Zeitung Heute : Die neue Lust am Erzählen

Ein Festival der Entdeckungen: DT-Intendant Ulrich Khuon über die „Autorentheatertage Berlin“

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Unglücksraben von schönster spielerischer Präzision: Mit Dea Lohers Drama „Das letzte Feuer“ in der Inszenierung von Andreas...

Herr Khuon, über die „Autorentheatertage“ haben Sie mal gesagt, sie böten ausdrücklich kein Theater für Spezialisten, sondern Stücke und Aufführungen, die Herz und Hirn erreichten. Also im besten Sinne populäres Theater?

Es ist der Versuch, das Publikum schwungvoll zu erobern. Das ist im Kontext eines Festivals manchmal leichter möglich als über einzelne Uraufführungen. Bei einem Festival entsteht über zehn Tage hinweg eine Stimmung, aus der heraus man begreift, dass zeitgenössisches Theater reizvoll ist, spannend, anregend. Eben Herz und Hirn erreicht.

Die Scheu vor der Gegenwartsdramatik besteht nach wie vor bei vielen Theatergängern?

Wir veranstalten ja unter anderem ein Symposium über Dea Loher und Elfriede Jelinek, das wir mit dem Titel „Verstehen – Davon war nie die Rede“ überschrieben haben. Natürlich sind die Künste auch ein Rätselgebilde, das immer einen Rest an Geheimnis bewahrt. Das gehört dazu. Der Zuschauer soll aber nicht den Eindruck haben, es ist so geheimnisvoll, dass er sich sinnlos daran abarbeitet.

Und wie wirken Sie dem entgegen?

Wir bieten zum Beispiel Autorenporträts an, bei denen die Autoren auch anwesend sind, oder vertiefende Diskussionen. Das Festival soll Berührungsängste abbauen, und wenn das gelingt, kann es auch suchtverstärkend wirken.

Schlug Ihnen Skepsis entgegen, als Sie die „Autorentheatertage“ Mitte der 90er Jahre in Hannover ins Leben riefen?

Wir sind eher unterschätzt worden. Wir haben klein begonnen damals. Die Haltung der Öffentlichkeit war vielmehr: Na ja, so ein paar Gastspiele, das kann ja nicht schaden. Auch bei den Autoren ist das Problem ja nicht, dass die Welt ihnen feindlich gesinnt wäre, sondern dass sie ihnen gleichgültig gegenüber steht. Vereinzelt werden Reizimpulse in Form von Uraufführungen gesetzt, die kurzzeitig Aufmerksamkeit schaffen, aber darüber wird oft eine verlässliche Arbeit miteinander vergessen.

Und diese Verlässlichkeit ist der Anspruch des DT?

Wir wollen auch andere auf Talente aufmerksam machen. Zu dem Festival kommen viele Dramaturgen, Regisseure, Intendanten, und wenn die ein Interesse an bestimmten Autoren gewinnen, ist das schön. Wir müssen nicht alle Wege selber begleiten, das können wir auch gar nicht. Aber natürlich ist die kontinuierliche Pflege von gewachsenen Beziehungen zu jungen Autoren und Regisseuren eine wesentliche Energie meiner Arbeit, und das bleibt ja nicht auf das Festival beschränkt. Dafür stehen auch Namen wie Dirk Laucke, Anja Hilling oder Nuran David Calis, die wir in den kommenden Monaten noch auf dem Spielplan haben.

Auch bei den Gastspielen des Festivals dominieren Namen, die schon lange mit Ihnen verbunden sind.

Das heißt, dass wir kein Ex- und Hopp-Theater machen. Gemeinsam eine Entwicklung zu durchlaufen, ist kein Fehler.

Hat sich die Gegenwartsdramatik seit Beginn der „Autorentheatertage“ stark verändert hinsichtlich ihrer Themen und Ästhetiken?

Eine Entwicklung ist, dass dem Erzählen doch wieder mehr getraut

wird. Eine Geschichte und Figuren

plausibel zu machen, dadurch fremde Zusammenhänge zu verstehen – das hat eher zugenommen.

Viele haben ja bemerkt, dass sie

mit der Beschreibung ihrer Beziehungs- und Familienprobleme

an die Grenze des Autistischen

stoßen. Und um sich eine Welt, die sozial immer mehr in Bewegung

gerät, zu erobern, werden dokumentarische Ansätze genutzt. Spürbar wird die Sehnsucht nach einer als wirklich empfundenen Realität jenseits vieler Möglichkeitsformen. Vielleicht eine neue Variante des Existenzialismus.

Wie grenzen sich die „Autorentheatertage“ von anderen Festivals der Gegenwartsdramatik wie den Mülheimer Theatertagen oder dem Heidelberger Stückemarkt ab?

Wir versuchen gar nicht so sehr, uns abzugrenzen. Es ist doch

schön, dass an verschiedenen Orten das Interesse wächst. Aber natürlich gibt es einen Unterschied, der darin liegt, dass wir in der „Langen Nacht der Autoren“ vier Stücke in Werkstatt-Inszenierungen tatsächlich schon mal vorstellen – nicht nur den Text, sondern die szenischen Möglichkeiten, die in ihm schlummern. Das hat eine Aufgeladenheit und Einmaligkeit, die Schauspieler haben zwei Wochen gearbeitet, werfen sich mit vollem Einsatz rein.

Inwiefern hat es sich bewährt, die Verantwortung für die Auswahl der „Langen Nacht“ in die Hände eines einzigen Jurors zu legen?

Wir schätzen den Juror ja über seine Stückwahl hinaus als Gesprächspartner, dadurch bekommen wir Anregungen von außen und schmoren nicht im eigenen Saft. Ich finde den fremden Blick wichtig.

Wird das Festival, nachdem es sich in Hannover und Hamburg bewährt hat, in irgendeiner Weise an Berlin angepasst?

Nein, wir haben auch nie geschaut: Was können wir speziell für Hannover oder Hamburg einladen? Sondern: Was interessiert uns? Ich würde auch am liebsten vergessen, dass die „Autorentheatertage“ eine Geschichte haben. Die beginnen hier neu. Das ist eine neue Setzung für Berlin, eine neue Begegnung mit dem Publikum. Und dann müssen wir schauen, ob es gelingt, dafür Interesse zu wecken.

Interview: Patrick Wildermann

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