien reichen von mehrtägigem Daten-Chaos, wirtschaftlicher Rezession bis zum Untergang der westlichen Zivilisation."Wir wissen nicht, was passiert, wenn die Uhr am 31.Dezember 1999 Mitternacht schlägt", sagt Ed Yourdan: "Niemand weiß es." Persönlich geht der Autor von einem "Y2K-Hurrican" aus, der nur einen Tag wütet, aber ein Jahr Aufräumarbeiten erfordert.

Zufluchtsorte ("safe havens") wie "Heritage Farms" hält Peter de Jager, Computerfachmann und Vater der Y2K-Aufklärungs-kampagne in den USA, indes für völlig absurd."Wir haben ein Problem.Die Konsequenzen sind möglicherweise unerträglich", alarmiert er die US-Bürger."Deshalb müssen wir die Ärmel hochkrempeln und uns an die Arbeit setzen." Für ihn liegt die Lösung nicht darin, in die Berge zu fliehen, sondern die Software zu reparieren.

Hinter der Jahr 2000-Krise steckt das Versäumnis der Programmierväter, Jahreszahlen in vier Feldern anzugeben (98 statt 1998).Als Resultat wird am 1.Januar 2000 für zahllose Rechner das Jahr 1900 beginnen, was Systemabstürze oder völlig unsinnige Transaktionen zur Folge haben wird.Nach Schätzungen der Gartner Group müßten weltweit 300 bis 600 Millarden Dollar aufgebracht werden, um das Y2K-Problem zu beheben.Andernfalls könnten, so warnen Experten, ganze Wirtschaftszweige wie die Finanzwelt, der Flugverkehr, die Telekommunikation sowie die Lebensmittel- und Energieversorgung auf unbestimmte Zeit zum Erliegen kommen.

Stromausfälle brauchen die künftigen Bewohner der "Heritage Farms" nicht zu fürchten, denn der ehemalige Patentanwalt und Stadtplaner Voorhees hat vorgesorgt.Neben dem regulären Elektrizitätsnetz werden mit Sonnenkollektoren und Windrädern betriebene Generatoren für den Notfall bereitstehen.Satelliten-Schüsseln sollen sicher stellen, daß die Stadtflüchtlinge mit dem Rest der Welt via Telefon und Internet in Verbindung bleiben.Das Gelände wird zudem an ein leistungsfähiges Glasfaserkabelnetz angeschlossen, das der US-Staat vorausschauend in der Region zur Schaffung von Telearbeitsplätze verlegt hat.

Die Hälfte der Interessenten, so Voorhees, kommen aus der Computer-Industrie, die sich sichere "virtuelle" Arbeitsplätze einrichten wollen."Sie sind begeistert über den garantierten Fortbestand der Infrastruktur.Wohl wissend, daß sie nach 2000 sehr gefragt sein werden, um das Computer-Chaos wieder in Ordnung zu bringen, wollen sie gerüstet sein." Obwohl sich das Projekt noch in der Planungsphase befindet, geht der Utopist optimistisch davon aus, alle 500 Parzellen bis Ende des Sommers zu veräußern.Zu den Anwärtern zählen nach seinen Angaben viele rüstige Frührentner, die sich beim Aufbau der "Modell-Siedlung für das nächste Jahrtausend" nützlich machen wollen, und Familien, die Amerikas Mittelschicht und deren Werte repräsentieren.Auf Sektenanhänger und paramilitärische Gruppen möchte er lieber verzichten."Wir wollen einen Querschnitt der Gesellschaft haben", erklärt Voorhees.

Die Musterfarm soll nicht allein High-Tech-Business, sondern auch nach Natur und heile Welt dürstende Touristen anziehen.Neben der Hauptstraße im guten alten Wild-West-Stil soll als Attraktion "die weltgrößte Friedenspfeife" errichtet werden, die weit sichtbar 150 Meter in den Himmel ragt.Auf der Aussichtsplattform im "Mundstück" sollen Besucher den Panoramablick über die Prärie genießen.

Genau das ist für Joel Skousen, Autor des Überlebensführers "Stategic Relocation: North American Guide to Safe Places", der Knackpunkt.Er meint, daß die Selbsthilfe-Kommunen dem Druck von hungrigen Nachbarn und feindlichen Eindringlingen nicht standhalten werden.Statt dessen empfielht der Y2K-Sicherheitsberater, Eigenheime mit Alarmsystemen und alternativen Energiequellen auszurüsten und ausreichend Vorräte und Bargeldreserven zu horten.

Diese Art der Panikmache führt mittlerweile zu massiven Gegenreaktionen.So ermahnte William Ulrich kürzlich in der Zeitschrift "Computerworld" die Y2K-Programmierer, sich gefälligst wie gute Staatsbürger zu verhalten und in ihren Jobs zu bleiben.Ulrich ist beunruhigt, daß "das Plündern von Bankkonten und Supermärkten zum allgemeinen Verhalten" werden könne.Damit würden die Techno-Darwinisten die Krise, die sie heraufbeschwören, selber schaffen.

Links: Russ Voorhees: www.heritagefarms2000.com , Ed Yourdon, Ko-Autor von "Time Bomb 2000": www.yourdon.com , Peter de Jager, Year 2000 Information-Center:, www.year2000.com , Joel Skousen, Y2K-Sicherheitsberater: http://xsw.com/securehome/

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