Zeitung Heute : Die Ostsee als Drehscheibe

WALTHER STÜTZLE

Die Ostseeregion ist der Markt der Zukunft.In Schätzungen über die Ausweitung des Handels in den nächsten 15 Jahren wird nicht weniger als eine Verdoppelung prognostiziert.VON WALTHER STÜTZLEAls Königin von Schweden kommt die Heidelbergerin nach Berlin, um in der Metropole selbst, aber auch darüber hinaus eine Botschaft zu übermitteln: Skandinavien, so wird Silvia am heutigen Freitag wohl bezeugen, ist wieder präsent in der Mitte Europas.Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum mit dem treffenden Titel "Wahlverwandtschaft" dient als Bühne für den Fanfarenstoß und ist zugleich geeigneter Anlaß, sich der Sache selbst anzunehmen, es nicht mit dem Blick auf den königlichen Auftritt bewenden zu lassen.Auf das engste verwoben ist die Geschichte der nördlichen Nachbarn mit der unsrigen.Doch die Jahrhunderte einer engen Verknüpfung sind nahezu zur Gänze von jener Zeit in den Hintergrund verdrängt worden, die man den Kalten Krieg nennt und zu der auch gehört, hierzulande die skandinavischen Länder, zumal Schweden, als exotische Zone am Rande des Weltgeschehens wahrzunehmen, als Ziel von Urlaub und Freiheitserfahrung zwar, und auch als oft zitiertes aber selten verstandenes Modell einer Demokratie von besonderer sozialer Art.Erst die europäische Wende von 1989/90 hat vermocht, Skandinavien vom Dasein im Schatten des Ost-West-Konflikt zu befreien und wieder seine Rolle als geschichtsbefrachtete europäische Politikzone einzusetzen. Rund 50 Milionen Menschen leben in der Ostseeregion - rechnet man in Deutschland, Polen und Rußland nur jene hinzu, die tatsächlich zur Region gehören.Diese Zahl umschließt einen Markt, der dem französischen oder italienischen oder britischen vergleichbar ist.Dreifünftel der Bewohner leben im westeuropäischen Ostseegebiet und verfügen mit 25 000 Dollar pro Einwohner und Jahr über eine Kaufkraft, die über dem europäischen Durchschnitt liegt.Wer hierzulande Markt sucht, findet ihn also vor der Tür.Und wer die Kombination von Freude an technischer Innovation und gewinnbringender Investition für eine zukunftsträchtige Grundlage hält, von der aus neue Märkte erschlossen werden können, der muß am Skandinaviengeschäft interessiert sein und an den Chancen, auch von dort nach Rußland und Mittelosteuropa hineinzuwirken.Rund 950 Millionen ECU läßt die Europäische Union sich die Strukturförderung in der Ostseeregion zwischen 1995 und 1999 kosten - allein die deutschen Ostseehäfen werden mit knapp einer Milliarde DM modernisiert.Gefragt ist Infrastruktur und Logistik, die verzugslose Kombination von Eisenbahn, Schiff und Straßentransport.Verlangt ist, erhebliche Entfernungen umweltfreundlich zu überwinden.Schätzungen über die Ausweitung des Handels in den nächsten 15 Jahren gibt es viele - keine prognostiziert weniger als eine Verdoppelung.Kurz: Wer jetzt einsteigt, liest später über Gewinne nicht nur in der Zeitung. Risikofrei ist die Ostseeregion freilich nicht.Bis zum Ziel einer stabilen politischen Zone ist noch einer weiter, von Abgründen gesäumter Weg zurückzulegen.Die historischen Konfliktlinien sind noch keineswegs unumkehrbar in belastbare Strukturen verwandelt.Rußland ist dabei das gravierendste Problem. Mit dem Verlust von DDR und Polen, dem Einsturz des Warschauer Paktes und dem Rückzug aus den baltischen Staaten, mit dem Ende der Sonderbeziehung zu Finnland und dem Zusammenbruch der UdSSR hatte Moskau zwischen 1985 und 1990 den größten Einflußverlust in seiner Geschichte zu verkraften.Und ob es gelingt, das Fragezeichen hinter der Zukunft von Königsberg europäisch aufzulösen, bevor das Thema in die Fänge eines zerstörerischen Neonationalismus gerät, kann noch nicht als sicher gelten.Aktueller hingegen ist die Zukunft der baltischen Staaten, deren Einbindung in neue politische und sicherheitspolitische Strukturen zwar dringend notwendig, aber auch höchst heikel ist.Mit dem Ostsee-Kooperationsrat besteht ein Gremium, in dem alte Neigungen zur Konfrontation in gewinnbringende Kooperation umgeformt werden können.Entscheidend aber sind für das Aufbauwerk Ostsee, daß EU und NATO mit Rußland wirksame Kooperationsnetze entwickeln.Hier harrt vor allem für deutsche Außenpolitik eine erstrangige Aufgabe ihrer europäischen Erledigung.Sie zum Erfolg zu führen, ist um Lichtjahre wichtiger als einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu erlangen.

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