Zeitung Heute : Die Musterknaben

In Berlin häufen sich Übergriffe auf Polizisten. Wie sieht der Alltag der Beamten aus? Wir haben zwei von ihnen eine Nacht lang begleitet.

Carsten Jasner

Am Nachmittag ist Jochen Wolf, 43, den sie auf der Wache alle „Dicker“ nennen, hinter seiner Frau durch Ikea getrottet und hat abgenickt, was sie in den Einkaufswagen schaufelte: Wandlampen und Zimmerpflanzenhocker für ihr Haus am Kaulsdorfer See. Sie bauen erst nächstes Jahr, aber seine Frau kauft in ihrer Vorfreude schon jetzt die Einrichtung.

Marc Rosenbaum, 32, genannt „Rose“, ist mit der Familie durch halb Berlin gefahren, um für die Zwillinge neue, noch sicherere Kindersitze zu kaufen. Dunkelblau sollten sie sein, passend zur Farbe des Vans. Am Ende war doch einer rosa, weil die zweieinhalbjährige Tochter auf ihrer Lieblingsfarbe bestand.

Am Abend sitzen Wolf und sein Streifenpartner Rosenbaum als Kommissar und Polizeiobermeister im Funkwagen und erzählen von einem ihrer brutalsten Einsätze der letzten Zeit. „Sein Gesicht war ein Teller rote Grütze“, sagt Rosenbaum. „Der war ein Tier“, sagt Wolf. Mit vier Kollegen hätten sie auf den Mann im Foyer des Westin Grand Hotel eingedroschen, „und wenn ich zuhaue“, sagt Rosenbaum, stattliche Figur, die kurzen Haare leicht gegelt, „dann tut es weh“. Der Mann hatte eine Suite auseinander genommen, eigentlich ein Hänfling, aber voll mit Alkohol und Kokain. „Schmerzempfinden gleich Null.“ Einen wuchtigen Eichentisch habe er quer durch die Halle geschmissen, eine Kollegin krankenhausreif getreten, zwei Beamte, die auf ihm saßen, abgeschüttelt wie Fliegen. Rosenbaum haute schließlich mit seinem Funkgerät drauf, doch „gerettet“ habe sie der „Dicke“, der dem Mann mit seinen vollen 100 Kilo die Luft abdrückte. „Dieser Beruf ist manchmal so Scheiße“, sagt Wolf, „das können Sie sich gar nicht vorstellen.“ Er ist einer von etwa 25 000 Berliner Polizisten.

Es ist kurz nach sieben, ein Samstagabend in Berlin-Mitte. Über den Alexanderplatz schleppen Menschen ihre Einkäufe nach Hause wie Eichhörnchen. Im Schritttempo rollen Wolf und Rosenbaum zu einem Nebeneingang des Kaufhof, es ist ihr erster Einsatz in dieser Nachtschicht, ein Ladendiebstahl. Vor einer knappen Stunde haben sie auf dem Abschnitt 32 in der Jägerstraße ihren Dienst angetreten. Haben die Waffe aus dem Tresor geholt, die sie nie mit nach Hause nehmen, weil sie „zu Hause nicht Polizist sein wollen“. Sie haben sich fünf fortlaufende Vorgangsnummern ausdrucken lassen; sie sollen die Anzeigen kennzeichnen, die sie in dieser Nacht voraussichtlich schreiben werden. Rosenbaum hat zum ersten Mal seinen Kaffeepott gefüllt, „Marc, der Kraftvolle“ steht darauf, ein Geschenk seiner Frau, und gesagt „fünf Nummern, das wird ausreichen“, obwohl Wolf befand, es sei Vollmond, und „da drehen sie schon mal am Rad, die Berliner“.

Zwölf Stunden liegen vor ihnen. Die Zeit kann verstreichen mit dem Ausfüllen von Strafzetteln für Falschparker, sie kann aber auch enden mit einem Messerstich oder einer Kugel im Brustkorb. So wie für einen Beamten in der vergangenen Woche vor dem Kanzleramt.

Laut Polizeigewerkschaft gab es im letzten Jahr bundesweit 23 000 Fälle von Widerstand gegen die Polizei, das ist fast ein Viertel mehr als vor sieben Jahren. In 700 Fällen mussten die Kollegen für eine Woche krankgeschrieben werden. Wenn Wolf und Rosenbaum Glück haben, dann passiert ihnen nichts in dieser Nacht. Wenn sie aber Pech haben, dann passiert überhaupt gar nichts, und sie schlafen ein. Auf einen Adrenalinschub zur „toten Stunde“ gegen 4 Uhr hoffen alle, und zugleich hoffen sie, dass die Schlägerei, oder was immer sie wach halten wird, glimpflich für sie ausgeht.

Rosenbaum guckt finster

Der Ladendieb, der im Büro der Kaufhausdetektive am Alexanderplatz auf einer Holzbank kauert, macht keinen gewaltsamen Eindruck. Ein Mittfünfziger, zerschlissene Turnschuhe, den gesenkten Kopf unter einer Baseball-Kappe verborgen. Er lässt sich widerstandslos abtasten und die Hände auf dem Rücken in Handschellen legen. Weil seine Papiere nicht ausreichen, um seine Identität „zweifelsfrei festzustellen“, wird er zur Gefangenensammelstelle gebracht. Es besteht „Verdunklungsgefahr“. Er hat eine Flasche Wodka Gorbatschow geklaut.

Als ihm auf dem Weg zum Auto die Hose rutscht, bittet der Gefesselte um Hilfe. Wolf streicht über seinen Zweitagebart, murrt, „das kann doch wohl nicht wahr sein“, und hält die Hose fest. Rosenbaum setzt sich hinters Steuer.

Rosenbaum, der Jüngere, verheiratet, zwei Kinder, Nettogehalt 2500 Euro, ist ein freundlicher, dienstbeflissener Typ, der nichts dem Zufall überlässt. Unter seinem Hemd trägt er eine 60-lagige Schutzweste, die er sich für 700 Euro privat beschafft hat. Sie fängt Messerstiche und „Normalbeschuss“ ab und ist an Brust und Wirbelsäule durch Traumaplatten verstärkt. An seinem Gürtel baumeln jede Menge Utensilien. Wolf trägt nur seine Dienstwaffe, die ist Pflicht. Seine eigentliche Waffe ist sein massiger Bauch – ein deeskalierendes Polster, das er auf kleinen Füßen vor sich her balanciert.

In der Gefangenensammelstelle in Moabit telefoniert Rosenbaum quer durch die Republik, um Näheres über den Festgenommenen zu erfahren. Wolf läuft durch die gekachelten Gänge, schaut in einige Zellen, dann entriegelt er eine mächtige Stahltür. In einem hell erleuchteten Raum liegt auf dem gefliesten Boden ein zitternder Mann. Er schläft. Wolf guckt kurz hin und sagt: Alkohol.

Der Zitternde genügt Wolf, um seine wütende Weltphilosophie zu entfalten: Große Völker seien zugrunde gegangen, weil sie ihre Probleme nicht hätten lösen können. Als Vopo in der DDR habe er bereits ein System zusammenbrechen sehen. Nun stehe auch dieser Staat vor dem Kollaps. „Doch nichts tut sich. Und darum“ – Wolf deutet in die Zelle – „passiert so was.“

Rosenbaum hat aufregende Neuigkeiten. Die Kollegen in Bayern hätten sofort gewusst, um wen es ginge. „Unser Mann hat am dritten elften seine Frau mit einem Nudelholz vertrimmt.“ Doch ein Haftbefehl liegt nicht vor. In ein paar Stunden wird er seine Holzpritsche verlassen können.

Wolf und Rosenbaum gehen in ihre eigene Zelle, ein kleiner Raum mit vergitterten Fenstern. In einer Ecke steht ein Stahlregal mit 40 Stapeln unterschiedlicher Formulare. Auf fünf davon werden die beiden Beamten in den nächsten Stunde nach Formulierungen ringen. Die Strafanzeige wegen des Wodka-Diebstahls tippen sie doppelt: Weil dem Computersystem niemand traut, tippen sie eine ausführlichere Version auf einen Kohlepapierbogen mit sieben Durchschlägen. Ein Schild an der Wand bittet, keine Zigaretten aus dem Fenster zu schnippen. Die Fensterbank ist übersät mit ausgedrückten Kippen.

Zurück auf der Wache, packt „der Dicke“ um 21.15 Uhr seine Leberwurststullen aus. Im Aufenthaltsraum zappt sich ein Kollege durchs Fernsehen – Jürgen Prochnow fliegt durchs All, bei Gottschalk stapeln Wettkandidaten Korbstühle zu einem fragilen Gebilde. Der stämmige Wachleiter eröffnet die Einsatzbesprechung für diese Nacht: „Viel ist es nicht.“

Der schwerwiegendste Fall scheint ein vermisstes Kind, das in einer Wohnung in der Seidelstraße vermutet wird. Rosenbaum schaut in die Akte und runzelt die Stirn – sie ist ziemlich leer. Der Fall hat keine Eile.

Statt dessen erzählen elf Beamte, unter welch widrigen Umständen sie arbeiten. Streng genommen müssten sie auf dem Boden sitzen. Die Wippstühle und die geblümten Sessel, das schwere Sofa und die Resopaltische – sämtliches Mobiliar sei bei benachbarten Firmen zusammengeschnorrt oder von zu Hause mitgebracht, auch die Yucca-Palme. Dann schimpfen die Männer über die zunehmende Brutalität in der Stadt, die sie mit immer weniger Personal bekämpfen müssten, über die Kürzung des Weihnachtsgelds und unsanierte Polizeitoiletten.

Sie schwanken zwischen bekanntem Gewerkschaftsgejammer und ehrlicher Angst um die körperliche Unversehrtheit. Eigentlich, könnte man meinen, ist es der Job der Polizei, mit ausgeflippten Typen fertig zu werden. In den vergangenen zehn Jahren sind die Fälle von Körperverletzung in der Stadt um ein Drittel auf 45 500 gestiegen. Doch das eigentliche Problem der Beamten ist, dass sie Rückendeckung von Justiz und Politik vermissen. Am Personenschutz der Staatsvertreter, höhnen sie, werde nicht gespart. „Kein Wunder – bei der Politik“. Werde aber ein Polizist im Einsatz berufsunfähig, wolle sich der Dienstherr um die Rente drücken. Neulich hat ein Randalierer Rosenbaums Daumen gebrochen – „der Richter meinte, das sei mein Berufsrisiko“. Das empört sie.

Der Einsatz in der Seidelstraße wegen des vermissten Kindes verläuft exakt so, wie Wolf und Rosenbaum es erwartet haben. Zweimal klingeln sie. Auch der Nachbar macht nicht auf. Dann ziehen sie wieder ab. Es ist 23.30 Uhr.

Um 0.03 Uhr singt über Funk ein improvisierter Polizeichor einem Kollegen ein Geburtstagsständchen. Um 0.30 Uhr sagt Rosenbaum: „Im Winter ist nicht viel los.“

Um 1 Uhr erreicht sie die Meldung, dass sich auf der Fischerinsel ein herrenloser Hund aufhält. Wolf und Rosenbaum fahren einen der neuen, silbernen BMWs. „Flink bei Verfolgungsjagden, aber ansonsten unpraktisch.“ Rosenbaum fordert einen VW-Bus an. Zwischen Plattenbau-Hochhäusern liegt auf eine großen Wiese ein weißer Dalmatiner unter einer Linde. Zwei weitere BMWs treffen ein. Rosenbaum verlangt nach einem Hundefänger. Wolf hat Angst, er ist schon dreimal gebissen worden, und seine Lederjacke hat immerhin 250 Euro gekostet. Zögernd betritt er den umzäunten, ehemaligen Kitagarten. Dann rennt er fünf Beamten und einem weißen Hund hinterher. Der Wind treibt Hochnebelschwaden am Mond vorbei.

Zwei Mannschaftsbusse mit einem Dutzend Beamten in Kampfkleidung rasen heran. Von einer Jagd in Kettenformation ist die Rede. Der Hund wittert ein Problem und flankt über den Zaun. 18 Uniformierte freuen sich über die spontane Zusammenkunft und unterhalten sich angeregt. Wolf wird das alles „zu blöde“ und macht sich mit Rosenbaum davon.

Schon als Kind wollten sie Polizist werden. Als Sieben-, Achtjähriger entschied Wolf, ein Polizist sei „einer, der Gutes tut.“ Rosenbaum war von der Uniform beeindruckt. Ein Polizist, glaubte er, sei eine „Respektsperson“. Heute trauen sie sich kaum, Leute anzuhalten, die bei Rot über die Straße gehen. „Drei zu eins, dass sie dich anpöbeln“, sagt Wolf. „Ich möchte Ihre Dienstkarte sehen“, sei das erste, was sie schreien. „Dann wollen sie dafür sorgen, dass ein Beamter auf Lebenszeit nächste Woche entlassen wird.“

Im Patrouillentempo fahren Wolf und Rosenbaum durch die Plattenbauschluchten von Mitte und sprechen vom „Wahnsinn, der sich hinter diesen Mauern abspielt“. Allein die Vereinsamung. „Männer saufen sich zu Tode, Frauen werden blöde“, sagt Wolf. In der Leipziger Straße, eine Art Stasi-Ruhesitz, alarmiere eine ältere Frau regelmäßig die Polizei. Zuletzt habe sie von einem gigantischen Penis berichtet, der an ihre Scheibe klopfe. Ein paar Häuser weiter sei ein pensionierter Professor an seinem Schreibtisch ausgetrocknet – zwei Monate saß er tot neben der Heizung. „Diese Großstadt ist großartig“, sagt Wolf, „so lange Sie jung sind.“

Obwohl, auch die Jungen dürfen nicht wie sie wollen. Wolf erinnert sich, wie der Gatte von Angela Merkel anrief, um sich über nächtlichen Lärm auf den Stufen zum Pergamonmuseum aufzuregen. Dort tanzten „nette Menschen" zu leiser Tangomusik, sagt Wolf. Der Mann der Oppositionsführerin im Haus gegenüber habe ihn mehr oder weniger genötigt, den Kopf aus dem Fenster zu halten. Aber Wolf habe sich geweigert, irgendwelchen Lärm zu hören.

Wolf hätte heulen können

Als damals im Osten die Menschen auf die Straße gingen, sagt Wolf, hätte er heulen können, weil er als „Büttel von Honni“ angepöbelt wurde. Daraus habe er gelernt. Der „Arroganz der Macht“ wolle er sich nicht länger beugen.

Später, auf der Wache, warten Wolf und Rosenbaum wieder. Auf Signale aus dem „ominösen“ Telefon. Es ist ein altes, beiges, auf der Wählscheibe steht PELZ. Niemand darf es benutzen, die Leitung muss frei bleiben. PELZ steht für Polizeieinsatzleitzentrale. Dort gehen die Notrufe ein und werden an die einzelne Abschnitte weitergereicht. Es ist 3 Uhr, auf den Beamtenwangen sprießen Bartstoppeln, die Augen sind gerötet, der Kaffee schmeckt nicht mehr. Zeit für einen Adrenalinschub.

In dieser Nacht wird im Fernsehen eine Dokumentation über den Mauerfall gezeigt. Man sieht tanzende Menschen vor dem Brandenburger Tor. Vopos versuchen ihnen, den Sinn der Mauer zu erklären und mahnen zu Ruhe und Ordnung. Die meisten Beamten im Aufenthaltsraum, hier im Osten von Berlin, nicken zustimmend.

Wolf hat damals eine Kleingartenkolonie am Grenzübergang Bornhomer Straße bewachen müssen. Gärtnernde Stasi-Obere. Einer von ihnen habe sich regelmäßig eine Flasche Schnaps runtergespült und seine Kinder mit Feldstechern ins Gebüsch geschickt. Sie sollten beobachten, ob Wolf in seinem Wachhäuschen die Mauer ordentlich beobachte. Irgendwann habe er den Garten dieses Spitzels mit Unkraut-Ex „gedüngt“. Wolf pflegt eine gewisse Querulanz. Dafür liebt er sich.

Um 3.20 Uhr schnarrt das Telefon. Schlägerei am U-Bahnhof Heinrich-Heine- Straße. Wolf und Rosenbaum rasen mit Blaulicht zum Einsatzort. Im Laufschritt zerrt Rosenbaum seine schnittfesten Lederhandschuhe aus dem Hosenbund.

Die Türsteher vor der Diskothek Sage-Club behaupten, fünf oder sechs Türken hätten Gäste belästigt und seien Richtung Schlesisches Tor geflohen. Sie stellen Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Zwei Transporter nehmen die Verfolgung auf, Rosenbaum will auch hinterher, doch Wolf sucht umständlich seinen Notizblock aus dem Rucksack im Funkwagen und schiebt seinen Bauch zurück zur Disco. Kurz darauf ziehen die Türsteher ihre Anzeige zurück.

Doch bei der Feuerwehr ist ein anonymer Notruf eingegangen. Die Türsteher ihrerseits hätten mit einem Messer herumgefuchtelt. Nun müssen deren Personalien aufgenommen werden. Es sind Libanesen. Rosenbaum murmelt, „mit Sicherheit liegt gegen jeden von denen eine Anzeige wegen Körperverletzung vor“. Die Türsteher protestieren. Rosenbaum muss seine Dienstkarte rausrücken. Die Geschichte wird immer verwickelter. Am Ende steht für Wolf und Rosenbaum nur eines fest: Für die nächsten zweieinhalb Stunden sind sie von der Straße weg. Weil sie Anzeigen und Protokolle tippen müssen, bei denen vermutlich nichts herumkommt.

6 Uhr. Die neue Schicht trifft ein. Auf dem Weg nach Hause kaufen Wolf und Rosenbaum Brötchen ein, um mit ihren Familien zu frühstücken. Wolf wird mit seiner Frau mal wieder über das geplante Haus am Kaulsdorfer See reden. „Ich habe mich lange geweigert, dort hinzuziehen“, gesteht er. Er sieht sich samstags sein Auto waschen und sonntags mit dem Rasenmäher über das 500 Quadratmeter große Grundstück rattern. „Vielleicht“, sagt er müde, „werde ich doch noch zum Spießer.“

Rosenbaum wird die Zwillinge, die längst wach sind, in die Spielecke im Wohnzimmer setzen. Die Frau soll noch ein wenig schlafen. Und er wird wie immer den Fernseher einschalten.

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