Zeitung Heute : Die neuen Anti-Depressiva Der Baby-Blues

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Vor 25 Jahren wurden Depressionen vor allem in ihrer sozialen Entstehung betrachtet. Heute steht die Biochemie stärker im Brennpunkt. Die Theorie: Depressionen sind die Folge von Störungen im Stoffwechsel des menschlichen Gehirns. Eigentlich ist das eine uralte Hypothese, denn auch Hippokrates glaubte, dass psychische Erkrankungen auf „gestörte Körpersäfte“ zurückgehen.

Gestört ist ein ganz besonderer Saft. Bei Depressiven ist die Balance der NeuroTransmitter (chemische Botenstoffe) Serotonin, Noradrenalin und Dopamin im Ungleichgewicht. Sie sorgen für eine gute Kommunikation zwischen den Nervenzellen. Nervenzellen sind aktiv, sobald der Mensch fühlt, hört oder sieht. All unsere Eindrücke müssen „nervlich“ verarbeitet werden. Neurotransmitter sorgen für die Vernetzung der Nervenzellen, indem sie an den Kontaktstellen die Impulse von einer Zelle zur anderen weiterleiten. Bei Depressionen, so die aktuelle Theorie, sind entweder zu wenig Neurotransmitter vorhanden oder die Übertragung funktioniert nicht richtig.

Antidepressiva setzen genau hier an. Die Medikamentenklasse der „spezifischen Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer“ etwa sorgt dafür, dass das Serotonin, nachdem es an den Kontaktstellen seinen Job verrichtet hat, nicht inaktiviert wird. Damit erhöht sich die Menge des verfügbaren Botenstoffs. Andere Medikamente können auch das Noradrenalin-Angebot im Hirn erhöhen. Jede Depression hatte eine individuelle Biochemie. Aber auch die klinische Ausprägung ist unterschiedlich: Manche Depressionen sind mit heftigen Angstgefühlen verbunden, manche mit stärkeren körperlichen Symptomen, manche sind chronisch, andere episodisch, manche sind mit manischen Phasen verknüpft.

Die neuen Antidepressiva wirken erst nach zwei bis drei Wochen. Und sie müssen über mehrere Monate, manchmal Jahre eingenommen werden, „weil im Hirn ein ganzes System umgestellt wird“, so Manfred Ackenheil, Leiter der Neurochemie der Universität München. Andere biochemische Erklärungen der Depression konzentrieren sich auf das „Corticotrope Releasing Hormon“ (CRH). Diese Substanz reguliert die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol. Nach dieser Theorie befindet sich der Depressive in einer Art Dauerstress, er wird von CRH und Cortisol überflutet. Neu entwickelte Medikamente sollen die CRH-Produktion reduzieren und damit die Stressreaktion beruhigen.

BIOCHEMIE

Eine spezielle und häufige Form der Krankheit bei Frauen ist der so genannte Baby-Blues. Nach der Geburt eines Kindes rutscht etwa jede zehnte Frau in eine Phase der Depression, die manchmal längere Zeit, im schlimmsten Fall mehrere Jahre, andauern kann. Die ersten Symptome treten oft knapp vier oder fünf Tage nach der Niederkunft auf. Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen und Energieverlust werden dann meist mit den Belastungen einer jungen Mutter erklärt, sind aber in Wahrheit unerkannte Folgen der Depression, die meist hormonell ausgelöst wird. Da die Mütter in dieser Phase oft nur mit Kinderärzten zu tun haben, fällt es ihnen schwer, Hilfe zu suchen. Unter der Krankheit leidet nicht nur die Mutter, sondern auch die Entwicklung des Kindes. Inzwischen werden deshalb Antidepressiva auch bei stillenden Müttern verordnet. Bestimmte Mittel könnten eingesetzt werden, ohne dass nachteilige Nebenwirkungen auf das Kind zu befürchten sind, erklärt die Weltgesundheitsorganisation.

DIAGNOSE

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