Zeitung Heute : Die Pferde satteln

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Andreas Austilat

Mädchen haben es ja sehr mit Pferden. Kann man als Junge gar nicht nachvollziehen, war aber schon immer so. Nehmen wir nur mal meine Frau und mich: Beide haben wir früher Karl May gelesen - unabhängig voneinander, logisch, wir kannten uns ja noch nicht - und dabei interessanterweise ganz andere Prioritäten gesetzt. Während mein Held ganz klar Winnetou hieß, hielt sie es mehr mit Iltschi, seinem legendären Rappen. Und als die edle Rothaut totgeschossen wurde, da ging mir das schwer an die Nieren. Sie dagegen fand viel trauriger, dass der Häuptling der Apachen mit seinem bis dato springlebendigen Pferd begraben wurde - das arme Tier.

Kommen wir zu unserer Tochter. Die ist natürlich auch verrückt nach Pferden. Wenn es nach ihr ginge, würde sie wahrscheinlich ihren Hasen dafür eintauschen. Aber sie hat wohl eingesehen, dass ein Zehn-Zentner-Tier einfach nicht in ihr Zimmer passt. Dafür stand sie dann in der Stadtbücherei ganz lange vor dem Regal, wo die Bücher von Mädchen handeln, die alle Wendy, Nora, Lisa oder Britta heißen und auf einem Reiterhof leben.

Freud hat ja behauptet, das wäre irgendetwas Sexuelles, aber ein anderer Psychologe, Siegfried Schubenz von der FU, hat mir mal erklärt, dass im Prinzip alle Menschen ein Grundbedürfnis nach Natur hätten. Bei Jungen sei aber die Konkurrenz zu technischen Dingen irgendwann so ausgeprägt, dass sie den Zugang zum Tier verlören. In Wirklichkeit hätten also die Jungs das Problem.

Andere Frage: Wie halten Sie es eigentlich mit der Gleichberechtigung? Ich meine, ist ja ganz schön, dass sich unser Mädchen ihre Natürlichkeit bewahrt. Aber wir leben nun einmal in einer technischen Welt. Da muss sie doch mithalten können. Deshalb fand ich es ganz großartig, dass sie zu Weihnachten eine CD-Rom geschenkt bekommen hat: „Barbie – zauberhafte Pferdewelt“. Seit die Kleine Barbie sein darf, sitzt sie vor dem Computer, sattelt per Mausklick ihre Pferde, springt mit dem Joystick über Hindernisse, und am Ende, klick-klick-klick, kann sie die Viecher striegeln, füttern, pflegen. Kann man verantworten, dachte ich. Ist doch gut, wenn sich unser Mädchen mit dem Computer anfreundet - bis ich mal genauer hingehört habe. Erst glaubte ich, da stimmt was nicht mit dem Lautsprecher. Aber nein, Barbie, die Blondine mit der Wespentaille, sie lispelt.

Ausgerechnet. Ein Jahr lang war unsere Tochter bei der Logopädin. Sie hatte da ein kleines Problem. S und sch. Jetzt kann sie es. Zum Glück, jetzt ist sie nämlich sechs und kommt demnächst in die erste Klasse. Vorher muss sie allerdings noch zur so genannten Sprachstandsuntersuchung. Da wird geprüft, ob die Kinder sprachlich schulreif sind. Und ausgerechnet jetzt lispelt ihr Barbie was ins Ohr.

Sie merken schon, der Tipp ist diesmal mehr so etwas wie eine Warnung: Sollten Sie „Barbie: Zauberhafte Pferdewelt“ besitzen - und die CD ist ein Bestseller - dann löschen Sie’s. Oder drehen wenigstens den Ton ab.

Barbie: Zauberhafte Pferdewelt. Vivendi Universal Interactive, ab 13 Euro. Prima Pferde zum Spielen gibt es von der Firma Schleich. Die sind aus Gummi, sehen sehr echt aus und sagen keinen Ton, ab 3 Euro.

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