Zeitung Heute : Die Mutter aller Reden

Bush spricht zur Nation – die ganze Welt hört zu

Malte Lehming[Washington]

Von Malte Lehming,

Washington

Wer langweilt, sich verhaspelt, den Nerv der Bevölkerung nicht trifft oder bei einem Thema überzieht, hat versagt. Schließlich ist es die „Mutter aller Reden“. So charakterisiert ein ehemaliger Redenschreiber von Ronald Reagan jene „Rede an die Nation“, die alle US-Präsidenten am Anfang eines Jahres halten müssen. Reagan hat einst die Sowjetunion als „Reich des Bösen“ bezeichnet. Und wurde dafür heftig kritisiert. Dann zerfiel die Sowjetunion, auch wegen der amerikanischen Hochrüstung. Das bedauerte niemand.

Just vor einem Jahr hat George W. Bush in seiner Rede an die Nation den Begriff von der „Achse des Bösen“ geprägt. Dazu zählte er den Irak, Iran und Nordkorea. Außerhalb Amerikas kam der Begriff nicht gut an. Wird er ihn heute Abend, wenn er um 21 Uhr Ortszeit vor beide Häuser des Kongresses tritt, wiederholen? Tut er es, bestätigt er Vorurteile. Tut er es nicht, könnte ihm das als Schwäche ausgelegt werden. Solche und ähnliche Fragen werden seit Wochen im Weißen Haus hin- und hergewälzt. Die Vorplanung der etwa 50-minütigen Rede fand Mitte Dezember statt. Damals wurden die Ziele festgelegt und der allgemeine Ton verabredet. Dann machten sich die Redenschreiber ans Werk. Vor zwei Wochen wurde Bush ein Entwurf präsentiert. An dem wird nun herumgebastelt. Einen Trockenversuch mit Teleprompter unternahm Bush am vergangenen Freitag. Eine zweite rhetorische Übung fand am Sonntag statt. Jedes Wort muss sitzen.

Kriegsgrund gesucht

Bekannt ist inzwischen, wie es zu dem Begriff „Achse des Bösen“ kam. Aus dem Nähkästchen geplaudert hat nämlich Bushs ehemaliger Redenschreiber, David Frum. Der hat vor zehn Monaten den Dienst quittiert und jetzt seine Memoiren veröffentlicht. Das Buch heißt „The Right Man“, was sich, auf Bush gemünzt, sowohl mit der „richtige“ als auch der „rechte“ Mann übersetzen lässt. Demnach war damals die Vorgabe an die Redenschreiber, „die Begründung für einen Krieg zu liefern“, insbesondere gegen den Irak. Daraufhin erfand Frum den Begriff „Achse des Hasses“. Um die Perspektive nicht zu sehr auf den Irak einzuschränken, wurde wenig später der Iran mit aufgenommen. Das gefiel dem Chefredenschreiber Michael Gerson noch nicht. Damit es „theologischer“ klingt, machte er aus „Achse des Hasses“ die „Achse des Bösen“. Damit es nicht zu anti-islamisch wirkt und als Dreiklang historisch ein bisschen an die Zweite-Weltkriegs-Achse Berlin-Rom-Tokio erinnert, wurde Nordkorea hinzugefügt. Aus solch banalen Gründen wird manchmal Weltpolitik gemacht.

Bush wird heute weder Saddam Hussein ein Ultimatum stellen, noch sich selbst in der Frage eines Krieges festlegen. Denn einerseits will er den Beratungen des UN-Sicherheitsrats nicht vorgreifen, andererseits trifft er erst am Freitag Tony Blair, seinen wichtigsten Verbündeten. Der Brite muss sich des Vorwurfs erwehren, Bushs „Pudel“ zu sein. Deshalb muss der US-Präsident möglichst oft den Eindruck erwecken, eine Entscheidung sei auf Drängen Blairs zu Stande gekommen.

Dass diese Rede eine der wichtigsten in der jüngeren amerikanischen Geschichte ist, bestreitet niemand. Die Umfragewerte von Bush sinken, die Weltöffentlichkeit steht seiner Irak-Politik skeptisch gegenüber, aus Glaubwürdigkeitsgründen kann er seine Truppen jedoch nicht einfach wieder abziehen. Hoffentlich gab sein Büroleiter Andrew Card nicht am Sonntag einen Vorgeschmack auf die zu erwartende Rede. In der Sendung „Meet the Press“ sagte Card über den Irak, die Vereinigten Staaten würden „alle erforderlichen Mittel einsetzen, um sich und die Welt vor einem Holocaust zu schützen“. Geht’s auch ’ne Nummer kleiner?

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