Die  MITFAHRER : In der Enge eines Autos

Strecke: Berlin-Düsseldorf Dauer: Sechseinhalb Stunden Auto: Ford Fiesta, rot Insassen: 5.

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Dieses Mal: Strecke: Dresden–Berlin Dauer: 2 Stunden Auto: Opel Astra, silber Insassen: 5.
Dieses Mal: Strecke: Dresden–Berlin Dauer: 2 Stunden Auto: Opel Astra, silber Insassen: 5.Illustration: TSP

Die Frau hinten links ist Hundefriseurin und will zum Shoppen nach Oberhausen. Ihre selbst gebackenen Fenchelkekse bröseln stark, der rechts neben ihr sitzende Herr wischt sich nervös die Krumen vom Anzug. Er sei, erzählt er kurz hinter Wolfsburg, Außendienstmitarbeiter eines großen deutschen Elektronikkonzerns, nun ja, gewesen, bis letzten Monat, jetzt steht ein Vorstellungsgespräch in Dortmund an. Dortmund, wirft die Studentin ein, die kampflos den Beifahrersitz abbekommen hat, weil sie wirklich ziemlich schwanger ist, Dortmund, das ist doch da, wo der Grönemeyer mal drüber gesungen hat? Bochum, verdammt, brüllt der Fahrer, ein Ruhrgebietspatriot auf Heimfahrt, Bochum, verwechsle das noch mal und du läufst zu Fuß, schwanger oder nicht! Die Studentin kichert. Die Hundefriseurin summt „Kinder an die Macht“, der Außendienstmitarbeiter erzählt von der Band seiner Tochter, „die machen so Rap, aber mit Geige“. Die Frau hinten rechts pellt schweigend ein hart gekochtes Ei.

Erfährt man irgendwo mehr über seine Mitmenschen als in der Enge eines Autos? Zusammengepfercht auf kleinstem Raum werden Fremde zu Weggefährten – und Weggefährten mitunter zu Freunden. Man hat ein gemeinsames Ziel, oder wenigstens eine gemeinsame Richtung. Alle Augen sind nach vorne gewendet, man muss sich beim Sprechen nicht ansehen, das lockert die Zungen. Man ist unterwegs und in Bewegung, in der Luft liegen Möglichkeiten. Wie viele Liebschaften haben zwischen Avus und Kamener Kreuz ihren Lauf genommen, wie viele Firmenideen wurden ausgeheckt, Reisepläne geschmiedet, Freunde fürs Leben gefunden?

Von all dem wird diese Kolumne handeln. Von Gesprächen über Gott und die Motorwelt, von überraschenden Offenbarungen an Autobahnraststätten, von geteilten Mahlzeiten im Stau. Mitunter werden wir auch einen Blick zurückwerfen, auf die Zeit, als Mitfahren noch bedeutete, sich mit erhobenem Daumen am Rasthof Dreilinden zu postieren, in der Hand vielleicht ein selbst gemaltes Schild mit der Aufschrift „Freiburg“, „Paris“ oder „Weit weg“, wie man es heute immer seltener sieht. Auch um die allmähliche Ablösung des Trampens durch organisiertere Formen des Mitfahrens wird es gehen, von Kleinanzeigen à la „Suche MFG gegen BKB“ (für Nachgeborene: Mitfahrgelegenheit gegen Benzinkostenbeteiligung) bis zu den heute verbreiteten Online-Mitfahrbörsen. Ab jetzt und alle 14 Tage – gute Fahrt! Jens Mühling

„Die Mitfahrer“ lösen unsere Kolumne „Unter Heimwerkern“ ab, die an dieser Stelle zwei Jahre lang erschienen ist.

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