Zeitung Heute : Die nackte Berlinerin

Ausziehen, bitte! Vanessa Beecroft sucht 100 Frauen fürs Museum. Ein Casting

Constanze von Bullion

Schwer zu sagen, ob dieses Experiment gelingen wird, bei dem die Nacktheit zur Uniform werden soll. Christiane Holland jedenfalls wird sich nicht schämen, ihre Haut zu zeigen, da ist sie ziemlich sicher. Eben hat sie ihre Hose aufgeknöpft, hat die Schuhe abgestreift und die Unterwäsche. Dann hat sie ihren schmalen, milchweißen Körper vor diesen fremden Mann hingestellt und hat ihn abdrücken lassen. Ein Foto von vorn. Eins von der Seite. Und noch eins. Der Fotograf dankt, sie kann jetzt gehen.

Keine zehn Minuten dauert so ein Casting, und erst als Christiane Holland wieder draußen sitzt, auf dem Lobby-Sofa des Madison Hotels am Potsdamer Platz, wirkt sie ein bisschen aufgeregt. Doch, sie wünscht sich schon sehr, Teil dieser Installation zu werden, für die sie sich hier bewirbt. Mit Exhibitionismus hat das nichts zu tun, sagt sie.

Christiane Holland ist 40 Jahre alt, bildende Künstlerin aus Kreuzberg, eine Frau mit feuerroten Locken und großem Appetit auf ungewöhnliche Versuche. Und wenn alles gut geht und sie hier beim Casting durchkommt, wird sie am 8. April in der Neuen Nationalgalerie stehen. Ohne Kleider, drei Stunden lang, als Teil einer Performance von Vanessa Beecroft.

100 nackte Frauen will die New Yorker Künstlerin in Strumpfhosen stecken und zwischen den Glaswänden des Mies-van-der-Rohe-Baus ausstellen. „VB 55“ heißt der Menschenauflauf, der diesmal – zum allerersten Mal – nicht nur aus Models bestehen soll, sondern aus gewöhnlichen Frauen – Berlinerinnen zwischen 18 und 65, „nicht übergewichtig“, wie vor einigen Tagen in einer Kleinanzeige stand, bevorzugte Haarfarbe: schwarz, rot, gold. Diese Performance soll Beecrofts bislang größter und spektakulärster Auftritt werden. Und sie dürfte nicht nur Begeisterung hervorrufen.

Sexistisch, voyeuristisch, seicht, so haben Kritiker Beecrofts Werke bisher genannt. Die hat das wenig bekümmert, längst hat sich die 35-Jährige in der internationalen Kunstszene einen Namen gemacht. Ihre Nackten sind berühmt geworden, in reglosen Posen festgefroren, zu Körpergemälden erstarrt. Oft tragen sie Perücken, sind puppenhaft geschminkt, kommen auf steilen Absätzen daher und wirken mit dem abrasierten Schamhaar und den mageren Körpern wie zerbrechliche, sich selbst entfremdete Fabelwesen. Vanessa Beecroft hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass es um Schmerz und Scham geht in ihren Körperbildern, und wer sie nach Parallelen zu ihrem Leben fragt, hört Geschichten von Essstörungen und von der Zeit, als sie nur Rotes aß oder Grünes. Damals zeichnete sie Bilder von abgehackten Körperteilen und sich erbrechenden Figuren.

Man kann die Sache aber natürlich auch anders betrachten, aus der Perspektive von Monique Wandelt zum Beispiel, 27, Hausfrau aus Potsdam. Sie hat es eilig an diesem Mittwoch, schiebt ihren Kinderwagen in den Lift des Hotels und saust hoch hinaus über den Potsdamer Platz. Es ist schon das zweite Casting für die Beecroft-Performance, beim ersten Mal waren nicht genug Rothaarige dabei. Die Künstlerin selbst ist übrigens nicht da. Zwei Kuratorinnen übernehmen die Sichtung und schicken ihr die Fotos dann per Kurier. Monique Wandelt ist nicht rothaarig, sie ist blond, aber was soll’s. „Das is ’ne Erfahrung, die man machen muss“, sagt sie und nickt. „Kunstbereich und so.“ Früher hat sie mal FKK gemacht und die eine oder andere erotische Filmszene gespielt. Diesmal allerdings wird die Sache kniffliger. „Es ist nicht so einfach, im ernsten Bereich zu spielen“, sagt sie und meint diese lange Liste von Anweisungen.

„Lachen Sie nicht.“ „Sprechen Sie nicht.“ „Bewegen Sie sich nicht zu theatralisch“, steht da auf einem Merkblatt für die Bewerberinnen. „Stellen Sie sicher, dass Sie im Fall Ihrer Menstruation drei Stunden ohne Tamponwechsel auskommen.“ Zwei Tage müssen die Frauen zur Verfügung stehen, dafür gibt es 350 Euro und ein paar Tipps, wie man das Spektakel übersteht. „Die Nacktheit soll das Publikum nicht erregen“, das steht auch auf diesem Blatt. „Die Nacktheit soll nicht dazu führen, dass Sie sich schutzlos fühlen. Die Nacktheit ist wie eine Uniform.“

Christiane Holland, die Künstlerin aus Kreuzberg, hat sich diese Sätze genau durchgelesen. Sie weiß, dass sie eine halbe Stunde lang wie versteinert stehen muss und sich dann ganz langsam räkeln darf. Dieser Moment, wenn unmerkliche Bewegung in die statische Körperplastik kommt, wenn die Uhr weiter tickt und die zeitlos schönen Frauen in sich zusammensinken, gilt als Höhepunkt der Schau.

Und wenn es doch nicht so wird, wie die Künstlerin verspricht, wenn Nacktheit auch im Rudel nicht schützt? Dann wird sie trotzdem nicht weglaufen, sagt Christiane Holland. „Natürlich denke ich manchmal, meine Brüste sitzen zu tief, und mein Hintern hängt am Boden.“ Sie will solche Gedanken dann schnell wieder verscheuchen, wird die Blicke über ihre Haut streichen lassen wie den Wind übers Wasser und an Momente denken, in denen sie ihren Körper besonders gern gemocht hat.

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