Zeitung Heute : Die Nelke des Nujoma

TOMAS NIEDERBERGHAUS

Eine Reise durch die endlosen Weiten der namibischen Wüste und die anschließende Geburtstagsfeier des PräsidentenVON TOMAS NIEDERBERGHAUS

Die Wüste bleibt ein Mysterium.Ist nicht begreifbar.Vielleicht zu simpel, aber auch zu fremdartig für den flüchtig vorbeiziehenden Europäer.Der Reisende saß vor einem stilvoll eingerichteten Zeltbungalow der Lodge und sah Schatten wilder Tiere in der Ferne vorbeiziehen.Die Stille der Nacht schien den Körper zu greifen, ihn nicht mehr loszulassen.Für einen Moment schossen nochmals die Bilder des Tages durch den Kopf: Die Paviane, die in der gelbleuchtenden Savanne unter kargem Strauchwerk saßen; die schwarzen Panzerheuschrecken, die zu Tausenden über die Schotterpiste krochen.Und die "Welwitscha mirabilis", eine mystische Pflanze.Die Reiseteilnehmerin Frau B.gab kenntnisreich zu bedenken, daß es sich hier um ein "Wunder der Wüste" handele.Herr W.spitzte die Ohren und stolzierte um das grüne Gewächs, fotografierte - wohl ähnlich fasziniert wie der österreichische Arzt und Botaniker Friedrich Welwitsch, der die Pflanze 1860 entdeckte.Er soll ehrfurchtsvoll auf die Knie gesunken sein, und es heißt, daß er sich nicht traute, sie anzurühren."Die Welwitscha", sagte Friedrich, der Deutsch-Namibier und Fahrer des Safaribusses, "hat nur zwei Blätter, die vom Wind zu einem Wirrwarr gekräuselt sind." Der Stamm der Pflanze glich einem karottenförmigen Topf. Die Gruppe war in Windhoek gestartet.Nach und nach wichen die grasüberzogenen Hänge einer Hochebene aus Schiefer und Kalk.Der Safaribus rumpelte Richtung Namib, der Wüste Namibias, der "großen Leere", wie sie in der Sprache der Nama genannt wird.Friedrich saß wie ein Trucker am Steuer.Er trug einen zottigen Ziegenbart, eine grüne Baseballkappe über seinem ölig glänzenden Haupthaar.Er hatte die Augen des Argus.Kein Strauß, kein Springbock, den er nicht aus Kilometer weiter Entfernung erspähte.Und das trotz der sengenden Mittagssonne, die die Farben der Wüste ausgelöscht und der Landschaft sämtliche Konturen genommen hatte.Und einige der Reiseteilnehmer in bleierne Müdigkeit versetzte.Nur Frau B.schritt stilvoll wie Lady Bracknell in Oskar Wildes "Bunbury" zur Kühlbox."Ein Wasser wird mir guttun", sagte sie, schaute den Reisenden an und fügte hinzu: "Sie wissen, in der bissigen Hitze dehydriert man besonders." Der Reisende nickte, hob den Wasserbecher und prostete ihr freundlich zu.Zur Linken der Straße erstreckte sich das wuchtige Gamsbergmassiv mit seinen Canyons, Geröllflächen und Gebirgen.Drahtzäune säumten den Weg, oder Viehgatter aus gebleichten Holzbrettern.Manchmal auch Holzmasten und Telefonleitungen. Beim Abendessen auf der Terrasse in der Wüste erzählte Herr M.von seinem 400-Liter-Aquarium, während Herr W. zum fünften Mal vom Buffet zurückkam, sich zuversichtlich über den Bauch strich, um sich im Finale einem Törtchen zu verdingen.Kerzen gaben stimmungsvolles Licht.Ein freundlicher, aber reservierter Hotelangestellter servierte Getränke.Sein braunes Pfefferkornhaar wies ihn als Nama aus.Sie zählen zu den traditionellen Hirtenvölkern Namibias und sind im Süden des Landes beheimatet.Die kapholländischen Siedler im 17.Jahrhundert bezeichneten sie geringschätzig als "Hottentotten", was etwa Stotterer bedeutet.Heute machen die Nama gerade noch fünf Prozent der Bevölkerung aus.Ebensoviel wie die hochgewachsenen Hereros, die sich erstmals im 16.Jahrhundert auf dem heutigen Gebiet Namibias niederließen.Bis zu 60 000 wurden im Jahre 1904 ermordet, nachdem sie ihrem Unmut über das deutsche Kolonialgebaren Luft gemacht hatten.Herero-Häuptling Samuel Maherero hatte zu diesem Aufstand aufgerufen, mehr als 100 deutsche Männer wurden umgebracht. Frau B.war an diesem Abend wieder wie aus dem Straußenei gepellt und trug einen cremefarbenen Hosenanzug und eine Perlenkette.Sie hatte bereits in Erfahrung gebracht, daß die Gruppe am Nachbartisch angereist war, um in Sossusvlei Werbefotos zu machen.Eines der Models hatte üppige Lockenwickler im Haar.An ihren Füßen erblickte der Reisende High heels."Ein guter Schutz gegen Kriechtiere", dachte er.Schließlich hatten die Besitzer der Lodge einen "Wichtigen Hinweis" in die Zelte gestellt: "Ganz besonders sollte das Barfußlaufen vermieden werden, da sich Skorpione im Sand eingraben und nicht ohne weiteres mit dem bloßen Auge zu erkennen sind.Wir übernehmen keinerlei Verantwortung." Andachtvolles Schweigen herrschte früh morgens im Safaribus.Die Sonne ging gerade auf.Und mit ihr stiegen in der Ferne zwei bunte Heißluftballons zum Himmel über der Wüste auf.Der Weg nach Soussusvlei: Lindgrüne Gräser wechselten sich ab mit erodierten Flächen aus Sand, knorrige Baumriesen verzogen sich zu bizarren Maskeraden.Dahinter Dünen, bis zu 400 Meter hoch, mal terrakottarot, mal honiggelb, deren scharfe Kanten wie mit einer Rasierklinge geschnitten schienen.Eine Viertelstunde brauchten der Reisende und Frau B., um eine der Dünen im Vlei zu erklimmen.Der Sand glühte, war weich wie Mehl.Im Februar hatte es geregnet.Erstmals nach sieben Jahren.Das Wasser stand noch in den Senken, schimmerte silbergrau.Die Wüste blühte, sie lebte."Hier wird es Menschen geben, die sich an jeden Regenschauer in ihrem Leben erinnern", sagte der Reisende."Endlose Einsamkeit", begeisterte sich Frau B.Dann zeigte sie auf die Landschaft, die der Wind, wie sie sagte, "zu Skulpturen modelliert hat." Es wundert nicht, daß Madonna und auch der weiß gewordene Michael Jackson hier Videoclips gedreht haben.Frau B.trug an diesem Tag eine Hose mit Schmetterlingsapplikationen und eine rote Bluse. Zwei Stunden später, auf der Fahrt Richtung Swakopmund, waren die Farben wieder ausgeknipst.Die Hitze flirrte.Plötzlich gab es einen Knall.So laut, daß auch Herr W.aus dem Schlaf gerissen wurde.Alle schauten sich um.Der Bus hielt.Der Reisende dachte an einen echten deutschen Jäger, der gerade einen Oryx (350 Mark Abschußgebühr) oder ein Warzenschwein (600 Mark) erlegt hat.Friedrich nämlich hatte erzählt, daß immer mehr namibische Landwirte auf Jagdtourismus umsteigen: Auf Grund der Dürre brauchen sie für ein Rind rund 20 Hektar Land.Um rentabler zu arbeiten, kaufen viele statt dessen wilde Tiere von Zuchtfarmen und setzen sie auf ihrem Land aus.Waidmann reist dann aus Deutschland ein, knallt sie ab und zahlt.4000 Touristen kommen jährlich nur wegen der Jagd ins Land.Nach der Landwirtschaft und dem Bergbau ist der Tourismus in Namibia derzeit der drittgrößte Wirtschaftsfaktor. Ein Reifen war geplatzt.Friedrich lag auf dem Rücken im Sand und schraubte.Aus der Ferne rollte ein Jeep an.Ein Ehepaar mit zwei Kindern stieg aus, borgte eine Luftpumpe, die es "Brrr-Pumpe" nannte und steuerte gut gekühltes Windhoek Lager bei.Die Dame stellte sich als Frau Klein vor, war in Berlin aufgewachsen und lebte seit 15 Jahren in Namibia."Hier dürfen Kinder noch Kinder sein", sagte sie.Und daß sie in Swakopmund einen "Anziehsachenladen für Kleine" besitze.Frau Klein schwor auf Swakopmund.Auch passionierte Namibiareisende schwören auf die Stadt am Atlantischen Ozean.Sie mag ihnen ein Gefühl von Sicherheit geben.Es wird Deutsch gesprochen.Es gibt die Kaiser-Wilhelm-Straße und die Lazarettstraße, es gibt die Alte Post und das Café Anton, in dem man Schwarzwälder Kirsch bekommt.Auf den Reisenden wirkte die Stadt bedrückend, ähnlich wie Friedrichs Farm, wo sie den Hof akribisch geharkt, die Hüllen für Klopapierrollen selbst gehäkelt und eine Vogelvoliere gebaut haben.Zudem war es in Swakopmund nebelig. Der Nebel zog in Körper und Knochen.Und er zog bis in die Ränder der Wüste.Die Feuchtigkeit ließ hier Flechten wachsen.Als der Bus dann am Twyfelfontein eintraf, sagte Frau B.: "Nehmen Sie ein Wässerchen mit." Zehn Gehminuten dauerte es bis zu den Felszeichnungen von Twyfelfontein, der "zweifelhaften Quelle".Jäger sollen die Giraffen, Antilopen und abstrakten Figuren in den roten Sandstein geritzt haben.Irgendwo war auch ein Löwe mit eingeknicktem Schwanz und großer Tatze zu sehen.Dem Reisenden gefiel, daß nichts oder nur wenig über die Urheber bekannt war.Das hielt sie lebendig, appellierte an die eigene Phantasie.Ebenso wie der wenige Kilometer entfernt thronende Vingerklip: ein rund 35 Meter hoher, rot leuchtender Fels von geheimnisvoller Schönheit.Hier hätte man Tage verbringen können, oder Wochen.Irgendwann hätte er wohl angefangen zu sprechen.Allerdings sah die Reise hier nur einen Blitzbesuch vor.Frau B.erschien zum Abendessen in einem kanariengelben, knöchellangen Leinenkleid.Nachts lag der Reisende unter einem großen Moskitonetz, hörte die Paviane schreien. Am Nachmittag vor dem Rückflug besichtigte die Gruppe Windhoek.Der Reisende entschied sich dagegen für einen Besuch bei Präsident Nujoma, der seinen Geburtstag im Garten des Tintenpalastes feierte.Frau B.schloß sich an.Hunderte Menschen waren geladen.Viele Hererofrauen, mit großen Hüten und gelben und roten, traditionellen Trachtenkleidern, die sie auch beim jährlich im August stattfindenden Treffen am Grab des Herero-Häuptlings Samuel Maherero tragen.Die Zeitungen waren an diesem Tag voll mit Grüßen.Keine Firma, keine Fraktion, die Nujoma nicht das Beste wünschte.Der Präsident selbst, eine Kultfigur im Land, saß nebst Gemahlin unter großen Bäumen.Eine Nelke zierte das Revers seines Anzugs.Seine Augen leuchteten durch die Hornbrille.Kinder tanzten, Erwachsene hielten Reden und ein weißer Geschäftsmann übereignete dem Land Namibia als Geschenk sechs Farmen mit insgesamt 21 000 Hektar Land im District Outjo."Mein Vorschlag ist es, sie für den Bau einer Landwirtschaftsschule zu nutzen", sagte der Mann, während die ersten Gäste bereits Kartoffelsalat aßen.Dann blies der Präsident die 68 Kerzen der Geburtstagstorte aus.Die Menge applaudierte.Und ein geistig Behinderter rief: "Thank you, thank you." Ein rührender Moment.Die Präsidentengemahlin schnitt indes ein winziges Stück Torte ab und steckte es Nujoma vorsichtig in den Mund.Dabei schaute sie ihm in die Augen, wie man einem Menschen in die Augen schaut, den man liebt.Frau B.zog schnell noch ihr Halstuch zurecht und stellte sich mit ihrem dunkelblauen Hosenanzug in die Reihe der Gratulanten.Der Präsident schüttelte mindestens einhundert Hände.Was er sich wünsche? Nujoma blickte kurz nach oben und sagte: "Viel Regen für unser Land."TIPS FÜR NAMIBIA - Anreise: Die Lufthansa fliegt zweimal wöchentlich von Berlin über Frankfurt (ab 10 Uhr 50) nach Windhoek (an 19 Uhr 35).Der Preis in der Touristenklasse liegt bei 2541 Mark.Im Winter wird Lufthansa dreimal wöchentlich mit dem Airbus A 340 fliegen.Ein genauer Termin steht noch nicht fest.Aktuelle Flugpreise sollte man stets im Reisebüro erfragen.
Air Namibia fliegt ab Frankfurt dreimal wöchentlich nach Windhoek.
LTU fliegt von Düsseldorf über München nach Windhoek. - Einreise: Zur Ein- und Ausreise reicht Deutschen ein Reisepaß.Er muß noch sechs Monate gültig sein. - Devisen: Die Landeswährung ist der Namibia Dollar.Auf Grund des günstigen Kurses sollte er im Land erworben werden.Fremdwährungen dürfen in beliebiger Höhe ein- und ausgeführt werden.Kreditkarten werden in größeren Städten und in den abgelegenen Lodges akzeptiert. - Nujomas Geburtstag: Sam Nujoma, der Präsident Namibias, ist am 12.Mai 1929 geboren.Seinen Geburtstag feiert er jährlich im Park vor dem Tintenpalast. - Reisezeit: Namibia eignet sich das ganze Jahr über als Reiseziel.Im Sommer (Oktober bis April) ist es tagsüber warm bis heiß.Tagesmaximum in Windhoek: 33 Grad Celsius.Nachts kann es frisch werden. - Mietwagen: Namibia ist nicht gerade ein Land für Rucksacktouristen.Ohne Mietfahrzeug ist es schwierig, sich im Land zu bewegen.Büros internationaler Firmen verleihen Autos, Campingmobile und Geländewagen an den Flughäfen von Windhoek, Swakopmund oder Walvis Bay.Die Fahrzeuge sollte man schon von Europa aus bestellen.(Vorwahl Flughafen Windhoek: 002 64 / 6 26).Avis (Telefon: 402 71; Fax: 402 54), Budget (Telefon: 402 25), Imperial (Telefonnummer: 402 78).Achtung: Linksverkehr! -Unterkünfte: Es gibt fast überall Pensionen, Lodges, Hotels und Gästefarmen sowie zahlreiche Campingplätze.Eine Liste ist vor Ort erhältlich bei: The Namib Travel Shop, Windhoek, 8, Bismarck Street, P.O.Box 6850, Telefon: 061 / 22 61 74, Faxnummer: 061 / 23 94 55.
In Soussousvlei ist die Karlos Lodge.Die flachen, kleinen Gebäude sind den Farben und den Materialien der Landschaft angepaßt.Stilvolles Ambiente.Reservierung erfolgt über das Büro in Johannesburg.Telefon: 27 11 / 484 16 41, Fax: 27 11 / 484 62 06.
Am sogenannten Vingerklip liegt die gleichnamige Lodge mit zehn komfortable Bungalows.Information und Reservierung über das Büro in Windhoek, Telefonnummer: 061 / 22 03 42, Fax: 061 / 22 14 32.
Exklusivität in Windhoek bietet das Hotel Heinitzburg, Heinitzburg Street 22, P.O.Box 458, Windhoek, Telefon: 061 / 24 95 97, Fax: 061 / 24 95 98.Das Hotel befindet sich in einer Burg aus dem Jahre 1914 und bietet einen wunderbaren Blick über die Stadt.Bis zur Innenstadt sind es zwei Minuten mit dem Auto. - Literatur: Sehr informativ ist der DuMont Landschaftsführer "Namibia und Botswana" von Karl-Günther Schneider und Bernd Wiese.Das 320 Seiten umfassende Buch geht auch auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen Namibias ein.DuMont Buchverlag, Köln 1989, vierte aktualisierte Auflage 1996, 320 Seiten, 44 Mark.
Kurz und prägnant ist der Polyglott Namibia.Allerdings wird hier auf Hintergrundinformationen verzichtet.Die sechs Routen sind jedoch gut ausgearbeitet.Polyglott Namibia, München 1996, 12,80 Mark. - Veranstalter: Lufthansa City Center bietet zusammen mit dem Berliner Veranstalter Windrose eine 12tägige Namibia-Rundreise an.Neben den im Text beschriebenen Stationen geht es auch in den Etoscha Nationalpark.Termin: Zum Beispiel vom 27.September bis zum 8.Oktober.Der Reisegrundpreis liegt bei 4440 Mark.Verlängerung für Ausflüge zu den Victoria Fällen und dem Hwange Nationalpark möglich.Auch individuelle Angebote, Reisetermine: 6.September, 18.Oktober, 8.und 29.November.Windrose bietet auch Flugsafaris an.Weitere Auskünfte bei Windrose Fernreisen GmbH, Neue Grünstraße 28, 10179 Berlin, Telefonnummer: 201721 - 0.
Auch andere große Veranstalter wie ADAC, Dertour, Neckermann oder TUI haben Namibia im Programm.Auskunft im Reisebüro. - Informationen: Namibia Verkehrsbüro, Postfach 2041, 61290 Bad Homburg; Telefon: 061 72 / 40 66 50; Fax: 061 72 / 40 66 90. © 1997 Verlag DER TAGESSPIEGEL

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