Zeitung Heute : Die Philosophin der Körper

ZSUZSANNA GAHSE

Es gibt kaum etwas Schöneres auf der Welt, als für Pina Bausch eine Lobrede zu schreibenDa lernt man zum Beispiel eine Bibliothekarin kennen, kommt mit ihr zusammen, und sie heißt Gesine.Für ungarische Ohren ist das allein schon märchenhaft.Dann erhalten wir von ihr Kataloge, Alben, Programmhefte, Fotobücher, Wuppertal von vorne, Wuppertal von hinten - und wir blättern, die Tage vergehen, und was das Tun anbelangt, wir tun nichts, machen uns einige Notizen, aber in erster Linie sind wir verträumt, wir phantasieren, vernachlässigen unsere Arbeit, rasieren uns nicht, waschen uns kaum noch; wir bauschen. Und das ist gut.Dann wird man überallhin als Fachmann eingeladen, von einem Bausch-Symposion zum anderen, zu Studiogesprächen, Interviews, Reverenzen, später auch zu Laudationen; in diesem Fall würde ich nichts anderes mehr tun, würde die Augen schließen, von ihr träumen; manchmal würde ich mir vorstellen, Jan Minarik zu sein, im rosafarbenen Tüllrock.Ich wüßte dann sofort, was das ist: ein Mann.Ich hätte eine Lösung für mein Leben. Es bedeutet nie etwas Gutes, wenn Schriftsteller etwas zu sagen haben (wenn aber auch ihre Bücher nichts sagen, wozu dann alles), und jetzt habe ich etwas zu sagen.Unter normalen Bedingungen, das heißt, wenn ich arbeite, springe ich in solchen Fällen sofort vom Schreibtisch und gehe so lang auf und ab, bis ich dieses sehr, sehr Wichtige wieder vergessen habe.Hätte ich nichts zu sagen, hätte ich den Mut dazu, würde ich jetzt ausschließlich von einem Frauengesicht reden, von verschiedenen Lichtern, Schatten, von den Knochen, von der Stirn, mein Vater hat solch eine komplizierte Stirn, mit komplizierten Falten darin, von einem Gesicht, dem alles abzulesen ist.Das Gesicht der Wirtstochter.Eine Erzählung.Die andere Titel-Variante will ich gar nicht erst sagen:
Die linksbeinige Frau.
Wobei der Titel nicht so schlecht wäre.Stell dir vor, du hast ein linkes Bein.Zwei.Was läßt sich daraus folgern? Stell dir vor, du hast keine zwei linken Beine.Was läßt sich daraus folgern? Dominique Mercy, bitte, führen Sie das vor.Stell dir vor, du hast keine Beine! Und dann tanze.4 Minuten 33 Sekunden lang. Einem Tänzer die Beine wegzunehmen ist keine formale Idee, kein Scherz, kein Gag.Es ist eine tiefe Metapher vom künstlerischen Wissen.Denn das Wissen um die Kunst ist engstens verknüpft mit dem Nichtwissen.Solange du nur etwas weißt, bist du ein routinierter Fachmann, das ist nicht wenig.Solange du einfach nichts weißt, bist du ein Dilettant, das ist zwar wenig, aber schön.Zu wissen und gleichzeitig nicht zu wissen und der Reihe nach 0, 1, 2, 3 linke Beine zu haben, stark und schwach zu sein, heiter und entsetzt, unangenehm und streng und zart, konsequent, raffiniert und kindlich einfach zu sein und immer aufs neue: Das ist die Kunst der Pina Bausch.Wenn es schon auf der Hand liegt, daß man nicht mehr tanzen kann, dann kann man wieder tanzen.Es ist die Möglichkeit des Unmöglichen, oder? Was ist Kunst?, fragen wir wie ein Gymnasiast, wo ist sie, wo ist ihr Platz, sagen wir zwischen Sarajewo und Adidas? Diese Fragen können wir immer weniger beantworten.Aber sobald wir herausragenden, großen Werken und Künstlern begegnen, spüren wir unter der Haut, daß da etwas ist, wovor wir nicht ausweichen können.Die Kunst, die Dichtung ist dieses Etwas selbst, es ist, was in einigen großen Menschen zum Körper wird, es ist die glückliche Erkenntnis dessen, daß die Kunst, obwohl sie kein Ziel hat, doch von etwas - spricht.Sie spricht von unserem Sein, wie sonst nichts sprechen kann. Solch ein großer Künstler ist auch Pina Bausch, durch sie bekommt die Kunst eine Daseinsberechtigung; wir blicken auf die Bühne, auf ihre Bühne, dann hinein in unser Herz (oder in ein anderes inneres Organ), und wir sehen, wozu es die Kunst gibt. Pina Bausch ist, als sei sie ein früherer Künstler, ein alter Meister, sie spricht für alle und über alles, sie achtet nicht darauf - hat es nur zu erleiden -, daß die Sprache der Kunst nur noch eine Mundart ist, eine unter vielen.Das bedeutet das Wort Welttheater. Denn Welttheater bedeutet nicht, daß es weltberühmt ist, das auch, nebenbei, es bedeutet nicht, daß es um Weltenbummler geht, das auch, nebenbei, vielmehr bedeutet es, daß es Erfahrungen aus der ganzen Welt sammelt und diese für die ganze Welt gültig sind.Die ganze Welt ist ein Theater.Diesen Satz können wir nun wiederholen: Die ganze Welt ist Wuppertal.Das ist die (deutsche) Provinzialität der Pina Bausch. Sie ist ein alter Meister, wobei sie das Jetzt in allen Gliedern spürt.Zwischen dem Ich und dem Wir versucht ihr Theater eine Brücke zu schlagen.Das ist ein Grundproblem der sogenannten modernen Kunst.Nur das Persönliche hat eine Glaubwürdigkeit, und nur das gemeinsame Wissen ist verständlich.Das Ich allein - bietet nur unverständliche Selbstgespräche.Das Wir allein - ist eine uninteressante, leere Lüge.Also lügen wir meistens, und dann versteht man uns, oder wir sind ehrlich, und wir murmeln etwas für uns allein. Legen wir unser Gesicht in Zwiebeln, naturgemäß weinen wir.Die Frage der Kunst ist: Wie verwandelt sich persönliche Erfahrung und persönliches Gefühl in etwas Gemeinsames, wann wird das eigene Weinen (oder dessen Imitation!) zum Weinen der Bühne, zum Weinen des Publikums.Es genügt nicht, auf der Bühne ehrlich zu weinen, die Ehrlichkeit bedeutet höchstens einen Ausgangspunkt - es muß kosmisch geweint werden.Pina Bausch ist kosmisch ehrlich. Auf ihrer Bühne ist jedermann Bausch.Dieser Satz ist mißverständlich, er klingt, als wäre vom Besitzergreifen oder von Eitelkeit die Rede.Nein, jeder ist Bausch und auch er selbst.Und jeder ist seine eigene Rolle.Alle sind wie der Ich-Erzähler in der Literatur.Das Ich bezieht sich hier nicht darauf, daß sich jemand in den Vordergrund stellt, sondern daß es nichts anderes gibt, als das Ich, das ist, was er als Ausgangspunkt betrachten und wodurch er ein Erzähler werden kann. Bausch fragt.Was ist das, eine Frau.Was ist das, ein Mann.Was ist das: dick.Was ist ein Nilpferd."Ich will ein Nilpferd." Die Frage ist nicht, was Tanzen bedeutet - wobei Pina Bausch unentwegt fragt: Wieso ist das ein Tanz, wieso ist das kein Tanz - letztenendes interessiert sie sich dafür nicht.Alles ist ein Tanz, und die Frage ist, was ist dieses Alles?, und das interessiert sie. Tanzen ist so viel wie Denken.Ich tanze, also ich bin, "die Schritte kamen nie aus den Beinen".Gleichzeitig ist der Tanz der Bausch kein Gegen-Tanz, er ist nicht aus der Ablehnung des Balletts entstanden, seine Energien schöpft er nicht aus dieser Quelle. Seit Bausch bedeutet das Wort Tanzen etwas anderes.Eigentlich müßte das im Duden nachgewiesen werden! v.B., n.B., vor Bausch, nach Bausch.Der Tanz, besonders das klassische Ballett, steht unter der Oberhoheit der Eitelkeit, Bausch hat ihn von dort herausgeholt und ihn unter die Oberhoheit der Schönheit gestellt. Der Vor-Bausch-Tanz mag es besonders, Menschen zweitzuteilen.In Frauen und Männer.Bausch läßt das kalt, diese Aufteilung akzeptiert sie nicht, interessiert sie nicht, ihrerseits spricht sie immer von Menschen, das sind Männer, Frauen.Diese freie Menschendarstellung, diese neue Freiheit, ist die große Tat von Pina Bausch. Um es mit einem Ausdruck von Péter Nádas zu sagen: Sie ist die Philosophin der Körper.Wer vom Körper spricht, spricht vom Tod.Wer vom Tod spricht, spricht gegen den Tod.Das ist immer eine hoffnungslose und fröhliche Wissenschaft. Die Kunst der Pina Bausch ist irritierend.Es ist nicht mehr so, wie zu Beginn, man schreibt nicht mehr, daß sie antitänzerisch sei, man schreibt nicht mehr von "verquältem Psychologisieren, von verbissener Humorlosigkeit (das ist ein besonders schöner Einwand; einen tieferen Humor als den ihren kenne ich kaum, er reicht vom kleinen, sacht oberflächlichen Witz bis zum strukturierten, erschreckenden und befreienden, existenziellen Humor).Heute gilt es als allgemeine Übereinkunft, daß die "Wuppertaler Wohnküchenperspektive" eine der großartigsten, großzügigsten, intensivsten Perspektiven der heutigen Theaterwelt ist, vom Missisipi bis nach Budapest.Bausch aber ist nicht eindeutig, sie steht nicht auf irgendeiner Seite, nicht einmal auf der eigenen Seite, sie spricht von Frauen und Männern, die in einer Männerwelt vereinsamen, tut das aber nicht in der Sprache der Emanzipation; um ein armes Ballett zu sein, ist es auf eine leichtfertige Art zu reich für ein harmonisches Ballett ist es zu unangenehm, für die Avantgarde nicht streng genug, und um nur unterhaltsam zu sein, ist es zu streng. Auf ihrer Bühne wird nichts vermieden, sie sucht nicht etwa das Unglück, aber wenn sie darauf stößt, nennt sie es beim Namen.Sie will nichts.Sie will nichts Abscheuliches und will nichts Schönes entdecken.Aber wenn sie Abscheuliches entdeckt, sagt sie, das ist abscheulich, und sagt, das bin ich, und wenn sie Schönes entdeckt, sagt sie, das ist schön und sagt, das bin ich.Schönheit und Chaos sind kein Widerspruch.Sein und Sinnlosigkeit sind kein Widerspruch.Bausch ist reich, farbenfroh - doch geht es dabei immer um den Reichtum und um die Farbe von Schmerzen, Bausch und die ihren tanzen immer aus und in den Schmerzen. Vor kurzem ist mir die Ehre zuteil geworden, daß auf der Bühne von Pina Bausch einige Sätze aus meinem Buch "Eine Frau" verklungen sind.Daraus möchte ich abschließend zitieren: Es gibt eine Frau.Ich liebe sie.Ende des Zitats.Aus dem Ungarischen vonZSUZSANNA GAHSE

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