Zeitung Heute : Die moderne Housefrau

DJs sind nachtakive Wesen und außerdem ständig unterwegs. Wie lebt es sich an der Seite solcher Männer? Vier Geschichten von der B-Seite des Lebens.

Protokolle: Ulf Lippitz

Xenia Beliayeva, 26, seit zwei Jahren mit Oliver Huntemann zusammen

Ich bin vielleicht bei zwei von zehn Auftritten von Oliver dabei. Gerade im Ausland kann ich nicht immer mitkommen. Ich arbeite in der Plattenfirma Ladomat 2000, lege auch auf und habe ein eigenes Musikprojekt unter meinem Namen. Vor kurzer Zeit waren wir zwei Wochen in Australien, Oliver hat vier Mal aufgelegt, und die restliche Zeit haben wir Urlaub gemacht. Das ist natürlich ein klarer Vorteil!

Wir haben uns in Hamburg auf einer Büro-Party kennen gelernt. Ich war ein wenig beschwipst, weil ich gleichzeitig die erste Veröffentlichung meines Labels Lone Records gefeiert habe. Oliver sprach mich an und trat dabei von einem Fettnäpfchen ins andere. Er sagte dumme Sachen wie: „Ein Mädchen, das auch was mit Musik macht – toll!“ Aber er tat das auf eine nette Art.

Dass er DJ ist, hatte ich gehört, das war mir aber egal. Ich arbeite seit Jahren mit Musikern. Jeder will mit dem Kopf durch die Wand, da ist Oliver keine Ausnahme. Zum Beispiel, dass er einen einfach mit Terminen konfrontiert, die er schon beschlossen hat. Das ist in einer Beziehung nicht einfach. Am Wochenende muss er regelmäßig arbeiten. Wenn es hart kommt, fliegt er am Freitagnachmittag weg, wenn ich aus dem Büro komme – und kommt am Sonntag spätabends zurück. Phasenweise fühle ich mich damit unwohl. Wenn ich ausgehe und Freunde treffe, fragt jeder: „Na, ist dein Freund wieder unterwegs?“ Manchmal fahre ich dann zu meiner Familie nach Düsseldorf, gehe zum Sport oder fahre ans Meer. Auf der anderen Seite muss ich selbst viel arbeiten am Wochenende, wenn ich Bands vor Ort betreue, mir junge Künstler ansehe oder einen Auftritt habe. In der Woche arbeite ich oft auch bis spät. Da bleibt nur noch Zeit für eine Tasse Tee zu Hause, ein Buch oder Fernsehen.

Da wir beide im Musikgeschäft arbeiten, muss er mir nicht erklären, was eine Monitorbox ist und wie sie funktioniert. Ich brauche Oliver als Reflexionsebene für meine Musik. Er sagt mir, wenn ich falsch oder zu unrhythmisch singe. Er kann meine neuen Künstler in Clubs testen, deren Platten auflegen und mir die Reaktionen berichten. Legt er eine Platte auf, die ich doof finde, lästere ich auch. Demnächst wollen wir in Hamburg zusammenziehen. Damit nicht zu viel Zeit dadurch verschluckt wird, dass wir von einer Wohnung zur anderen fahren.

Camila Soares, 26, seit sieben Monaten verheiratet mit Alexander Schwarz vom DJ-Duo Tiefschwarz

Das vergangene Jahr bin ich viel mit Ali umhergereist, wenn er aufgelegt hat. Im Februar habe ich es mir anders überlegt. Auf diesen Kurzreisen sah man außer dem Club und dem Hotel selten etwas von der Stadt. Man bekam kein Gefühl für sie und lernte keine Menschen kennen. Wenn Ali nun einen Kurztrip hat, bleibe ich in Berlin. Dann gehe ich im Volkspark Friedrichshain spazieren und radle einfach durch die Stadt. Abends treffe ich Freunde, esse im „Il Contadino sotto le stelle“ in der Auguststraße, anschließend ziehen wir weiter, um im Weekend Club zu tanzen. Oder wir gucken uns Auftritte von Künstlern wie Dani Siciliano und The Knife an. In Berlin wird einem nie langweilig, leider sind in den Clubs die Menschen nicht so offen wie in Brasilien, wo ich herkomme. Es nervt manchmal, wenn die Leute mich immer als „die Frau von Ali“ vorstellen, ich denke dann: „Nein, ich bin Camila.“

In Sao Paolo habe ich Ali vor zwei Jahren in einem Club kennen gelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich stand im Club, er kam auf mich zu und ergriff sofort meinen Arm. Er hat den ganzen Abend nicht losgelassen. Wir haben drei Tage zusammen verbracht, uns dann immer irgendwo auf der Welt getroffen – mal in Mexiko, mal in Europa, dann wieder in Brasilien. Es war eine wunderbare Zeit, verbunden mit schönen Erlebnissen, so als würde man die Hochzeitsreise ständig wiederholen, aber der Abschied wurde immer schlimmer. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir uns jetzt zusammen ein Leben in Berlin aufbauen. Natürlich gibt es Momente, in denen ich auf dem Balkon sitze, auf den Park schaue und denke: Die Frau eines DJ zu sein, hat nicht nur Vorteile. Aber ich sitze nicht herum und warte, dass Ali endlich nach Hause kommt. Ich verbringe zwar mehr Zeit allein als in Brasilien, aber das hilft mir, mich selbst besser kennen zu lernen.

Liora Mirnik, seit fünfeinhalb Jahren mit Oskar Melzer zusammen

Wenn Oskar abends aus dem Haus geht, um im Weekend Club aufzulegen, geht er zur Arbeit – und ich finde es großartig, dass ihm die so viel Spaß macht. Ich muss nicht immer dabei sein, Oskar kommt ja auch nicht mit, wenn ich arbeiten gehe. Nur wenn ich wirklich Lust habe zu tanzen oder mir bestimmte DJs anhören will, komme ich mit.

Ich liebe den Tag, stehe gern früh auf, auch am Wochenende. Wache ich auf, kommt er gerade von der Arbeit, im Arm frische Croissants, wir frühstücken dann, er geht ins Bett, ich lese in aller Ruhe meine „Vanity Fair“, genieße meinen Milchkaffee, besuche meine Oma oder gehe mit Freunden auf den Flohmarkt. Am Nachmittag ruft er mich an, wir gehen ins Museum oder abends ins Kino. Klar verbindet uns die Musik, ich habe auf einem Track für ihn gesungen, er ist auf der ersten F.U.N. Compilation zu hören – aber wir teilen eben auch andere Interessen: Kunst, Architektur, Reisen und eine Leidenschaft fürs Kochen und Essen.

Ich kenne Oskar, seit er zehn Jahre alt ist. Wir haben uns auf Kinderreisen getroffen, unsere Eltern hatten bei derselben Organisation gebucht, er kam aus München angereist, ich aus Berlin. Als er vor acht Jahren nach Berlin zog, hat er mich angerufen, weil meine Telefonnummer noch aus alten Zeiten in seinem Adressbuch stand. Aber erst Silvester 2001 hat es gefunkt. Damals wohnte ich noch in London, kam nur sporadisch nach Berlin, aber nach eineinhalb Jahren Fernbeziehung dachte ich: Ich lebe zwar in London, es ist aber schade, wenn man den Tag nicht mit demjenigen teilen kann, der einem am nächsten steht. Seitdem unternehmen wir viel gemeinsam, aber ich lege auch Wert auf meine Selbständigkeit. Ich arbeite als Sprecherin – unter anderem spreche ich die Trailer für MTV.

Mir macht es Spaß, auch allein Zeit zu verbringen, zu lesen, Freunde zu treffen. Wenn er mal in einer anderen Stadt auflegt und ich hier bleibe, schickt er nachts immer eine SMS: „War gut. Bin fertig. Gehe jetzt schlafen.“ Das finde ich schön. Größere Fernreisen unternehmen wir gemeinsam. Letztes Jahr wurde er für einen Gig nach Tokio eingeladen. Da haben wir eine Woche angehängt und uns die Stadt angesehen. Ist doch toll, wenn wir beide etwas von Oskars Beruf haben und so gemeinsam eine aufregende Zeit verbringen.

Christina Liebing, 29, seit zwei Jahren mit Chris Liebing verheiratet, lebt in Frankfurt am Main

Was er wohl jetzt wieder anstellt? Die Frage stelle ich mir nie. Es ist interessant, dass sie häufig an Freundinnen von DJs gestellt wird – und nie andersherum. Wir können doch auch um die Häuser ziehen. Na ja, obwohl ich im Moment darauf verzichten würde. Im Januar wurde unsere Tochter Greta geboren. Ich bin relativ oft zu Hause, meist kommt meine Mutter, und ich arbeite Sachen auf, da ich für Chris das Booking betreue, die Flüge buche und Rechnungen schreibe. Greta wird komplett gestillt. Das kostet viel Zeit. Dass ich mal auf der Couch liege und relaxe, kommt nicht vor. Ab und an gönne ich mir eine Massage, aber ich versuche natürlich, für Chris erreichbar zu sein. Es passiert immer wieder, dass ein Flieger nicht startet, ein Fahrer nicht auftaucht, und dann versuche ich zu helfen. Vor der Schwangerschaft bin ich fast immer mitgereist. Abends habe ich mich um Abrechnung, Getränke, Fotos für die Webseite, Fahrer und Gästelisten gekümmert. Manchmal fahren wir noch zusammen, aber dann mit Greta und Oma oder Tante im Gepäck. Gerade bei bestimmten Gigs wie einer Mayday oder Verleihungen möchte ich nicht fehlen. Das ist wie ein Familientreffen in der Branche.

Als wir zusammengekommen sind, so vor elf Jahren, war Chris noch ziemlich unbekannt. Damals hatte ich keine Ahnung, dass man beruflich DJ sein kann. Ich fand das eher lächerlich. Als ich das erste Mal mit ihm in einen Club ging, hat mich die Musik schockiert. Ich stehe mehr auf Motown und Soul. Er hat mir elektronische Musik sehr ruhig und mit großer Leidenschaft erklärt. Als der Erfolg bei ihm kam, sind wir auch als Paar gewachsen. Das ging nicht ohne Kompromisse. Mich nervt, dass ich oft „die Freundin von …“ bin, Fans nachts anrufen oder plötzlich vor der Tür stehen.

An Familienfeiern am Wochenende oder spontane Kurzurlaube ist gar nicht zu denken. Ich bin mit Greta allein, während Chris in der Welt herumfliegt. Wir haben jetzt ein System eingerichtet: Montags ist Chris für unser Kind da, ich mittwochs, dazwischen helfen Tagesmutter und Omas aus. Und zwei Mal die Woche kocht Chris für mich.

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