Zeitung Heute : Die Not in Aufnahmen

In New York starb eine Patientin in der Ambulanz – und keiner merkte es. Könnte bei uns Ähnliches passieren?

Matthias B. Krause[Liva Haensel],New York[Liva Haensel],Fabian Leber[Berlin]

Ein Fall erschüttert Amerika. Was passierte

in der New Yorker Klinik?

Wenn es um das amerikanische Gesundheitssystem geht, behaupten Politiker in Washington gerne, es sei zwar das teuerste der Welt, aber auch das beste. Die Bilder, die in dieser Woche in US-Nachrichtensendungen rauf- und runterlaufen, belegen aber etwas anderes. Ein Film zeigt eine Frau in Krankenhauskleidung, geduldig sitzt sie im Wartezimmer einer Klinik auf einer Bank. Doch ihr Zustand verschlechtert sich, die Überwachungskamera zeigt 5.32 Uhr am Morgen, die Frau fällt vom Sitz, kniet vor der Bank, bevor sie auf den Boden niedersinkt. Erst bewegt sie sich noch, dann liegt sie still. Mehr als eine Stunde vergeht, Patienten, Pflegekräfte und Sicherheitsleute gehen vorbei, ohne sie zu beachten. Schließlich ruft doch jemand Hilfe, doch da ist Esmin Green, 49, schon tot.

Mehr als 24 Stunden hatte die Frau aus Jamaika am 19. Juni offensichtlich im Kings-County-Hospital im New Yorker Stadtteil Brooklyn gewartet. Sie war gegen ihren Willen in die psychiatrische Abteilung eingeliefert worden, ihre Todesursache soll nun eine Obduktion bestimmen. Ihr Fall erinnert fatal an den Skandal, zu dem die „Los Angeles Times“ in dieser Woche die Bilder lieferte. Die zeigen, wie sich Edith Isabel Rodriguez im Martin-Luther-King-Hospital in Los Angeles 45 Minuten lang auf dem Boden der Notaufnahme in Schmerzen windet und niemand sie beachtet. Sie stirbt, während ihr Freund vergeblich versucht, die an einem Magendurchbruch Leidende in ein anderes Krankenhaus verlegen zu lassen.

In beiden Fällen versuchte das Klinikpersonal, die Skandale zu vertuschen. Das Video, das Rodriguez’ Sterben im Mai vergangenen Jahres dokumentiert, wurde der Zeitung erst jetzt anonym zugespielt. In Brooklyn fälschten die Angestellten zusätzlich Greens Krankenakte. Demnach sei sie noch um 6.20 Uhr auf die Toilette gegangen und habe sich wieder ruhig auf die Bank gesetzt. In Wirklichkeit war sie da schon tot. Es ist nicht das erste Mal, dass die psychiatrische Abteilung des Kings-County-Hospital in den Schlagzeilen steht. Derzeit ist eine Klage von drei verschiedenen Organisationen anhängig, die der Institution die bewusste Vernachlässigung ihrer Patienten vorwirft.

In Greens Fall suspendierte die Klinikleitung sechs Angestellte. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg fehlten angesichts des Vorfalls die Worte. „Ich kann nicht erklären, was passiert ist“, sagte er. „Entsetzt“ sei ein zu freundliches Wort, er sei „angewidert“. Die Staatsanwaltschaft untersucht, ob sie Klage erhebt. Mitglieder aus Greens Kirche beschreiben die Frau als manchmal etwas eigenartig, aber „ruhig und liebenswürdig“. Sie habe als Haushälterin gearbeitet, um ihre sechs Kinder in Jamaika finanziell über die Runden zu bringen.

Wären ähnliche Versäumnisse auch

in Deutschland möglich?

In den USA gebe es ein anderes Gesundheitssystem, sagt der Präsident der Landesärztekammer Berlin, Günther Jonitz. „Dort herrscht die freie Marktwirtschaft und das Geld zählt als Erstes, erst dann kommt der Patient. Bei uns gibt es immer noch sehr viele hochmotivierte Ärzte und Schwestern, die sich um ihre Patienten kümmern.“ Daher seien vom Personal verschuldete Todesfälle in deutschen Notaufnahmen eher unwahrscheinlich. Trotzdem sei gerade in Berliner Rettungsstellen die Versorgung in den vergangenen Jahren schlechter geworden. Das liege am finanziellen Druck.

Auch in Deutschland sorgten tragische Todesfälle für Aufsehen, selbst wenn es keine Versäumnisse gab, die mit denen in den USA vergleichbar sind: 2006 verirrte sich zum Beispiel ein demenzkranker Patient im Vivantes-Klinikum Neukölln und verlief sich im Untergeschoss. Ein Techniker fand ihn erst eine Woche später tot im Heizungskeller. Zwar hatten Pflegekräfte bemerkt, dass der Patient verschwunden war und die Polizei eingeschaltet – die Suche nach ihm verlief allerdings erfolglos.

In der Charité-Rettungsstelle wurde vor einem Jahr der Fall eines krebskranken Mannes mit Verdacht auf Querschnittlähmung publik, der 14 Stunden auf ärztliche Hilfe warten musste. Das Universitätsklinikum veranlasste daraufhin eine Überprüfung aller Rettungsstellen. Zuvor hatten sich auch Haftpflichtversicherer unzufrieden über die Zustände in den Charité-Ambulanzen geäußert.

Wie die Situation in den Warteräumen der sechs Psychiatrien der Vivantes-Kliniken aussieht, wollte Vivantes-Sprecherin Astrid Zawodniak am Donnerstag nicht kommentieren. „Wir sehen keine Zusammenhänge zwischen unseren Kliniken und dem Fall in New York“, sagte sie.

„Grundsätzlich ist so etwas wie in den USA natürlich auch bei uns möglich, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr gering“, sagt der Notfallmediziner Markus Wrase vom Zentrum für Notfallmedizinische Aus- und Weiterbildung in Berlin. Fast alle Wartebereiche in deutschen Krankenhäusern seien so konzipiert, dass die Patienten im Blickfeld von Pflegekräften säßen. Immer mehr Kliniken sicherten sich zusätzlich mit Videokameras ab.

Allerdings hätten auch die Videoaufnahmen im Fall von Esmin Green Schlimmeres verhindern sollen – trotzdem kümmerte sich niemand um die Frau. „Das ist in Deutschland ausgeschlossen“, meint Wrase dazu. Wenn ein Patient in die Notfallambulanz komme, gebe es schnellen Erstkontakt zu einer Schwester oder einem Pfleger. In einer psychiatrischen Einrichtung gelte genau das Gleiche. Auch Sicherheitsleute müssten eingreifen, sobald sie merken, dass eine Person am Boden liegt. „Wer einem zusammengesackten Menschen wie in dem New Yorker Fall nicht hilft, verweigert Hilfe. Es ist immer besser, zu helfen als gar nichts zu tun. Damit macht man sich sonst strafbar.“

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