Die  MITFAHRER : Im Zauberbus

Strecke: Berlin-Dresden Dauer: 1 Stunde, 40 Minuten Auto: VW Bus, blau Insassen: 6.

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Dieses Mal: Strecke: Dresden–Berlin Dauer: 2 Stunden Auto: Opel Astra, silber Insassen: 5.
Dieses Mal: Strecke: Dresden–Berlin Dauer: 2 Stunden Auto: Opel Astra, silber Insassen: 5.Illustration: TSP

In „Harry Potter“ gibt es diesen Bus, der die Zauberer aus Notsituationen rettet. „Fahrender Ritter“ hat Joanne K. Rowling ihn genannt. Neulich hat er mich auch mal mitgenommen.

Gebucht habe ich die Fahrt im Internet. Am Telefon sagte mir ein Mädchen, ich müsse entgegen der Fahrtrichtung sitzen. Mir wird schon schlecht, wenn ich in der Tram zwei Stationen rückwärts fahre, aber ich muss zu einem Frühstück nach Dresden, zu früh für den Zug. Ich verschweige meinen empfindlichen Magen und stehe morgens um sieben übermüdet am Treffpunkt, Tankstelle Hermannplatz. Es regnet, ein Besoffener beschimpft mich. Ich bin eine Hexe in Not – da steht plötzlich der Zauberbus vor mir.

Ein braun gelockter Junge strahlt mich an. „Du bist Julia, oder? Komm rein, mach’s dir gemütlich.“ Ich steige in den Bus, setze mich, vor mir ein Stapel Matratzen. Der Junge reicht mir ein paar Kissen. „Leg die Beine hoch, schlaf noch ein bisschen.“ Er breitet eine Decke über mir aus, so wie es der Schaffner Stan Shunpike in „Harry Potter“ auch tun würde. Nur die Wärmflasche, die Gäste im „fahrenden Ritter“ bekommen, fehlt.

Ich schaue mich um. Im Bus sind Netze aufgespannt, darin baumeln Isolierband, Karabiner, Beutel mit Magnesia, dem weißen Pulver gegen schwitzige Hände. Ein paar Reiseführer fliegen umher, überall liegen Seile. Ich stutze. Tatsächlich: Meine Mitfahrer sind Kletterer. Auf dem Weg in die Sächsische Schweiz. Ich muss lachen. Ich klettere nämlich auch.

Ob sich der Bus für einen Musikfan wohl in ein fahrendes Aufnahmestudio verwandelt hätte? Oder die Rückbank in eine Wiese mit Löchern, wenn ich leidenschaftlich golfen würde?

Ich merke nicht, wie wir Berlin verlassen. Ich vergesse, dass mir beim Rückwärtsfahren schlecht wird. Wir reden über die besten Hallen in Berlin, Lieblingsfelsen in Frankreich, erzählen von Kletterunfällen und Glücksmomenten.

Dann streckt sich eine Hand nach hinten, jemand reicht mir eine Bäckertüte. Schokocroissants. Klar, hier im Zauberbus wissen sie natürlich, dass ich morgens nichts lieber esse. Fehlt nur noch Kaffee ... Schon geht eine Thermoskanne rum. Im „fahrenden Ritter“ müssen die Gäste für Kakao und Kuchen bezahlen.

Als wir Dresden erreichen – es ist kaum Zeit verstrichen, der Zauberbus kann große Distanzen mit wenigen Sprüngen überwinden – bin ich ein bisschen froh. Langsam wurde mir mein Glück unheimlich. Natürlich fragen mich die Kletterer noch, wo ich denn genau raus müsse. Ob ich mal mitklettern wolle. Dann umarmen wir uns. Im Harry-Potter-Bus kostet die Strecke 11 Sickel. Ich zahle 10 Euro. Julia Prosinger

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