Zeitung Heute : „Die Naturkatastrophe ersetzt die Revolution“ Was bewirken die Schreckensbilder aus Asien, Herr Virilio?

Es entstehen starke Emotionen statt Meinungen – und das ist gefährlich.

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Paul Virilio, 72, zählt zu den großen zeitgenössischen Denkern. Der Philosoph, Architekt und Stadtplaner war Gründer und Professor der Ecole Spéciale d’Architecture in Paris, wo er heute noch lebt. Den Kulturkritiker beschäftigen Krieg und Kino, Geschwindigkeit und technischer Fortschritt.

Interview: Daniel binswanger Herr Virilio, seit drei Jahrzehnten beschäftigen Sie sich mit Kriegen, Katastrophen und Desastern. Wie haben Sie nun die Flut in Asien erlebt?

Ich hatte sofort den Eindruck, dass es sich hier um eine Naturkatastrophe handelt, die in ihrer Dimension genauso wichtig ist wie der Anschlag auf das World Trade Center. Der 11. September war zwar ein politischer Vorfall, und jetzt ist das Desaster ökologisch. Aber beide Ereignisse offenbaren uns durch ihre Reichweite, die Opferzahlen und insbesondere durch die im Weltmaßstab hervorgerufenen Emotionen eine völlig neue Situation. Den Reaktorunfall von Tschernobyl kann man als Vorboten dieser Großereignisse sehen, die uns offenbaren, in welcher Welt wir leben.

Ist es wirklich sinnvoll, all diese Katastrophen, die doch sehr unterschiedliche Ursachen haben, miteinander zu vergleichen?

Man kann heute nicht mehr strikt trennen zwischen den natürlichen einerseits und den industriellen beziehungsweise künstlichen Katastrophen andererseits, die durch den technischen Fortschritt verursacht werden. Als in den Medien versucht wurde, eine Vorstellung von der Gewaltsamkeit des Tsunami zu vermitteln, griff man zu folgendem Vergleich: Die Erdachse hat sich verschoben, als hätte man 30 000 Atombomben zur Explosion gebracht. Ich fand diesen Vergleich unglaublich skandalös und sehr bezeichnend.

Sie wollen sagen, dass wir heute auch Naturkatastrophen durch das Prisma der technologischen Zerstörung wahrnehmen?

In der Tat. Die Natur wird gemessen an den Massenvernichtungswaffen, vor denen wir in ständiger Angst leben.

Hat die Flutwelle die Weltöffentlichkeit auch deshalb so brutal überrumpelt, weil die vergangenen Jahre überschattet waren von politischer Gewalt, vom 11. September 2001 etwa oder vom Irakkrieg.

Katastrophen definieren sich ja dadurch, dass man sie nicht erwartet. Jede Katastrophe ist akzidentiell, also zufällig, und mit dem Zufälligen rechnet man nicht. Doch bei Aristoteles heißt es wörtlich: „Das Akzidentielle offenbart die Substanz.“ Deshalb glaube ich, dass die Katastrophen uns lehren, was das Wesen unserer Epoche ist. Sie haben Recht, dass wir trotz des großen Erdbebens von Bam vor einem Jahr auf diese Art Naturkatastrophe viel weniger gefasst waren als etwa auf ein neues Attentat. Viel entscheidender ist aber, dass der Tsunami zu einem globalen Ereignis wurde. Bisher waren Katastrophen immer lokal, sie waren irgendwo auf dem Globus situiert. Die „Titanic“ sank an einem bestimmten Ort, und die Zerstörung San Franciscos durch ein Erdbeben im Jahre 1906 fand in San Francisco statt.

Und das ist heute anders?

Mit dem 21. Jahrhundert treten wir ein in die Ära der „integralen Katastrophe“, der Katastrophe, die die ganze Welt betrifft. Im Falle der Flutwelle erhielt das Ereignis eine globale Dimension wegen der vielen betroffenen Touristen, im Falle des World Trade Center entstanden dramatische Konsequenzen für die Weltwirtschaft. In beiden Fällen kommt die globale Medienberichterstattung hinzu. Die ganze Welt wird in Echtzeit von Katastrophenbildern überschwemmt. Weltweit werden Emotionen erzeugt, die bisher von Katastrophen nicht hervorgerufen werden konnten.

Einerseits glauben Sie, dass nur die Katastrophe uns offenbart, in welch gefährdeten Zivilisationen wir leben, halten aber gleichzeitig die heftigen Emotionen, die die Weltöffentlichkeit ergreifen, für fatal.

Solange wir in Industriegesellschaften lebten, herrschte die öffentliche Meinung. Es gab einen Prozess der Standardisierung der Meinung durch die Presse und die Institutionen der politischen Debatte. Auf diese Weise wurde eine öffentliche Meinung produziert, die ihre Rolle spielen konnte für die demokratische Gesellschaft. Bei Großkatastrophen heute funktionieren die Medien anders: Es herrscht die Gleichzeitigkeit der Information. Es werden keine Meinungen mehr gebildet, es werden Emotionen hervorgerufen. Diese Verschiebung ist bedenklich, denn der Affekt ist ein schlechter Ratgeber. Er sucht blindlings nach einem Sündenbock. Das war in Spanien zu sehen, als man die Regierung für die Ölpest nach der Havarie der „Prestige“ verantwortlich machen wollte, und noch deutlicher, als die Regierungswahlen durch das Attentat von Madrid entschieden wurden.

Handeln die Menschen zu abrupt?

Bisher war es so, dass eine Regierung durch eine Revolution oder einen Krieg gestürzt werden konnte. Heute kann eine Katastrophe – ganz egal, ob sie natürlichen, industriellen oder terroristischen Ursprungs ist – diese Rolle übernehmen. Ich fürchte, die Demokratie als solche wird so bedroht. Der heutige Terrorismus hat das erkannt. Seine Strategie setzt auf „Katastrophenattentate“. Die Terroristen bekennen sich nicht zu den Anschlägen und verfolgen keine kohärente Ideologie. Sie versuchen lediglich, globale Katastrophen zu erzeugen in der Hoffnung, weltweit Emotionen auszulösen und dadurch die Demokratie zu schwächen.

Der Terrorismus versucht, Zerstörung zu verbreiten wie eine Naturkatastrophe, gleichzeitig kann jede Naturkatastrophe unkontrollierbare politische Effekte haben?

Beide nähern sich einander an durch ihre Effekte in den globalen Medien. Sehen Sie den Artikel in der aktuellen Fernsehbeilage von „Le Monde“. Sein Titel lautet: „Ein immer globaleres Fernsehen.“ Sein Fazit: „Die Welt ist vollständig ins Reality-TV eingetaucht.“ Das Wortspiel ist im jetzigen Kontext nicht besonders geschmackvoll. Doch es stimmt: Wir werden von den Bildern überschwemmt.

Was für politische Folgen könnte denn die sehr emotionale Mobilisierung für die Tsunami-Opfer haben?

Schwer abzuschätzen. Seit dem 18. Jahrhundert unterlag die politische Welt einer Dynamik der Revolution. Es gab den Fortschrittsgedanken, es gab politische, technische und wissenschaftliche Revolutionen. Mit dem 21. Jahrhundert treten wir indes von der Ära der „Revolution“ in jene der „Revelation“, der Offenbarung also. Die entscheidenden politischen Impulse werden nicht mehr von Revolutionen ausgehen, sondern von Katastrophen, die eine völlig neue Situation offenbaren.

Sie klingen wie ein Apokalyptiker.

Das Ende der Welt interessiert mich überhaupt nicht. Das Entscheidende an den Katastrophen ist nicht, dass sie den Weltuntergang einläuten, sondern dass sie chaotische politische Kräfte freisetzen. Es handelt sich ja nicht mehr um Ideologien. Katastrophen erzeugen Emotionen, nicht Meinungen. Eine Meinung wird gemacht, eine Emotion wird bloß hervorgerufen. Die öffentliche Meinung wird von einer minimalen Rationalität strukturiert. Die Demokratie der Emotionen wird beherrscht von Angst, von Panik und Betroffenheit.

Auffällig derzeit ist: Die Zunft der Meinungsmacher und Allesdeuter hält sich zurück. Da gibt es einen himmelweiten Unterschied zum 11. September.

Das Schweigen der Intellektuellen ist ein Symptom. Gleich nach dem Tsunami hieß es, ein Frühwarnsystem müsste eingerichtet werden, es müssten Satelliten, Radars und so weiter angeschafft werden, damit man beim nächsten Mal rechtzeitig warnen könne. Dabei müsste wieder nachgedacht werden über die grundsätzlichen Schwierigkeiten, die durch solche Kataklysmen zu Tage gebracht werden. Wir leben in einer Welt, in der die Technologie immer schneller fortschreitet, wo immer mehr produziert und konsumiert wird, wo die Mobilität und Störanfälligkeit immer mehr zunimmt. Was die Katastrophe von Südostasien in Erinnerung ruft: Dem Prinzip der Verantwortung und der Nachhaltigkeit muss ein größerer Platz zugemessen werden. Primitive Kulturen waren gegenüber den natürlichen Gefahren, die sie bedrohten, viel vorsichtiger als unsere Zivilisation des technologischen Fortschrittes, der sich laufend durch selbst erzeugte Folgelasten selbst bedroht.

Keine noch so schreckliche Katastrophe wird die Menschheit dazu bringen, das Rad des technologischen Fortschrittes zurückzudrehen.

Trotzdem bleibt als Schlüsselproblem die unbegrenzte Beschleunigung des technischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritts. Es gibt einen Satz von Heraklit: „Nicht die Feuersbrunst muss gelöscht werden, sondern die Maßlosigkeit.“ Wir haben ein maßloses, panisches Verhältnis zum Fortschritt entwickelt.

Die überwiegende Anzahl der Opfer waren Menschen aus unterentwickelten Regionen. Es hätte ihnen nichts genützt, wenn die Tourismusindustrie und die globale Mobilität weniger entwickelt wären.

Leider nein. Auch in einer vernünftigeren Welt würden Naturkatastrophen Opfer finden. Doch es könnte nicht zu „integralen Katastrophen“ kommen.

Man hat auch die Ungleichbehandlung bei der Hilfe von Touristen und Einheimischen kritisiert.

Die Diskriminierung ist schockierend, trauriger Ausdruck ökonomischer Machtverhältnisse. Das gilt umso mehr, als das Nebeneinander von Fischerdorf und Touristen-Bungalows sinnbildlich ist für die Aufhebung aller Verortung. Heute ist jede Stadt eine Weltstadt, nicht aufgrund ihrer Bevölkerung, sondern weil jeder sie besuchen kann. Es gibt die Transportmittel und zudem die digitale Bildübertragung. Die Orte „metropolisieren“ sich.

Ihr Grundthema ist der technische Fortschritt.

Darum geht es. Es tun sich immer neue Problemfelder auf. Bisher erlebten wir energiewirtschaftliche Katastrophen wie Tankerhavarien und den GAU von Tschernobyl. Nun könnte uns die Genmanipulation jederzeit mit einem Superzwischenfall überraschen, von dem wir keine Ahnung haben. Die Gefahr bei Katastrophen wie der Flutwelle besteht darin, dass man glaubt, eine rein technische Lösung für das Problem finden zu können.

Wenn Sie Ministerpräsident von Indonesien wären, würden Sie jetzt wahrscheinlich auch für die Installation eines Warnsystems plädieren.

Selbstverständlich. Ich sage nur, dass eine solche Lösung unzureichend ist. Die Politik sollte die Frage, wie wir sinnvoll auf diesem Planeten leben können, nicht einfach immer nur an technische Experten delegieren.

Es sind nicht nur die Techniker aufgerufen. Angesichts der Tragödie haben theologische Fragen eine große Aktualität. Die „Experten“ in den Medien sind im Augenblick häufig Theologen.

Wir erleben eine massive Wiederkehr theologischer Mythen. Schon der Zusammenbruch des World Trade Center wurde in einen mythologischen Zusammenhang gebracht mit dem Fall des Turms zu Babel. Die beiden Türme waren eine perfekte moderne Verkörperung ihres biblischen Vorgängers, weil sich Bürger aus über 50 Nationen in ihnen aufhielten und weil sie Symbol der weltumspannenden Kommunikations- und Handelsbeziehungen waren. Man sollte die symbolische Macht solcher Analogien nicht unterschätzen. Sie erlauben es der verstörten Gemeinschaft, irgendwie mit den Ereignissen fertig zu werden, auch wenn sie dazu auf einen etwas verschütteten Mythenschatz zurückgreifen muss. Die Wissenschaft hat sich von den römisch-griechischen und jüdisch-christlichen Mythen abgekoppelt, aber angesichts der integralen Katastrophe kehren sie zurück.

Sind es nicht auch ganz einfache Fragen, die die Leute nun beschäftigen? Zum Beispiel: Wie kann Gott so etwas zulassen, wenn er gerecht ist?

Diese Frage dürften sich jetzt nach der Tragödie viele stellen, die sonst nicht gerade von ihr umgetrieben werden. Wir haben den symbolischen Zugang zu Grundfragen der Existenz verloren – ob dieser Zugang religiös ist oder nicht. Diese Dimension kehrt notwendig wieder durch die Erfahrung der Katastrophe. Sie gehört zu dem, was ich ihre „Offenbarung“ nenne. Ich denke jedoch, sie kristallisiert sich vor allem in halbmythologischen Bildern. Im Bild der Sintflut und des Turms zu Babel. Es hat fast etwas Surreales: Heute noch liefert sich die amerikanische Armee südlich von Bagdad, an der Stelle, wo Archäologen die Ruinen des historischen Vorbildes für den Turm zu Babel vermuten, Scharmützel mit irakischen Aufständischen.

Ist im Zeitalter der „integralen Katastrophen“ die Theologie notwendigerweise auf dem Vormarsch?

Auf jeden Fall. Die Katastrophe ruft das Ende in Erinnerung. Nicht das Ende der Welt, den großen Knall, nach dem es nichts mehr gibt, aber die Endlichkeit der Dinge, die Tatsache, dass dieser Apfel nur ein Apfel, dass dieser Mensch nur ein Mensch und dass unser Planet nur ein Planet ist. Gerade die Globalisierung gibt uns ein neues Bewusstsein davon, dass die Welt begrenzt und endlich ist.

Die Flut konfrontiert den Fernsehzuschauer vor allem mit dem Tod. Es ist auffällig, wie viele Leichen in den Medien gezeigt werden.

Es werden in den Medien recht hemmungslos Wasserleichen gezeigt. Solche Bilder haben eine verstörende Macht. Vielleicht ist nichts so schwer zu bewältigen im Umgang mit dem Tod, wie wenn man es erlebt hat, dass sich die Leichen anhäufen. Die Leiche wird dann zu einer vollends unmenschlichen, quantitativen Einheit. Das ist schwer erträglich, besonders für ein Kind.

Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?

Ja, ich habe das am eigenen Leib erlebt, weil ich als Zehnjähriger die Bombardierung von Nantes mitgemacht habe, und das hat mich geprägt. Vermutlich hätte ich nie angefangen über den Krieg zu schreiben, wenn ich nicht selber ein psychologisches „war baby“ wäre. Auch diese endlosen Bilder von unschuldigen Opfern verweisen uns aber wieder auf den Terrorismus. Denn mehr und mehr wird der zeitgenössische Terrorismus zur massenhaften Tötung von Unschuldigen. Beslan ist zum Symbol des neuen Krieges gegen die Unschuld geworden. Auch hier hatten wir es mit einer „integralen Katastrophe“ zu tun. Und auch hier fehlt nicht der Bezug zum biblischen Mythos, nämlich zum Kindermord von Bethlehem.

Ist es einfacher, das Bild eines Flutopfers zu ertragen, als das Opfer eines Bombardements oder eines Terroranschlags?

Vielleicht sind die Bilder von der Naturkatastrophe eine Art mediales Vortraining auf die Bilder des kommenden Terrors. Ein Drill.

Neben der Berichterstattung über den Schrecken gibt es auch einen weltweiten Solidaritäts-Elan.

Ich glaube, es geschieht da wirklich etwas sehr, sehr Positives. Bedenklich wäre nur, wenn Indonesien zu einer Art Super-Somalia würde, zu einer Art Modellversuch des humanitären Interventionismus, der an politischen Spannungen scheitert.

Ein Scheinbild einer solidarischen Weltgemeinschaft?

Man soll die Hilfsaktionen nicht zynisch betrachten. Wie sagt der Apostel Paulus – mein Schutzpatron: Man muss hoffen gegen jede Hoffnung.

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