Zeitung Heute : Die Ost Zone

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– der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Deutschland wird in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Vier? Es gab noch eine fünfte Siegermacht. Wie das Emsland polnisch wurde

Von Matthias Oloew Yehudi Menuhin war schwer beeindruckt. So sehr, dass er die Szenen, die er in der polnischen Kleinstadt erlebt hatte, sogar viele Jahre später noch in seinen Lebenserinnerungen euphorisch beschrieb: „Eine fröhlichere, scheinbar unbeschwert lebende Stadt hat es wahrscheinlich nicht gegeben. In einem fort wurden Feste gefeiert, Hochzeiten und Geburtstage; blumengeschmückte Karossen mit aufgezäumten Pferden kutschierten in den Straßen umher.“

Die Freude war erklärlich, denn nach nach sechs langen Jahren war endlich Frieden, ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Viel ungewöhnlicher war dagegen die Lage der kleinen Stadt, die der weltberühmte Violinist besuchte: Maczków, so hieß der Ort, befand sich nicht in Polen, sondern mitten im Emsland, dem äußersten Westen Deutschlands, nur zwölf Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt. Und bis Juni 1945 hatte die Stadt noch den Namen Haren getragen.Jetzt war die Stadt nicht nur dem Namen nach polnisch geworden.

Der ernste Hintergrund der ausgelassenen Szenerie blieb Menuhin nicht verborgen. Weiter schrieb er: „Die früheren deutschen Einwohner hatte man aus ihren Häusern vertrieben, wenn man ihnen auch offensichtlich erlaubte, tagsüber in der Stadt weiter ihren Tätigkeiten als Arzt, Hausmädchen usw. im Dienste der Polen nachzugehen.“

Menuhins Erinnerungen sind die wohl berühmtesten Zeugnisse dieser Fußnote in der Geschichte zwischen Deutschen und Polen. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen die Gebiete am nördlichen Ende der deutsch-niederländischen Grenze unter polnischer Kontrolle. Die Zone, in der die polnische Exilarmee innerhalb der britischen Besatzungszone die Ordnungs- und Polizeimacht übernahm, erstreckte sich über die heutigen Landkreise Emsland und Cloppenburg. Später kamen in zwei Schritten große Teile Ostfrieslands hinzu. Haren bildete das Zentrum.

Menuhin kam auf seiner Rundreise durch das besiegte Deutschland nach Maczków. Zusammen mit dem Komponisten Benjamin Britten war er im Juli 1945 in der britischen Besatzungszone unterwegs, um für die ausländischen heimatlosen Flüchtlinge, die so genannten Displaced Persons (DPs), und die Opfer der Konzentrationslager zu spielen. So erklärt sich auch der euphorische Ton in seinem Bericht. Wenige Tage zuvor hatte er in Bergen-Belsen gespielt und sah in die ausgemergelten Gesichter der KZ-Überlebenden. Da blieben die Szenen in Maczków umso fröhlicher in seiner Erinnerung.

Für die Polen, die in Maczków vorübergehend wieder so etwas wie eine Heimat gefunden hatten, gab es in den Sommertagen 1945 viel zu feiern. Vor allem sich selbst. Denn es war die polnische Exilarmee, die unter dem Oberkommando des britischen Generalfeldmarschalls Montgomery die polnischen Landsleute in den Emslandlagern befreite. Mehrere tausend Polen waren nahe der niederländischen Grenze interniert. Zum Beispiel im Konzentrationslager Esterwegen oder dem Kriegsgefangenenlager Oberlangen, wo Soldatinnen der polnischen Untergrundarmee einsaßen, die während des Warschauer Aufstands gegen die deutschen Besatzer gekämpft hatten. Im Emsland mussten sie Zwangsarbeit leisten. Sie trauten ihren Augen nicht, als sie polnische Schulterstücke an den Uniformen der Soldaten entdeckten, die durch die Tore des Lagers brachen. „Das war eine wunderbare Überraschung“ erinnert sich Anna Lehr-Splawinska, die sieben Monate zusammen mit ihrer Schwester im Lager war. „Wir haben gleichzeitig gelacht und geweint. Es war unglaublich, wir hatten keine Ahnung, dass polnische Soldaten so weit im Westen waren.“

Für die Bürger von Haren bedeutete die polnische Besatzung der Verlust ihrer Häuser. Der 20. Mai 1945 war Pfingstsonntag, Ausrufer Otto Mecklenburg zog durch die Straßen und verkündete das, was die Bevölkerung schon am Morgen von der Kanzel hören konnte: „Auf Anordnung der Militärregierung ist der Ort von der Zivilbevölkerung zu räumen.“ Die Details waren im Befehl nachzulesen: „Das Räumungsgebiet ist von allen Menschen und Tieren frei zu machen. Mitgenommen werden dürfen: Wertsachen, Kleidung und Wäsche, Lebensmittel, Oberbetten ohne Matratzen und ohne sog. Auflagekissen. Zu verbleiben haben in den Wohnungen die Möbel, die Öfen und Herde, Küchengeräte, Teller, Tassen und Töpfe, sowie die nötige Anzahl von Bestecken.“ Binnen 48 Stunden fand der Auszug der Harener Bürger unter der Aufsicht von britischen und polnischen Soldaten statt. „Das war für die Menschen traumatisch“, sagt der Harener Stadtchronist Norbert Tandecki, „die Stadt war nicht zerstört worden, und alle hatten gehofft, von den Schrecken des Krieges verschont zu bleiben.“

Die Hoffnung trog. Der Krieg, den die Deutschen mit dem Überfall auf Polen begonnen hatten, erreichte zu seinem Ende Haren. Eigentlich hatte er sich schon seit Jahren in der idyllischen Landschaft an der Ems festgesetzt, schließlich waren nicht nur das Konzentrationslager, sondern auch andere Barackenlager mit Kriegsgefangenen gefüllt – vor allem aus Russland und Polen. Esterwegen ist das Lager, in dem auch der Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky einsaß, die Zwangsarbeiter hier, wie in einem der 14 Außenlager, sangen das Lied „Die Moorsoldaten“ – denn sie mussten die emsländischen Moore kultivieren. Auch 60 Jahre danach spricht von den Alt-Eingesessenen niemand gerne über diese Zeit, und wenn, dann wollen sie auf keinen Fall in der Zeitung stehen.

Die Räumung Harens war die spektakulärste und größte Umsiedlungsaktion im Emsland nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber nicht die einzige. Polnische, kanadische und britische Militärs entschieden, dass die deutsche Bevölkerung in dem Dreieck zwischen Leer, Cloppenburg und Meppen insgesamt sieben Ortschaften zu räumen hatte, damit in die Häuser Polen einziehen konnten. Rund 30000 Polen lebten bei Kriegsende im Umkreis des Konzentrationslagers Esterwegen, geschätzte 3,1 Millionen Polen lebten bei Kriegsende im Gebiet des Deutschen Reiches – in Konzentrationslagern, als Zwangsarbeiter oder als DPs.

Nach Polen zurückkehren? Vielen Emsland-Polen ging es so, wie Anna Lehr-Splawinska: „Mein Vater war gefallen, von meiner Mutter wusste ich nicht, wo sie war, und unsere Wohnung in Warschau gab es nicht mehr“, erzählt sie heute. „Viele Exilpolen verspürten keinen Drang, wieder nach Hause aufzubrechen. Ihre Lebensgrundlage in der Heimat war grundlegend zerstört“, sagt der Historiker Jan Rydel, der heute an der polnischen Botschaft in Berlin arbeitet. Von ihm stammt die ausführlichste Darstellung dieser Geschichte („Die polnische Besatzung im Emsland“, Fibre-Verlag, Osnabrück). „Die Polen im Exil sahen nach dem Krieg ihr Land als Opfergabe, die von den Westalliierten an die Sowjetunion gemacht wurde. Sie empfanden die kommunistische Vorherrschaft als eine zweite Okkupation.“ Anna Lehr-Splawinska, die heute in Wien lebt, blieb schließlich ein Jahr in Maczków. Sie vertraute wie viele ihrer Landsleute auf den Schutz der polnischen Exilarmee.

Kern der polnischen Truppen waren die 1. Panzerdivision, die auf Befehl von Oberbefehlshaber Wladyslaw Sikorski 1942 gegründet worden war, sowie die 1. Selbstständige Fallschirmjägerbrigade. Sikorski war es auch, der nach dem Zusammenbruch Polens eine Exil-Regierung gründete, die 1940 von Frankreich nach Großbritannien wechselte. Ein dritter Verband der Exil-Streitkräfte wurde dort gegründet, nachdem General Stanislaw Maczek auf der Insel eingetroffen war. Es war Maczek, dem eine entscheidende Rolle bei der Befreiung Belgiens, der Niederlande und Nordwestdeutschlands zukam. Als erster erreichte er mit seinen Verbänden Wilhelmshaven an der deutschen Nordseeküste. Einer der wichtigsten deutsche Kriegshäfen war damit unter seiner Kontrolle.

Er sollte es nicht lange bleiben. Denn die britische Marine hatte sich die Kontrolle der Seehäfen innerhalb ihrer Besatzungszone vorbehalten, Maczek musste sich ins Emsland zurückziehen. Die Polen, das machten die Briten unmissverständlich klar, galten als Besatzungsmacht zweiter Klasse. Im Emsland wurde Maczek jedoch eine besondere Ehre zuteil. Während eines Truppenbesuchs am 24. Juni 1945 gab der polnische Oberbefehlshaber General Tadeusz Bór-Komorowoski dem Städtchen Haren ihm zu Ehren den neuen Namen Maczków.

Die ehemaligen deutschen Bewohner durften zu diesem Zeitpunkt die Stadt nur mit einem Passierschein betreten. Rund 3000 Menschen flüchteten mit ihren Habseligkeiten auf die Bauernhöfe der Umgebung. Bis zu 60 Menschen drängelten sich auf einem Hof, mussten ihre Zelte im Kuhställen aufschlagen, auf Dachböden oder in Heuschobern schlafen. Anfangs versuchten die Bauern, die Menschen mit den Erträgen ihrer Ländereien zu versorgen, auf die Dauer klappte das immer weniger. So zogen die Flüchtlinge von den Bauernhöfen in leer stehende Gebäude, teilten große Räume provisorisch zwischen mehreren Familien auf. Neue Häuser zu bauen, kam für die Harenser nicht in Frage. Sie hofften darauf, schon bald in ihre Häuser, in ihre Stadt, zurückkehren zu können. Immer wieder wurden sie jedoch enttäuscht.

Umgekehrt entwickelte sich in Maczków ein blühendes polnisches Gemeinwesen, mit einem Gymnasium, polnischem Bürgermeister und Stadtrat, einem Krankenhaus und einer polnischen Pfarrei. Außerdem gab es ein Kino, zwei Theater und eine polnischsprachige Zeitung. Aber „die Aussicht, auf Dauer im Emsland bleiben zu können, war reines Wunschdenken“, sagt Jan Rydel. Das Flüchtlingshilfswerk der frisch gegründeten Vereinten Nationen versuchte mit LKW-Trecks die Polen wieder in ihre Heimat zurückzubringen.

Die Situation für die Emsland-Polen verschlechterte sich zusehends, als Großbritannien der polnischen Exilregierung in London im Vorfeld der Konferenz von Potsdam im Juli 1945 die diplomatische Anerkennung entzog und sich stattdessen auf die Seite der sowjetfreundlichen Regierung in Warschau schlug. Der sowjetische Einfluss in der alten Heimat machte die Enklave im Emsland für zahlreiche Polen noch attraktiver. Rund 1000 flüchteten erst nach Kriegsende in die Umgebung von Maczków. Sie brachten Nachrichten aus der frisch errichteten Volksrepublik Polen mit. „Die Russen galten sicherlich als Befreier“, fasst Rydel die vorherrschende Meinung im damaligen Polen zusammen, „aber nicht als Freunde.“

Mit der Lage in Polen versuchten die Exilanten die Briten unter Druck zu setzen. Statt zurückzukehren, hofften sie, die Befreiung Europas würde mit einem Feldzug gegen die Sowjets weitergehen. Gleichzeitig verstärkten sich die Spannungen zwischen Deutschen und Polen im Emsland. Immer, wenn beide Gruppen zusammentrafen, bei Volksfesten etwa, gab es Streitigkeiten und Schlägereien. Trotzdem blühte zwischen Polen und Deutschen der Schwarzhandel. Die Polen hatten Kaffee und Zigaretten, die Emsländer tauschten Brot und Kartoffeln. Die Lage in der Stadt verschärfte sich durch ein Hochwasser im Februar 1946, das fast alle Häuser schwer in Mitleidenschaft zog. Weil die Maczkówer kein Heizmaterial geliefert bekamen, zerlegten sie die ohnehin durchs Hochwasser beschädigten Möbel und Treppen.

Im Frühjahr 1947 bot die britische Regierung den polnischen Exiltruppen schließlich an, sich in Großbritannien niederzulassen. Die 1. Panzerdivision zog aus Maczków ab und wurde am 30. Mai 1948 aufgelöst. Häuser, die die Polen räumten, wurden von der deutschen Bevölkerung flugs besetzt. So wollten sie verhindern, dass andere polnische Familien einzogen. Die letzten Polen verließen am 10. September 1948 die Stadt, die bereits seit dem 4. August wieder Haren hieß.

Die Harenser feierten ihre Rückkehr mit Dankgottesdiensten. Anschließend zogen sie Bilanz. Viele Häuser waren noch vom Hochwasser beschädigt, Einrichtungsgegenstände, die sie dreieinhalb Jahre zuvor zurückgelassen hatten, fehlten. „Die Harenser waren natürlich nicht begeistert davon, wie ihre Stadt aussah“, sagt Chronist Tandecki. Die Bürger listeten gründlich auf, was sie vermissten, bis zu den Gardinen und Essbestecken. Sie baten die Bundesregierung um Hilfe und der Bund zahlte auch – insgesamt 8,5 Millionen Mark, als Entschädigung für so genannte Besatzungsschäden.

Als „dunkelstes Kapitel“ in der Geschichte der Stadt haben die Harener Bürger die so genannte „Polenzeit“ bezeichnet. Die Frage, wie es dazu gekommen war, und wer die Schuld daran trug, beschäftigte sie weniger. „Man reflektiert sehr viel stärker, was man selbst erlebt hat“, versucht Kurt Buck, Leiter der Gedenkstätte für die Emslandlager in Papenburg das Verhalten zu erklären, „was in Polen von Deutschen angerichtet worden war, gehörte nicht dazu.“ Auch nicht, wer da in ihren Mooren Zwangsarbeit leistete, wie die polnischen Gefangenen vor ihrer Befreiung in den Konzentrationslagern im Emsland gelebt haben. „Darüber wurde nicht gesprochen“, sagt Buck, „das waren eben Kriegsgefangene.“

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