Zeitung Heute : Die Polizei kann das digitale Täter-Gesicht auch langsam altern lassen

Vlad Georgescu

Anhand von Verwandtenfotos errechnet das Programm die wahrscheinlichsten "Verzerrungen" des Gesichts im Laufe der ZeitVlad Georgescu

An mangelnden Aufträgen leiden die Computer-Forensic-Artists des Federal Bureau of Investigation (FBI) in Washington D.C. nicht. Aus den ganzen USA gelangen Anfragen in die Pennsylvania Avenue and 9th Street. Kaum ein Police Department im Lande, das nicht ein Foto irgend eines "most wanted", eines Meistgesuchten, an die spezielle Unit des FBI verschickt. Die Aufgabe: Mittels des Computers und menschlicher Vorstellungskraft erstellen sie aus einer über Jahre zurückliegenden Fotoaufnahme das aktuelle Gesicht des Gesuchten - digitales Altern auf Bestellung der Ermittler.

Möglich wird der künstliche Verfall der Gesichter durch Computeranimationen. Anhand von Verwandtenfotos errechnet das Programm die wahrscheinlichsten "Verzerrungen" des Gesichts im Laufe der Zeit, der Forensic artist letzlich entscheidet, was am ehesten der Realität entsprechen mag.

Zu Beginn des neuen Jahrhunderts erobern Computer die Zentren des Verbrechensbekämpfung. Mit Workstations statt Karteikästen und über das Internet miteinander verbunden sagen Forensiker und Kriminalbeamte der organisierten Kriminalität den Kampf an. Der digitale Vorstoß erfasst nicht nur Giganten á la FBI oder das deutsche pendant, das Bundeskriminalamt (BKA). Zunehmend rüsten kleine und "normale" Polizeistationen auf - mit Software und PC. So überführten Computerspezialisten der auf forensische Technologie spezialisierten Firma Aerospace Corporation im kalifornischen El Segundo im Auftrag einer Polizeistation einen Sexualstraftäter. Der Mann hatte ein achtjähriges Mädchen entführt und war mit ihm in einem Kaufhaus verschwunden, bevor er es missbrauchte.

Zwar registrierten Videoüberwachungskameras das Gesicht des Täters. Schlechte Lichtverhältnisse jedoch ließen Sergeant Edward Childs vom zuständigen Whittier Police Departement verzweifeln. Denn außer dunklen Konturen war nichts zu sehen. Über die Digitalisierung der Aufnahmen und der anschließenden Aufhellung mittels Computer erreichte das Law Enforcement Center von Aerospace das Unmögliche: Es verlieh dem Schatten ein dazugehöriges Gesicht. Der computergesteuerte Datenbankabgleich identifizierte den Täter, Allen Eugene Nedrow. Im anschließendem Prozess verurteilte ein US-Gericht den Mann zu 42 Jahren Freiheitsstrafe.

Dem Ziel auf der Spur, Serientäter durch Abgleich riesiger Datenbanken zu erkennen, sind auch US-Streifen des Indianapolis Police Departement (IPD). Mit Scannern und digitalen Kameras ausgerüstet patroullieren die "Cops" durch die Millionenstadt. Über einen im Auto eingebauten PC übermitteln sie die aufgenommenen Fotos Verdächtiger online an die zentrale Datenbank. Noch bevor die Streife die Polizeistation erreicht, steht das Ergebnis fest. Auch digitale Tatortaufnahmen, protokollierte Zeugenaussagen oder eingehende Notrufe speichert das "Information Management System" in Indianapolis.

Die digitale Welt bemächtigt sich auch der anderen, klassischen Bereiche der Kriminalistik. So präsentierte Siemens bereits auf der CeBit 1997 einen Chip, der mittels 65 000 winziger Sensoren die Fingerkuppen abtastet. Damit könnten in Zukunft auch Verbrecher anhand ihrer direkt eingelesenen Fingerabdrücke identifiziert werden.

Automatische Gesichtserkennungen sind bereits heute Realität. So "erkennt" das von der Bochumer ZN GmbH konstruierte "ZN-Face" in nur drei Sekunden bekannte Gesichter. "Phantomas", ein anderes Programm, gleicht die Gesichter sofort mit großen Polizei-Bildbeständen ab. Und digitale Sicherheitsüberprüfungen erfahren auch Strafgefangene des Gefängnisses von Cook County im US-Bundesstaat Illinois, wenn sie beim Passieren eines jeden Trakts die Augenlesegeräte über sich ergehen lassen müssen. Möglich wird die perfekte Erkennung dank so genannter Irisscanner. Der Lichtstrahl tastet mehr als 200 charakteristische Merkmale der Augen-Iris ab. Ein klassischer Fingerabdruck bringt es auf lediglich 40 typische Charakteristika.

Sir Arthur Conan Doyle müsste Sherlock Holmes heute anders schreiben, zumindest wenn es um die Fingerabdrücke geht. Der Meisterdetektiv würde die Fingerabdrücke mit Laser-Licht zum Fluoreszieren bringen und anschließend digital als Bild speichern. Vorbei sind jene Zeiten, in denen Verwischungen ganze Spurensicherungsteams zum Verzweifeln brachten.

So lagern beispielsweise im österreichischem Automatischen Fingerabdrucksystem (AFIS) sechs Millionen Abdrücke von 600 000 Menschen. Lediglich 20 Beamte haben zum 50 Quadratmeter großem Raum Zugang. "Dieser Computer bedeutet einen Umbruch in der Kriminalistik wie der Lichtsatz im Druckereigewerbe", heißt es dazu im österreichischen Innenministerium in Wien. Zu Recht: Die Maschine vergleicht zuvor eingescannte Abdrücke mit den gespeicherten. Die Suchzeit für den Megaabgleich liegt zwischen einer Minute und maximal 18 Minuten.

Längst befasst sich die computergestützte Datenbankanalyse auch mit der Psyche der Täter. Mit Hilfe von "Profiling-Programmen" versuchen Kriminalpolizisten und forensische Psychologen wiederkehrende Verhaltensmuster rechtzeitig zu erkennen. Der österreichische Kriminalpsychologische Dienst des Innenministeriums etwa benutzt ein in Kanada entwickeltes Computerprogramm für die Erkennung von Serientaten: Das Viclas-Violent Crime Linkage Analysis System.

262 Daten fragt Viclas pro Fall ab und speichert die Antworten als weiterverwertbare Bit und Bytes ab. Neben körperlichen Merkmalen registriert Viclas auch Verhaltensweisen, merkt sich, welche Opfer zu welcher Zeit und unter welchen besonderen Umständen ermordet worden sind. Der Zentralcomputer des Kriminalpsychologischen Dienstes schließlich wertet die Daten aus und liefert das Psychogramm.

Auch die Frage nach dem Todeszeitpunkt der Opfer werden sich die Schimanskis der Zukunft selber beantworten können. Das "Todeszeitprogramm" der Firma AMAsoft fragt, auf dem Laptop installiert, den Ermittler gleich am Tatort die entscheidenden Daten ab: Rektaltemperatur der Leiche, Austritt von Körperflüssigkeiten oder andere, gerichtsmedizinische Faktoren. Auch auf den ersten Blick unnütze Beobachtungen kann der Kommissar oder die Kommissarin direkt am Tatort eingeben. Der relativ genaue Todeszeitpunkt erscheint dann, nach kurzer Auswertung, im PC-Display.

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