Zeitung Heute : Die Nachfolge oder das Meisterstück

HERMANN RUDOLPH

Hat Kohl sich wirklich demontiert oder nicht vielmehr stabilisiert? Sollte die Inthronisation des Kronprinzen vielleicht vor allem der Kritik in den eigenen Reihen die Spitze nehmen?VON HERMANN RUDOLPHWar das nicht die Stunde, auf die alle gewartet haben, die Helmut Kohls und seiner merkwürdig wattierten Technik der Machtausübung überdrüssig sind? Mit der Festlegung auf Wolfgang Schäuble als Nachfolger schien Kohl die Qualität preisgegeben zu haben, die wie nichts anderes seine Stärke begründet - daß man sich nämlich weder die Bundesrepublik noch gar die CDU ohne ihn vorstellen kann.Prompt witterte die Opposition Morgenluft und markierte ihn als Kanzler auf Abruf.Ein taktischer Fehler ausgerechnet des Ober-Taktikers? In der Tat bedeutet es eine gewichtige Verschiebung des Macht-Gefüges, wenn der Mann, der über die Jahre hinweg alle Einfluß-Stränge an sich gezogen und die Entscheidungs-Strukturen planiert hat, einen Nachfolger benennt.Ein so persönliches Regiment wie Kohl es etabliert hat, verändert seine Substanz, wenn da eine zweite Persönlichkeit auftritt.Der Schreck in den eigenen Reihen war denn auch so groß, daß Kohls Äußerung sogleich mit der Erklärung relativiert wurde, er wolle aber doch bis 2002 regieren. Inzwischen ist schon nicht mehr so klar, was die Stunde geschlagen hat, in der der Kanzler alle überraschte, sich womöglich eingeschlossen.Hat Kohl sich wirklich demontiert oder nicht vielmehr stabilisiert? Sollte die Inthronisation des Kronprinzen vielleicht vor allem der Kritik in den eigenen Reihen die Spitze nehmen? Die Doppelspitze, die in Wahrheit bestenfalls eine halbe ist, wälzt ein Stück Verantwortlichkeit von Kohl ab.Wer am Kanzler zweifelt und seine Hoffnungen auf Schäuble setzt, wird von der Versuchung befreit, Schäuble gegen Kohl auszuspielen.Es scheint ja auch so - hält man den Finger in die Luft - als seien die klammen Endzeit-Gefühle gebannt, die in den letzten Jahren, illustriert mit den Erinnerungen an das Ende der Ära Adenauer oder den Kollaps der Kanzlerschaft Ludwig Erhards, durch Bonn schlichen. Es mag sogar sein, daß es solche, aus der Geschichte der Bundesrepublik aufsteigende Schatten sind, die Kohl veranlaßt haben, die Nachfolge-Frage so aktiv anzugehen.Denn Nachfolge-Fragen haben dabei immer wieder eine traumatisierende Rolle gespielt.Der klassische Fall ist der lange, quälende Abschied Adenauers, der die CDU zermürbte und ihr Bild in der Öffentlichkeit trübte, bis er bei dem glücklosen Erhard endete; wetten, daß er dem Zeithistoriker und Adenauer-Enkel Kohl hinlänglich präsent ist? Aber auch die meisten anderen Übergänge an den Spitzen der Republik und der sie tragenden Parteien gingen irgendwie schief - in der CDU, die Erhard, Kiesinger und Barzel ausprobierte und verwarf, ehe sich Kohl herausmendelte, wie in der SPD, die seit Brandt an diesem politischen Problem herumlaboriert. Wäre also Kohl der erste Regierungschef, der einen Wechsel nach dem Muster jener Stabübergabe anpeilte, die die politische Sprache immer wieder beschwört und die politische Praxis genauso regelmäßig verfehlt? Notwendig hätte seine Partei eine solche Operation wahrhaftig.Denn nicht nur ist die Gefahr groß, daß sie den Erfolg, den sie mit Kohl gehabt und für den sie mit einer beispielosen Konzentration auf ihn bezahlt hat, bitter wird abstottern müssen, wenn er sich - was sich bestenfalls aufschieben, aber nicht aufheben läßt - zurückzieht.Eine solche Nachfolge-Lösung ist auch die Bedingung dafür, daß ihr das Kunststück gelänge, nochmals, mit Kohl, trotz Kohl, die Macht auf Bundesebene zu verteidigen.Es erforderte allerdings eine politische Führungsleistung, die über alles hinausginge, was man bisher in der Bundesrepublik erlebt hat - ihre letzten Jahre allemal eingeschlossen.Kann Kohl das? Könnte es die CDU? Sie würde sich vermutlich selbst damit überraschen.

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