Zeitung Heute : Die Platte bestaunen

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Ich war Jungpionier, als die Partei- und Staatsführung beschloss, man solle viele hohe Häuser in Marzahn aufstellen. Die Bauarbeiter des ganzen Landes kamen, buddelten und bauten, dann kamen die Wohnungssuchenden des ganzen Landes, freuten sich und zogen ein.

Davon habe ich nicht viel mitbekommen. Bilder von Marzahn haben sie in den langweiligen Zeitungen abgedruckt, in den langweiligen DDR-Nachrichten gab es Marzahn-Berichte. Lauter gute Grün- de, von Marzahn nichts wissen zu wollen. Ich wohnte in Schöneweide, was interessierte mich Marzahn?

An ganze drei Marzahn-Besuche kann ich mich heute erinnern. Im Sommer ’89 war ich dort im Kino. Ich hatte an diesem Tag meine allerletzte Schicht im Berliner Bremsenwerk hinter mich gebracht und etwa 1000 Mark dabei, den Lohn für sechs harte Vierschichtpförtnerwochen. Den Beutel mit dem Geld habe ich im Kino liegen lassen, und als ich ein paar Stunden später zurückkam, war der Beutel weg. Naja, dachte ich, so ist das in Marzahn.

Das zweite Mal liegt etwa zwei Jahre zurück. Ich sollte über Erich Honeckers ehemaligen Leibwächter schreiben und traf ihn in Marzahn. So richtig sympathisch ist mir Marzahn durch den Aufpasser a.D. auch nicht geworden.

Vorige Woche war ich wieder da, diesmal in der Allee der Kosmonauten. Ich wollte die Seele hinter der Platte entdecken. Eine schwedische Soziologin und eine italienische Fotografin haben Marzahner befragt und fotografiert und eine Ausstellung daraus gemacht. Sie befindet sich in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit Durchreiche im 17. Stock. Man hat einen weiten Blick von hier oben über die betonierte Marzahner Ewigkeit. Und man lernt: Manche Menschen, besonders Marzahner, sind schon ganz schön anders drauf als alle, die man sonst so kennt. Die sich da haben befragen lassen, wohnen gerne in Marzahn! Sie lieben den Vollkomfort im Block und die Weite davor. Sie kennen die Nachbarn auf ihrer Etage. Sie haben Couchgarnituren mit mutigen Mustern und staubfreie Schrankwände. Sensationell! Aber in den Nachrichten kommen sie kaum noch vor.

„Einblicke und Ausblicke aus der Platte“, Allee der Kosmonauten 145, 17. Stock, Mi-Fr 15-19 Uhr, Sa-So 13-19 Uhr, noch bis 23. Januar.

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