Zeitung Heute : Die Parallelwelt im Computer wird lebendig

KURT SAGATZ

Berliner Firma baut in zweijähriger Arbeit die "Welt am Draht" / Bis zu 1000 Avatare bevölkern den CyberspaceVON KURT SAGATZDie Leser von Neal Stephensons "Snow-crash" und William Gibsons "Newromancer"-Serie sind in den virtuellen Welten des Cyberspace gedanklich längst zuhause.Für sie ist die Vorstellung, sich als Avatar - also als elektronische Metapher - durch die Weiten der weltweiten Netze zu bewegen, nichts Neues.Allein die nüchterne Realität, daß es nämlich diese virtuellen Welten bislang erst in Ansätzen gab, bereitete den Science-Fiction-Fans Unbehagen.Die Sehnsucht nach dem zweiten Leben im Reich der Bits and Bytes steht indes kurz vor der Erfüllung.Die Vorarbeiten für die "Welt am Draht", einer neuen Online-Welt, sind technisch bereits abgeschlossen.Im Auftrag der Münchener Fernsehproduktionsfirma Tresor TV, die durch Sendungen wie "Vorsicht Kamera" in Sat 1 oder "Hugo" in Kabel 1 von sich reden machte, hat die Berliner Entwicklerfirma "Das Büro am Draht" in rund zweijähriger Arbeit eine filigrane Computerwelt erschaffen.Bis zu 1000 Avatare können sich zeitgleich in diesem Cyberspace aufhalten, erklärt der Informatiker Fabian Hahn, einer der beiden Geschäftsführer des Berliner Jungunternehmens.Erste Erfahrung in diesem Bereich hatte die 1995 gegründete Firma übrigens mit der "eBar" gesammelt, einer Online-Welt mit interaktiven Chat-Komponenten, die erst bei Pixelpark und später bei "Stern online" sowie bei "Fit for Fun" im Internet eingesetzt wurde.Bereits hier setzten Hahn und sein Compagnon Andreas Fauth auf die Kombination von Grafik und Text, um sich von den reinen Tastaturchats abzuheben.Bevor die "Welt am Draht" für den Publikumsverkehr geöffnet werden kann, womit Tresor-Mann Matthias Lange, Leiter des Bereichs Neue Medien, für den Spätsommer oder Herbst rechnet, muß jedoch noch ein finanzkräftiger Sponsor oder Betreiber gefunden werden.Denn während die Redaktion von München und die Technik von Berlin aus betrieben werden soll, wird die Vermarktung der virtuellen Welt Aufgabe des Betreibers sein.Verhandelt wird derzeit mit einigen Interessenten, in erster Linie Unternehmen der Telekommunikationsbranche mit Verbindungen zum Internet.Der Betatest von "Welt am Draht" ist gerade in diesen Tagen erfolgreich beendet worden.Ingesamt 100 Nutzer aus allen Teilen Deutschlands und sogar aus Österreich hatten sich im sogenannten Dopplerraum das richtige Avatar-Outfit verpaßt und schon einmal einen Blick in diese Endzeitwelt des Jahres 2087 geworfen.Sie fanden dabei Szenerien wie in den Filmen "Blade Runner", "Metropolis" und "Batman" vor, die der Comic-Zeichner Guido Neukamm im Stil von Enki Bilal und Moebius umgesetzt hat.Die Besucher der "Welt am Draht" haben die Auswahl unter rund 280 verschiedenen Erscheinungsweisen vom grellen Cyberpunk bis zur Computerschönheit.Mit den Cursortasten lassen sich die Doppelgänger erstaunlich flüssig steuern, selbst der Gang über Treppen wurde mit Liebe zum Detail programmiert.Einer der Reize der "Welt am Draht" ist sicherlich, daß dort immer etwas los ist.Sogenannte Bots, also softwaregenerierte Avatare, sorgen dafür, daß auch zu etwas schwächer frequentierten Zeiten keine Langeweile aufkommt.Dem ersten künstlichen Bewohner, wenn es überhaupt so etwas wie eine Unterscheidung zwischen den Menschen-Avataren und den Software-Avataren geben kann, begegnet man direkt nach dem Verlassen der Dopplerkammer.Bereitwillig beantwortet er die Fragen der Newbies, erklärt, wo das Begrüßungsgeld abgeholt werden kann, wo sich die Rezeption des Hotels befindet oder was es mit des Cyberratten auf sich hat, die einem ständig irgendwelche Wertgegenstände klauen wollen.Schon bald erfährt der Besucher jedoch, daß Freundlichkeit auch bei Bots keine Selbstverständlichkeit ist, denn auch weniger angenehme Zeitgenossen bevölkern die virtuelle Welt.Beim "Suzy Wong"-Imitat der "Ninja-Chikken"-Verkäuferin macht sich sogar bemerkbar, daß die Programmierer in Berlin sitzen.Entsprechend dem Vorurteil über Verkäuferinnen der Hauptstadt zeigt auch sie gern "Schnauze mit Herz".Faszinierend an der "Welt am Draht" ist zudem, daß diese Welt im Computer tatsächlich weiterlebt, zumindest solange, bis jemand den Stecker des Servers zieht, auf dem alle Informationen gespeichert sind.So hat ein Besucher sich beispielsweise mit seinem Begrüßungsgeld kleine Buchstabenquader gekauft und daraus die Worte "Keine Gewalt" gebaut.Genau wie in der echten Welt blieb diese Aufforderung auch in der Parallelwelt solange für alle Vorbeikommenden stehen, bis jemand die Buchstabenwürfel wieder entfernte.Ein anderer Besucher hat sich übrigens damit verewigt, daß er Rosen kaufte und damit wie Adenauer einen Rosengarten anlegte.Hinter der Spielerei mit der elektronischen Scheinwelt steht selbstredend ein erheblicher technischer Aufwand, der mit der Zahl der Spieler stetig steigt.Zum einem müssen in der unter der Oberfläche liegenden Datenbank sämtliche Besucher mit ihrem entsprechenden Aussehen und ihrem letzten Aufenthaltsort gespeichert werden.Gleiches gilt für die diversen Gegenstände der Avatare.Um das Spiel möglichst schnell zu gestalten, setzt sich die Welt zudem aus zahlreichen Bausteinen zusammen, aus denen die einzelnen Räumlichkeiten zusammengesetzt sind.Die Datenbank verwaltet die entsprechenden Informationen und errechnet in Echtzeit, was der Besucher auf seinem Bildschirm sieht.Da es sich bei der "Welt am Draht" um ein Online-Spiel handelt, haben sich die Entwickler für eine sogenannte Hybrid-Lösung entschieden.Die meisten Daten erhält der Mitspieler auf einer CD-ROM, die er auf seinem Rechner installiert.Über das Internet werden dann nur noch die unbedingt notwendigen Daten übermittelt, also wo sich beispielsweise die veränderbaren Objekte befinden.Diese Lösung hat sich im Betatest bewährt.Ein Demo des Spiels ist leider derzeit nicht verfügbar.Gleichwohl stehen auf der Website von Tresor-TV noch einige weiterreichende Infos und Bilder.Die Adresse: www.tresor-tv.com/wad.Und wem das immer noch nicht reicht, der muß sich noch etwas länger an Stephenson und Gibson halten.

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