Zeitung Heute : Die Preußen-Stiftung und ihr Präsident

BERNHARD SCHULZ

Nicht alles anders, aber vieles besser machen zu wollen - dieses merkwürdig unbestimmte Motto des neuen Kanzlers könnte auch der Stiftung Preußischer Kulturbesitz voranstehen.Am heutigen Montag soll ihr zuteil werden, was in der Endphase des Kohlschen Regiments im Streit versank: die Wahl ihres neuen Präsidenten.Es wird - so die Zeichen nicht trügen - eine Wahl wie aus dem Bilderbuch werden.Der Bund und die 16 Länder, die gemeinsam die Stiftung tragen, stimmen darin überein, den einzigen verbliebenen Kandidaten, Klaus-Dieter Lehmann, auf den Schild zu heben.

Insofern wäre die Wahl eine Rückkehr zur Tradition geräuschloser Institutionenpolitik.Sie war unter Kohl verletzt worden.Statt Konsens zu suchen, hatten es seine Getreuen auf Konfrontation angelegt - in Verkennung der Mehrheitsverhältnisse.Denn seinen Favoriten, Christoph Stölzl vom Deutschen Historischen Museum, konnte Kohl gegen die Länder eben nicht durchsetzen.

Daß Schröders Kulturbeauftragter Naumann nun im Gegenzug den anderen Kandidaten stützt, ist nur folgerichtig - aber zugleich Ausdruck jener auf Routine bedachten Geschäftsmäßigkeit, die den Beginn der neuen Regierungsarbeit überhaupt kennzeichnet.Die Preußen-Stiftung soll in die Bahnen funktionierender Normalität zurückgelenkt werden.Das ist dringend erforderlich.Andererseits aber zeigt sich darin der Mangel an Mut, die durch das brachiale Vorgehen der Kohl-Getreuen entstandene Ratlosigkeit zu gründsätzlichen Überlegungen zu nutzen.Reicht es denn aus, in der Stiftung lediglich Normalität und einen von den Mitarbeitern offenkundig freudig erwarteten Präsidenten einkehren zu lassen? Genügt die Beschwörung des föderalen Einvernehmens, die durch die heute anstehende Wahl des von den Ländern nominierten Kandidaten unterstrichen wird, der von der Schwerfälligkeit ihrer Bund-Länder-Trägerschaft behinderten Stiftung auf die Sprünge zu helfen? Ist auch nur eine der Zukunftsfragen dieser einst als treuhänderische Verwaltung geschaffenen Einrichtung überhaupt gestellt worden, jetzt, wo die Stiftung ihre zukünftige Stellung im vereinten Deutschland definieren muß? Oder langt es, daß sie verwaltet, was ihr seit jeher als Aufgabe zugewiesen war?

Vom designierten Kultur-Staatsminister war dazu noch keine Silbe zu hören.Ob vom zukünftigen Stiftungspräsidenten Lehmann, dem als Chef der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main der Ruf eines begnadeten Managers vorauseilt, mehr zu erwarten ist als die - freilich überfällige - Reform von Organisation, Hierarchie und Entscheidungsabläufen der Stiftung, war aus dessen taktierenden Äußerungen im Wahlstreit mit Stölzl nicht herauszuhören.Die politisch heißen Eisen anzupacken - ob die zahlungsunwilligen Bundesländer überhaupt noch im Boot gehalten werden sollen und ob nicht mittelfristig die Umwandlung in eine bundesfinanzierte Nationalstiftung ansteht -, wird einem Präsidenten womöglich schwerer fallen, den die von Anfang an auf seiner Seite stehenden Länder daran erinnern werden, wem er sein Amt verdankt.

Aber vielleicht sind dies tatsächlich Grundsatzfragen, die anzugehen derzeit aussichtslos wäre.Den Tanker flottzumachen, der Institution eine zeitgemäße Struktur geben, Verantwortung und Kompetenzen zu delegieren, das geistige Potential dieser doch bildungsgesättigten Körperschaft zu wecken und zu beflügeln, nicht zuletzt auch die verwaisten Chef-Posten etwa bei der Nationalgalerie zu besetzen - das sind die Aufgaben, die unverzüglich angegangen werden müssen.Den Ansprechpartner beim Bund, den die Stiftung in Staatsminister Naumann finden wird, hat sie dringend nötig.Mit ihm wird über den schnelleren und vor allem kraftvolleren Fluß der Bundesmittel zu reden sein, ohne die nichts zu bewegen ist, nicht im Alltagsgeschäft der Stiftung und schon gar nicht bei ihren Bauvorhaben, unter denen die Sanierung von Museumsinsel und alter Staatsbibliothek herausragen.Je eindrucksvoller die Rolle der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als einer nationalen Institution deutlich wird, desto eher lassen sich bundesweit Zuwendung und Unterstützung gewinnen, die dem Rang dieser Einrichtung entsprechen.Dann wird später womöglich über den Präsidenten Lehmann zu sagen sein, er habe nicht alles anders, aber zumindest vieles besser gemacht.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben