Zeitung Heute : Die Öffentlichkeit in der Hand?

Krystian Woznicki

Der jüngst verstorbene Soziologe Pierre Bourdieu hat einmal gesagt, dass es heutzutage nicht mehr so wichtig ist, wie viele Leute auf eine Demonstration gehen, sondern wie groß das Medienecho ist. Wenige Demonstranten können ihm zu Folge also das bewirken, was früher nur durch Massenaufläufe zu erreichen war. Die Voraussetzung ist: Sie haben die Logik der Medien verinnerlicht und verstehen es, sie für ihre Zwecke einzusetzen. Den Gesetzen der neuen Medien folgend, ist der Austragungsort solcher Kämpfe noch immer unser unmittelbarer Lebensraum: die Stadt. Oder ein Medienfestival wie die transmediale.

Wie Andreas Broeckmann, der künstlerische Leiter des Berliner Festivals, zu Protokoll gibt, trifft die Frage danach, ob und wie sich mit digitalen Medien neue Formen von Öffentlichkeit entwickeln lassen, mit einigen Auseinandersetzungen zusammen, die der neue Berliner Kultursenator Thomas Flierl in den letzten Jahren als Baustadtrat von Mitte geführt hat. "Der als Nein-Sager kritisierte Flierl", so Broeckmann, "stellte die hemmungslose Nutzung des öffentlichen Stadtraums für private (Werbe-) Interessen in Frage und verteidigte den urbanen Raum gegen Partikularinteressen. Inwieweit das heute Sinn macht, muss man diskutieren, und wir hoffen, dass sich diese Diskussion anhand des Blinkenlight-Effekts entfachen lässt." Der Blinkenlight-Effekt aktiviert in erster Linie das Mobiltelefon als Zugang zu einer ästhetisch vermittelten öffentlichen Sphäre. Über das private Keyboard lassen sich Häuserfassaden manipulieren.

Faszinierend daran ist, dass das Handy auf der einen Seite eine Schnittstelle zwischen dem urbanen Raum und der virtuellen Welt ist, beide Dimensionen miteinander verbindet, dadurch aber auch gleichzeitig eine Reihe von neuen Konstellationen aufwirft. Wie Alex Bohn auf dem SMS-Encounters-Panel referierte, führen Medientheoretiker dafür den Begriff "cell space" ins Feld. Gemeint sei damit jener sphärische Raum, der beim Handy-gestützten Sprechakt entsteht und den Sprecher wie ein Duschvorhang umschließt. Das neue Nokia 5510 ist also nicht nur für Konvergenzpropheten keine Überraschung. Als tragbares Musikwiedergabe- und UKW-Empfangsgerät führe es die soziale Logik des Walkmans fort. Dass die Werbefigur als in sich versunkene Mitsumm-Straßenmusikerin dargestellt wird, die auch noch den Beifall der Öffentlichkeit erntet, kann nur ironisch wirken. Schließlich ist das Mobil-Telefonat immer auch ein Übergriff auf die Öffentlichkeit. Als aus dem Zusammenhang gerissene Tonspur mischt es sich harmonisch in die Polyphonie der Großstadt, wie aus offenen Wohnungsfenstern drängende Klangwände von Stereoanlagen.

Dieser Tatsache trägt ein Projekt von Matthew Fuller Rechnung, dass auf der "Public- Space-Invaders"-Konferenz vorgestellt wurde. Zum Jahreswechsel wurde die von ihm entwickelte Software TextFM an verschiedenen Orten in Europa installiert. Sie ermöglicht SMS-Textnachrichten im Radio zu "posten" - die eingesendeten Botschaften werden mit einem text-to-speech Programm vertont. Die sich für Fuller daraus ergebenden Fragen: Wo benutzen Menschen Handy und andere Medien gleichzeitig? Welche Ideen kann man über die Grenze zwischen privat und öffentlich schmuggeln? Prägt der SMS-Stil einen neuen Begriff der Öffentlichkeit? Oder handelt es sich um unkontrolliertes Rauschen? Diese Fragen tauchten an verschiedenen Orten der transmediale wieder auf. Ob im SMS-Encounters-Panel oder in verschiedenen Rahmenveranstaltungen. Die elektronische Kurznachricht als taktisches und künstlerisches Medium scheint in aller Munde.

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