Zeitung Heute : Die Pollenpille

Dr. Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Ein neues Mittel gegen Heuschnupfen

Hartmut Wewetzer

Zugegeben, es ist auf den ersten Blick ein bisschen merkwürdig, Mitte Dezember über Heuschnupfen zu schreiben. Nichts sollte uns jetzt ferner liegen, beginnt doch der Pollenflug erst so richtig im Frühjahr. Einen Vorteil muss der Winter ja haben! Aber es gibt eine gute Nachricht, die ziemlich viele Allergiegeplagte interessieren dürfte: Mitte November wurde die erste Tablette zur ursächlichen Behandlung der Graspollenallergie bei uns zugelassen: Grazax heißt das Präparat.

Die verschreibungspflichtige Impftablette enthält Pollen des Wiesenlieschgrases. Das Wiesenlieschgras, ein wichtiges und häufig vorkommendes Futtergras, steckt hinter den meisten allergischen Reaktionen auf Gräserpollen. Die wiederum sind in etwa zwei Drittel der Fälle die Ursache von Heuschnupfen.

Bei einer Allergie reagiert die Körperabwehr heftig auf ein eigentlich völlig harmloses Fremdeiweiß, Allergen genannt. Jedes Mal, wenn das Allergen in der Nähe ist, wird wieder blinder Alarm im Immunsystem ausgelöst. Bei Heuschnupfen bedeutet das laufende Nase, tränende Augen, Benommenheit.

Die Tablette gewöhnt die Immunabwehr an das vermeintlich gefährliche Allergen; dabei sollte die Therapie bereits zwei Monate vor der Pollensaison beginnen. Grazax wird einmal täglich unter die Zunge gelegt und zerfällt sofort. Dabei gibt sie die Graspollen frei, die von der Mundschleimhaut aufgenommen werden und das Immunsystem allmählich mit dem Pollen-Eiweiß vertraut machen.

„Hyposensibilisierung“ heißt dieses Behandlungsprinzip, und es ist seit langem bewährt. Allerdings mussten sich die Patienten bisher im Abstand von einigen Wochen Allergene unter die Haut spritzen lassen. Nicht ganz selten reagierten empfindliche Patienten mit Kreislaufproblemen auf die Antiallergiespritze. Die Einnahme der Allergene in Tropfenform war dagegen umständlich und ungenau. Die „Grastabletten“ sind da eindeutig praktischer. Spritzen beim Arzt und Tropfenabzählen entfallen. Mit der Hyposensibiliserung hoffen die Ärzte auch, einem allergischen Asthma vorbeugen zu können.

Natürlich kann auch die Pollenpille die Allergie nicht einfach aus der Welt schaffen. Im Vergleich zu einem wirkstofflosen Scheinmedikament (Placebo) konnte Grazax die Heuschnupfensymptome um etwa 30 Prozent mildern und auch den Medikamentenverbrauch deutlich eindämmen. Dabei wurde das Mittel gut vertragen, schwere Nebenwirkungen traten nicht auf. Allerdings fehlen noch Langzeitdaten. „Bisher wissen wir, dass das Präparat nach einem Jahr wirkt“, sagt Thomas Fuchs, Allergieexperte an der Uni Göttingen. „Aber ob der Erfolg von Dauer ist, können wir noch nicht sagen.“

Drei Jahre müssen die Patienten Grazax einnehmen, und das jeden Tag. Es wirkt natürlich nur bei einer Gräserallergie. Die muss vor Beginn der Behandlung eindeutig nachgewiesen worden sein. Zahlen tut das Ganze übrigens die Krankenkasse. Bei einem Tablettenpreis von 3,62 Euro kein ganz billiges Vergnügen.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar