Zeitung Heute : Die neue Bärenmarke

Der Vater ist weiß, die Mutter dunkelbraun – die Natur hat nicht vorgesehen, was im Zoo von Osnabrück geschah

Martin Wein[Osnabrück]

Shakespeare hätte sich davon vielleicht inspirieren lassen. Er hätte heute leben und eine Eintrittskarte für den Zoo in Osnabrück lösen müssen. Gesehen hätte er: ein Drama. Es handelt von einer betrogenen Ehefrau (Sonja), einer liebestollen Witwe (Susi), einem alten Herrn, der die Chance zum Seitensprung wahrnimmt (Elvis), einer reizenden Tante (Ossi), einem regierungsmüden König (King), es handelt von Kindsmord und zwei Bastarden.

Die Bastarde heißen Tips und Taps. „Sie sind halb Eisbär, halb Europäischer Braunbär“, sagt Biologe Jörg Fliße. Fliße trägt eine grüne Weste, sie kennzeichnet ihn als Zoomitarbeiter. Tips und Taps sind wohl die Einzigen ihrer Art, sagt er. Ein Unfall im Zooalltag, über den sie hier nur ungern öffentlich reden. Er zeugt von einer nicht artgerechten Tierhaltung. In freier Wildbahn laufen sich beide Bären nicht über den Weg. Mischlinge sind wider die Natur.

Doch das Ergebnis des Unfalls ist nicht zu übersehen. „Es ist passiert, jetzt stehen wir dazu“, sagt Fliße möglichst locker, und er zeigt bereitwillig den Weg an den Flamingos vorbei zum Bärengehege, einer grabenumwehrten Betonanlage mit Wasserbecken und Baumstämmen zum Kratzen.

Hier beginnt im Jahr 1980 der 1. Akt, als Braunbären, Eisbären, Kragenbären und Schwarzbären in einer Wohngemeinschaft zusammenziehen. Sie haben nicht darum gebeten. Niemand hat sie gefragt. Sie arrangieren sich, leben paarweise monogam, planschen gemeinsam im Pool. Sie brummen und werden zusammen alt.

Nach 20 Jahren jedoch ist diese Form der Tierhaltung überholt. Heute hält man nur Arten zusammen, die auch in der Natur zusammenleben. Auch in Osnabrück sollen nach dem Tod der Alten die wilden Zeiten enden, die Gemeinschaftsanlage soll einem modernen Gehege mit Panoramascheiben, bewohnt von nur einer Bärenart, weichen. Erst läuft alles nach Plan. 2003 schickt der Tierarzt Braunbärenmann Durjan – von Arthrose geplagt – in den Bärenhimmel.

Übrig bleiben die alternden Eisbären Sonja und Elvis, daneben die Braunbärenschwestern Susi und Ossi und der eigenbrötlerische Kragenbär King. Majestät interessiert sich herzlich wenig für andere Pelze. Ihm bleibt in diesem Stück nur die Komparsenrolle des stillen Beobachters.

Auch die übrigen Darsteller wähnt man im biologischen Ruhestand. Doch was wissen schon Menschen? Der Rest der Bande intrigiert gegen die Pläne der Direktion, womit der 2. Akt beginnt.

Die Bären schreiten zum stillen Aufstand gegen die Artenschranken. Braunbärin Susi (Ursus arctos arctos) und Eisbär Elvis (Ursus maritimus) interessieren die Konventionen wenig und die Gelegenheit ist günstig. Elvis hat mit Gattin Sonja zwar Jahre zuvor Nachwuchs auf die Beine gestellt. Leider aber waren beide als Eltern unerfahren und erkannten die eigenen Kinder nicht. So verspeisten sie den eigenen Nachwuchs und blieben kinderlos.

Der Braunbärin Susi wiederum ist als Witwe nach Durjans Tod langweilig. Die Tierpfleger merken mindestens 15 Monate lang nichts. Tieroberpfleger Ortwin Imming sagt: „Am 21. Januar 2004 lagen auf einmal zwei kaffeebraune Wollknäuel in Susis Wurfbox. Keiner hatte vorher etwas von der Schwangerschaft bemerkt.“

3. Akt: Nicht nur die Tierpfleger staunen gewaltig. Auch Susis Schwester Ossi bekommt den Schock ihres Lebens. Beleidigt ist sie nicht, im Gegenteil. „Vielleicht hat Ossi das seltsame Treiben ihrer Schwester verwirrt. Jedenfalls hält sie sich selbst für die Mutter“, sagt Imming. Die treue Tante wird scheinschwanger und produziert wie Susi noch heute Milch für die Kleinen.

Tips und Taps sind inzwischen heller geworden, cremefarben ist ihr Fell nun. Sie haben zugelegt, bekommen neben der Milch auch Fleisch, Fisch, Gemüse und im Winter reichlich Lebertran. „Man kann sie schwer unterscheiden“, sagt Biologe Fliße. Taps, der Junge, komme mehr nach dem Vater, sei stattlich mit hohem Rücken wie ein Eisbär. Tips, das Mädchen, ist eine zierliche Schönheit, die gerne mit dem Kopf auf ihren Tatzen ruht und das Publikum beobachtet. Dazu hat sie vor allem vormittags Gelegenheit, denn nachmittags müssen Braunbären und Bastarde ins Haus.

Die betrogene Sonja hat ihrem Mann den Seitensprung gnädig verziehen. „Sie leben immer noch friedlich zusammen“, berichtet Tierpfleger Imming, „wo sollten sie auch im Zoo die Scheidung einreichen?“ So hat denn die Geschichte fast ein Happy End. Die Mischlingsbärchen sind, seit alles raus ist, die Stars bei den Zoobesuchern und damit vor der aus biologischer Sicht vielleicht sinnvollen Erschießung zunächst sicher. Die Forschung lässt sie in Ruhe: „Dieser Fall ist wohl einfach zu ungewöhnlich“, vermutet Biologe Fliße. Der Umbau der Bärenanlage wurde zunächst auf Eis gelegt. Bis über das Schicksal der Mischlinge entschieden ist.

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