Zeitung Heute : Die Pay-Box

Immer mehr Zeitungen, Zeitschriften und Internet-Dienste verlangen für die Nutzung ihrer bislang kostenfreien Angebote Geld

Ulrike Heitmüller

„Man muss die User langsam heranführen“, sagt Christian Röpke von der „Financial Times Deutschland“ (FTD). Ans Bezahlen, meint er. Ausgerechnet diejenigen Unternehmen wollen jetzt Geld, die ihre Inhalte jahrelang kostenlos zur Verfügung gestellt hatten: Verlage und Anbieter von Online-Diensten. Sie hatten spekuliert, damit Werbekunden zu gewinnen – vergeblich. So begannen vor zwei Jahren Anbieter, für ihre Netz-Angebote Geld zu verlangen. Siehe da: Manche haben inzwischen Erfolg. Sagen sie zumindest. Angaben zu Zahlen und Umsätzen macht aber bislang kaum einer.

Unterstützt wird das Prinzip Hoffnung durch eine gemeinsame Studie des Verbandes Deutsche Zeitschriftenverleger (VDZ) und der Management- und Technologieberatung Sapient. Demnach wies Paid Content (bezahlte Inhalte) in den ersten drei Quartalen 2002 ein Umsatzwachstum von 30 Prozent auf. Und von mehr als 11 000 in einer Online-Umfrage beteiligten Nutzern sei mehr als die Hälfte bereit, für Angebote auch zu zahlen. Am ehesten für Online Banking/Brokerage, Datenbanken und Archive, Wirtschafts- und Finanzinformationen und Software-Downloads.

Die Verlage haben ein gemeinsames Ziel, aber kein gemeinsames Konzept. Die Bezahlverfahren sind so unterschiedlich wie die Online-Angebote. Immerhin: Man besinnt sich auf seine Marke und versucht, sich entsprechend im Internet zu profilieren: „FAZ“, „FTD“ und „Spiegel“ mit wirtschaftlich und politisch orientierten Nachrichtendiensten und Archiven, Unterhalter wie bild.t-online.de mit einem bunten Angebotspaket, das von Erotik über Nachrichten bis zu Ergebnissen der Stifung Warentest reicht.

„Erotik zum Beispiel ist immer zahlungspflichtig gewesen“, sagt Marie Oetker, Pressereferentin von bild.t-online.de. „Wir haben aber auch gemerkt, dass einige Spiele gut laufen.“ So ergab eine Überlegung die andere. „Was läuft gut, wo ist langfristig Nachfrage zu erwarten, und wo liegt der Mehrwert für Nutzer. Das sind zum Beispiel Testergebnisse der Stiftung Warentest oder Spiele wie Moorhuhn .“ Dazu kommen Angebote, die mit Paid Content im klassischen Sinne nichts zu tun haben wie der V.I.P-Club mit Rabatten für externe Angebote. „Das Mohrhuhn-Angebot brachte Umsätze im sechsstelligen Bereich.“

Die seriöse „FAZ“ hat es da schwerer: „Es ist leider nicht so, dass der Mensch, wenn er morgens aufsteht, eine Archivrecherche macht“, sagt Franz-Josef Gasterich, Leiter Archive und Informationsprodukte. Trotzdem gewann das „FAZ“-Archiv seit Oktober 2001 über 11 000 Abonnenten, die jährlich 15 Euro bezahlen und dafür jeden Monat fünf Artikel online abrufen können. Die Artikel müssen ohnehin für die Redaktion archiviert werden, und ein Teil der Kosten lässt sich mit den Einnahmen aus der Vermarktung decken. Und das nicht erst jetzt, sondern schon zu Zeiten, als andere Verlage ihre Archive noch kostenlos zur Verfügung stellten. Das soll ausgebaut werden: Seit dem 12. Februar gibt es für 49 Euro im Jahr ein Business-Archiv mit Terminmails, Aktualisierungen, Businesssuche, monatlich 50 Artikeln und 250 Artikeln für je einen Euro.

Auch der „Spiegel“ und das „Manager-Magazin“ haben ihre Archive vor einem Jahr kostenpflichtig gemacht. Artikel aus dem gedruckten „Spiegel“ kosten nach vier Wochen 40 Cent, ein „Titelpaket“ zur Vorablektüre am Sonnabend kostet 85 Cent. Wegen der vielen Studenten unter den Lesern sei man „konkurrenzlos günstig“, aber es sei trotzdem eine Einnahmequelle neben der Werbung. Die „FTD“ hat im September begonnen, ihre Artikel kostenpflichtig online zu stellen. Die aktuelle Ausgabe kostet 1,50 Euro – wie am Kiosk. Ein Artikel kostet einen Euro und eine Seite 1,30 Euro.

Ungewöhnlich bei der „FTD“ ist das Ziel, neudeutsch „Claim“: One Brand – All Media, eine Marke in allen Medien. So greift die „FTD“ nicht nur das Internet an, sondern stellt auch Audiobeiträge her, die sie an private Radiosender verkauft. Und mit einer 0190er Nummer kann man sich für 1,24 Euro/min. in die Audiodatenbank einwählen und Nachrichten abhören. Es gibt Abonnements für SMS-Business-News, die zwei Euro (pro neun SMS) kosten. i-Mode Kunden von E-Plus können für monatlich zwei Euro gekürzte Artikel auf ihrem Display lesen. „Das ist günstig, das liegt auch daran, dass i-Mode nicht so gut läuft, wie E-Plus sich das vorgestellt hat“, sagt Tobias Dupuis, Leiter Mobile Dienste bei der „FTD“.

Auch das Tagesspiegel-Archiv ist kostenpflichtig: Nach 30 Tagen kostet ein Artikel 10 Cent, zwei Stunden Suche im Archiv kosten drei Euro. Wer die Print-Ausgabe abonniert hat, bekommt ein Guthaben von 10 Euro. Das sind keine hohen Preise. Der User soll eingestimmt werden auf die neuen Sitten. Die „Zeit“ wartet noch ab. Das Archiv solle kostenlos bleiben. Das bringe Page Impressions, diene der Leser-Blatt-Bindung, der Weitergabe der Inhalte und der Verbreitung der Marke „Zeit“, sagt Melanie Ruprecht, Leiterin der Online-Redaktion. „Noch ist der Nutzer nicht bereit, dafür zu zahlen.“ Fragt sich bloß, wie lange sich die Wochenzeitung damit zufrieden gibt: „Man muss den Markt beobachten.“

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