Zeitung Heute : Die Musik spielt in Berlin

Die Digitalisierung der Unterhaltungsindustrie verändert die Medienberufe – Einstieg über Selbstständigkeit

Rudi Kulzer,Regina-C. Henkel

Von Rudi Kulzer

und Regina-C. Henkel

Berlin ist Medienstadt und ein Zentrum der Unterhaltungselektronik. In einer Zeit, in der Computermessen wie Comdex in Las Vegas und Cebit in Hannover schwer mit der Stagnation der IT-Industrie zu kämpfen haben, steht die Internationale Funkausstellung (IFA) auf dem Messegelände am Funkturm besonderes im Rampenlicht, denn: Unterhaltung mit Hilfe digitaler Medien ist Trumpf und das Wachstum der Elektronikindustrie kommt derzeit mehr aus den Geldbörsen privater Verbraucher als aus den Budgets der Unternehmen.

Was diese Entwicklung für die Berufschancen in der Unterhaltungselektronik und den Medien bedeutet, ist offensichtlich: „Die Zeichen in der Unterhaltungselektronik stehen in Deutschland schon lange auf Dienstleistung“, sagt Sabine Quandt, Sprecherin des Young Media Parks Berlin. Dessen Veranstaltungen in der Hallen 1.1 der IFA bekommen immer größeres Gewicht. Kein Wunder: Mit einem Kaufmannsbrief für Rundfunk- und Fernsehtechnik kommt man heute im Bereich „Consumer Electronics“ nicht mehr weit. Das zeigt schon das Glossar auf der IFA-Homepage. Da ist von ASCII (Abkürzung für American Standard Code for Information Interchange) die Rede und meint den international verwendeten digitalen Code für Buchstaben, Ziffern und Sonderzeichen. Oder es wird erklärt, was sich PCMCIA (Personal Computer Memory Card Industry Association) bedeutet: Eine ursprünglich für die Speicherkartenerweiterung von Laptops vorgesehene Schnittstelle, die heute auch für miniaturisierte Modems oder Descrambling Systeme beim Digitalen Fernsehen verwendet wird. Wer in der Unterhaltungselektronik arbeiten und aufsteigen will, muss diese Begriffe kennen – und deren Anwendungen aus dem FF beherrschen. Young Media Park-Sprecherin Quandt sagt deshalb: „Wir müssen uns verstärkt um Ausbildungsplätze in den Medienberufen der Unterhaltungsbranche kümmern, vor allem hier in der Hauptstadt.“

Konsumieren im Cyberspace

Wohl wahr. „Consumer Electronics“, wie Unterhaltungselektronik heute neudeutsch heißt, bieten Ein- und Aufstiegsmöglichkeiten – für Qualifizierte. Dass Spezialisten mit dem nötigen Biss für eine selbstständige Unternehmer-Existenz deutlich bessere Chancen haben als diejenigen, die für ihr berufliches Glück einen Arbeitgeber brauchen, ist für die Medien-, Musik-, IT- und die Veranstaltungsbranche typisch. Die Macher dieser Bereiche sind die Hauptakteure der IFA 2003 vom 29. August bis 3. September und die haben eins gemeinsam im Fokus: die Digitalisierung der Medien – mit den Möglichkeiten des Internet im Mittelpunkt.

In der Musikbranche ist das besonders deutlich. Ihre Produkte werden immer weniger im „Plattenladen“ gekauft, sondern aus dem Cyberspace geladen, legal oder illegal. Diese Herausforderung hat weltweit die Musikszene durcheinandergewirbelt. In Berlin dagegen entwickelt sich alles bestens. In der Hauptstadt werden inzwischen nicht nur 60 Prozent der Inlandsumsätze der Musikindustrie realisiert – von Global Players ebenso wie von kleinen Labels. Und die PopKomm wurde von Köln nach Berlin geholt. Wolfgang Wagner, stellvertretender Pressesprecher der Messe Berlin, sagt dazu: „Der Umzug dieser Fachmesse ist nur logisch. Die Messe Berlin hat sich in der Musikbranche mit der Organisation von Veranstaltungen wie der Verleihung des Schallplattenpreises ,Echo’ einen Namen gemacht. Mit der strategischen Partnerschaft mit der VIVA Gruppe baut sie ihren Kompetenzbereich Musik und Entertainment aus.“ Die Entwicklung insgesamt zeige, dass „die Musik in Berlin spielt“.

Nichts geht mehr ohne IT

Um Musik allein freilich geht es dabei schon lange nicht mehr. Schließlich erwarten die Konsumenten von Musiksendungen immer raffiniertere Videoclips. Da sind Medien-Techniker und -Manager gefragt – zum Beispiel Film- und Medieneditoren. Allein im Ausbildungsatlas der Industrie- und Handelskammer Berlin sind derzeit 17 Betriebe gelistet, die junge Leute in diesem Beruf ausbilden. Jede Menge Bewegung wird auch bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten erwartet. Diese stehen vor der Herausforderung, ihre Contentproduktion schneller und kosteneffizienter zu gestalten.

Da diese Ziele nicht mit konventioneller Technik erfüllbar sind, werden Lösungen aus dem IT-Umfeld benötigt – also werden bundesweit Fachleute gebraucht. Unter anderem auch, weil Berlin den anderen Bundesländern beim Umstieg der terrestrischen Fernsehversorgung von analog auf digital, von PAL auf DVB-T vorausgeeilt ist. Das „ÜberallFernsehen“ wird auf der IFA einen Schwerpunkt bilden. Am 28. August wird dazu von 13 Uhr bis 17 Uhr 30 in Halle 7.3 (Saal Europa 2) ein Forum veranstaltet.

Im Aufwind sind derzeit auch Fachkräfte für Veranstaltungstechnik. Laut Bundesinstitut für Berufsbildung (bibb) gab es 1998 erst 342 Auszubildende, im Jahr 2001 (jüngere Zahlen liegen noch nicht vor) waren es bereits 1853. Und mehr als 30 Berliner Betriebe bieten auf der Homepage der IHK Berlin Ausbildungsplätze an, einer davon sogar mehr als ein Dutzend auf ein Mal. Den zweiten Teil der dualen, üblicherweise dreijährigen Ausbildung übernehmen in Berlin die Oberstufenzentren (siehe Anhang). Aber auch die Berliner Hochschulen geben ihr Bestes, um Berlins Profil als Medienstadt und Zentrum für Unterhaltungselektronik zu optimieren. Die Technische Fachhochschule Berlin etwa bietet im Fachbereich Informatik die Studiengänge „Druck- und Medientechnik“ und „Medieninformatik“ an. Um die rund 40 Studienplätze im Wintersemester bewerben sich bis zu 500 Kandidaten, die Fachabitur und eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein dreizehnmonatiges Praktikum in der Druck- und Medienindustrie mitbringen müssen.

Nathalie Wegner, 27, die in siebte Semester an der TFH geht und ihre Zukunft eigentlich in der Zeitungsproduktion sieht, weiß: „Ohne Internet läuft heute auch im Printbereich gar nichts mehr. Man muss einfach wissen, wie sich die elektronischen Medien entwickeln und welches Know-how dort angewendet wird.“ Wer sich auf diesen Bereich spezialisieren will, hat dazu etwa an der FH Düsseldorf die Möglichkeit. Der interdisziplinäre Studiengang Medientechnik schließt mit dem Grad Diplom-Ingenieur (FH) ab und qualifiziert für alle Bereiche, in denen digitale Medien eingesetzt werden.

Trotz der Vielfalt möglicher Lernberufe in der Unterhaltungselektronik und den damit verbundenen Medien müssen viele Auszubildende nach der Lehre mit einem Realitätsschock rechnen. In Kreativbranchen musste man sich schon immer durchboxen. Das lehrt die Geschichte der Studios in New York und Hollywood. „Wir bereiten die Studierenden darauf vor, dass der Weg zum Erfolg häufig über eine freiberufliche Tätigkeit führt“, sagt Uta Polland, Pädagogin für Medienarbeit. Veranstaltungstechniker und Event Manager hätten aber schon deshalb gute Zukunftschancen, da im Jahr 2006 die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland ausgetragen wird. Da heißt es „am Ball“ bleiben, denn freiberuflich zu arbeiten garantiert die Kontakte, die man in allen Medienberufen unbedingt braucht.

Weitere Informationen unter:

www.ifa-berlin.de , Oberstufenzentren: Druck- und Medientechnik: www.oszdruckmedienberlin.de , 41 47 92 - 0; Kommunikations-, Informations- und Medientechnik: www.oszkim.de , 49 30 70; Informations- und Medizintechnik: www.ozimt.de , 49 30 70.

TFH Berlin: www.tfh-berlin.de 45 04 - 20 20, FH Düsseldorf: www.fh-duesseldorf, 02 11/811-3358.

http://ihk.dasburo.de/bildung/atlas/mitte.htm .

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar