Zeitung Heute : Die Prinzen Eisenherz

Wo kommt nur so viel Hass her, fragen sich viele Gewerkschafter. Die IG-Metall ist nach der Streikniederlage im Osten einfach implodiert. Es geht auch um die Feindschaft zweier Männern, zwischen Chef Zwickel und Vize Peters. Sie haben das höchste Gut geopfert – die Geschlossenheit.

Alfons Frese,Ursula Weidenfeld

Von Alfons Frese und

Ursula Weidenfeld

Am späten Samstagabend, kurz vor Mitternacht, im Berliner Hotel Interconti. Die Köche und die Kellner warten nebenan müde und schon ein bisschen plattfüßig darauf, endlich das Essen servieren zu dürfen. Da zieht IG-Metall-Chef Klaus Zwickel seine letzte Karte: Seit rund fünf Stunden diskutiere der Vorstand der Gewerkschaft nun schon über Ursachen und Folgen der Arbeitskampfniederlage im Osten, jetzt habe er es satt.

Die Verantwortlichen für den Arbeitskampf, sein Vize Jürgen Peters und der Streikleiter Hasso Düvel, hätten den Vorstand getäuscht und belogen. Er sei es jetzt leid, ständig für etwas verdroschen zu werden, das er nicht zu verantworten habe, ließ er die verdutzten Metaller wissen. Und er habe genügend Urlaubstage auf seinem Arbeitszeitkonto, dass er sofort gehen könne, wenn die Verantwortung nicht geklärt werde. Er werde einfach Urlaub nehmen. Solange, bis der ordentliche Gewerkschaftstag im Oktober einen Nachfoger für ihn gewählt habe. Schluss. Aus. Ende.

Das war am Wochenende vor acht Tagen. Mittlerweile wünschen sich viele, sie hätten Zwickels Angebot angenommen. Denn danach passierten Dinge, die einfache Gewerkschaftsmitglieder und gehobene Funktionäre für unmöglich gehalten hätten: Peters und Düvel beklagten in aller Öffentlichkeit, dass sie nicht unterstützt worden seien bei ihrem Kampf um die 35-Stunden-Woche. Und bei ihren Anmerkungen klang durch, dass das passiert sei, um den Richtungskampf zwischen Modernisierern und Traditionalisten in der Metallgewerkschaft doch noch zu Gunsten der Moderniserer zu drehen.

Die Reformkräfte um Klaus Zwickel blieben auch nicht untätig: Sie wiesen detailliert nach, wo der Vorstand hinters Licht geführt worden sei. Wo von vornherein klar gewesen sei, dass der Streik auch auf Westdeutschland ausstrahlen werde, obwohl das im Streikbeschluss ausdrücklich verboten worden war. Sie schüttelten die Spesentüten von Jürgen Peters aus und fahndeten nach unkorrekten Abrechnungen. Sie suchten nach Gesprächsprotokollen, aus denen hervorgehen sollte, wie getäuscht und verschwiegen wurde.

Es gibt nur Verlierer

Wenn an diesem Dienstag der Vorstand erneut zur entscheidenden Sitzung zusammenkommt, um einen Weg aus der Misere zu finden, ist eines schon jetzt klar: Es gibt keinen Sieger. Es gibt nur Verlierer. Nicht, dass für die IG Metall Intrigen etwas Ungewohntes wären. Aber bisher hatte es noch niemand gewagt, interne Schlammschlachten öffentlich auszubreiten. Geschlossenheit nach außen – im IG Metall-Grundgesetz der Artikel eins.

Den gibt es nun nicht mehr, er wurde als Erstes kassiert, als sich die Gewerkschaft vergangene Woche, ein bisschen wie zufällig, auf den Weg in den Abgrund machte. Sie hat sich in rasendem Tempo von Gewissheiten verabschiedet, die sie bis dahin für unumstößlich gehalten hat. Sie ist einfach implodiert.

Fassungslos fragen sich selbst Beteiligte, wo sich eine solche Menge an Hass und destruktiver Energie so lange verstecken konnte. Da ist von der „völligen Verkommenheit der anderen Seite“ die Rede, um das Verhalten von Düvel und Peters zu illustrieren. Von „Arschlöchern, die alles kaputt gemacht haben“, wenn die Peters-Truppen das Verhalten der Zwickel-Leute im Streik beschreiben. Niemand, so klagt ein verstörter Besucher der IG-Metall-Homepage, kümmere sich noch um die Mitglieder. Der Zerstörer war nicht der Feind von außen, gegen den die Gewerkschaft all ihre Kraft und Geschlossenheit gerichtet hat. Der Feind ist sie selbst.

Schon lange sei die IG Metall nur noch nach außen stark erschienen, sagen ehemalige Funktionäre und aktive Metaller heute. Sie haben Recht: Die IG Metall war ein bisschen wie die DDR. Es hat nur die eine Initialzündung gebraucht, um das Ganze ins Wanken zu bringen. Diejenigen, die sich an die früheren, die besseren Zeiten erinnern, sagen, der Zerfallsprozess sei eng mit dem neuen Führungsstil in der Zentrale verbunden gewesen. Klaus Zwickel fehle die Brutalität, seine Meinung durchzupauken. „Wo hat es das jemals in der Geschichte der Metallgewerkschaft gegeben, dass ein Vorsitzender sich immer wieder hat überstimmen lassen“, fragt ein früherer Spitzenfunktionär kopfschüttelnd. Stoisch hat er die Auseinandersetzung um das Bündnis für Arbeit verloren, die Rente mit 60 aufgegeben. Gegen Zwickels Willen wurde im vergangenen Jahr im Westen gestreikt, jetzt im Osten. Seine Personalvorschläge wurden abgelehnt, stattdessen bewusst Leute installiert, mit denen er nicht arbeiten kann. Zwickel habe die Disziplinlosigkeit nicht nur akzeptiert, sagen die Veteranen. Er habe sie gar zum neuen Diskursprinzip der Gewerkschaft erklärt.

Was ist schlimmer: Ein unentschlossener Vorsitzender oder ein Tarifpolitiker, der einen Arbeitskampf in den Sand setzt? Für viele Metaller ist jetzt klar: Zwickel hat größeren Schaden angerichtet. Weil er die IG Metall nicht vor sich selbst bewahren konnte.

Grüblerisch und in sich gekehrt sei er, kein großer Redner, sagen seine Kritiker. Am Anfang seiner Vorsitzendenkarriere haben sie hinten im Saal gestanden, wenn Zwickel redete. Und Daumen gedrückt. Dass er durchhält. Zahllose Rhetorikstunden hat er absolviert, um endlich aus dem Schatten seines ebenso eleganten wie eloquenten Vorgängers Franz Steinkühler zu kommen. Es gab Erfolge: Seine Anzüge saßen im Lauf der Zeit immer besser, er wurde souveräner, seine Reden wurden flüssiger. Und: Zwickel verordnete seiner Gewerkschaft neue Köpfe, neue Gedanken. Er ließ den Kölner Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Streeck auf einem Metallkongress sagen, dass die Gewerkschaften auf bestem Wege seien, der Bauernverband des 21. Jahrhunderts zu werden. Das eisige Schweigen der Metallbasis überhörte er, draußen auf den Fluren wurde laut gefragt, wer so einen überhaupt herangelassen habe.

Zwickel hat geduldet, dass die Basis vernachlässigt wurde. Das ist der schlimmste Vorwurf: Meinungsumfragen seien hereingetragen worden in die Vorstandssitzungen, um herauszufinden, ob man den richtigen Kurs fahre. Meinungsumfragen! Anstatt auf Betriebsversammlungen zu gehen und den Praxistest zu machen: Wie viele kommen, wenn ein Vorstand aus Frankfurt spricht? Und wie viele stehen am Ende auf den Tischen, wenn zum Widerstand aufgerufen wird? Nur so kann man erfahren, wie es dem Bauch der Gewerkschaft geht. Und das richtige Bauchgefühl, das sorgt dafür, dass einem derartige Blamagen erspart bleiben: Als die Gewerkschaften mit komfortablen Umfrage-Mehrheiten im Nacken zum Widerstand gegen die Reformagenda des Bundeskanzlers aufriefen, kam – niemand.

Ein aufgekratzter Peters

Offen ausgebrochen ist die Autoimmunkrankheit bei der IG Metall am 9.April in Dresden. Zwickel hatte den 40 Vorstandsmitgliedern den stillen baden-württembergischen Bezirksvorsitzenden Berthold Huber als Nachfolger empfohlen. Ein Kreativer, der für den Neuanfang steht. Zwickel war sicher, dass es eine Mehrheit für Huber geben würde: Doch es kam anders. 20 zu 20. Patt.

Das Unentschieden heizte die Feindschaft zwischen Peters und Zwickel an – und ist der Nährboden für all die Dolchstoßlegenden, die in diesen Tagen erzählt werden. Zwickel schlug notgedrungen Peters für den Vorsitz und seinen Favoriten Huber für den Stellvertreterposten vor. Allen, die danach in der Bar des Hotels den aufgekratzten Peters erleben, wird klar, dass sie einen vor sich haben, der wild entschlossen ist. Damals muss Peters beschlossen haben, dass er den Streik um die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland will.

Danach haben die beiden, so berichten Mitarbeiter, die Kontakte untereinander auf das Allernötigste beschränkt. Peters bereitete den Arbeitskampf vor – zusammen mit dem ostdeutschen Bezirksleiter Hasso Düvel. Die Zentrale sei weder informiert noch um strategische Beratung gebeten worden. Am 12.Mai, kurz vor dem Streik, war das erste Mal ein Packen Streikplakate in Frankfurt bestellt worden, berichten Mitarbeiter der Zentrale. Mehr nicht. Keine Konferenzen wurden gebucht, niemand versuchte wenigstens ein paar Bundestagsabgeordnete zu freundlichen Adressen an die Streikenden zu bewegen. Totenstille. Etwas anderes sei nicht gewollt gewesen, sagen die Reformer. Sie seien gegen eine Wand der Verweigerung gestoßen, sagen die Streikorganisatoren.

Zwickel sei zur gleichen Zeit heiter-resignativer Stimmung gewesen, habe zugeguckt, wie der gewerkschaftliche Widerstand gegen den Bundeskanzler zerbrochen sei. Und den Streik im Osten hat er nicht ernst genug genommen. Weil er immer geglaubt hat, am Ende den Trumpf in der Hand zu haben: Nicht Peters, Zwickel würde den Tarifabschluss mit dem Arbeitgeberchef machen – und wenigstens diesen Sieg über Peters mit nach Hause nehmen.

Doch so kam es nicht. Peters und Düvel vermasselten im Osten alles. Die Gesellschaft stellte sich nicht auf die Seite der IG Metall. Als beim Zulieferer Federal Mogul die ersten Beschäftigten mit dem Hubschrauber zur Arbeit geflogen wurden, weil die Streikhelfer aus dem Westen sie nicht ins Werk ließen, war klar: Die Sache geht schief. Für alle.

Jetzt behaupten die Peters-Leute, dass Zwickel den Streik habe platzen lassen, weil er noch eine Chance gesehen habe, Peters zu verhindern. Zwickel war nicht mehr bereit, das Scheitern des Streiks in der Fläche als Strategieänderung zu camouflieren und in derselben Sekunde den Kampf um jeden einzelnen Betrieb anzukündigen. Er verweigerte das, was ein guter Gewerkschaftschef in dieser Situation tun muss. Stattdesen ließ er Peters und Düvel hochgehen. Nicht kalt lächelnd, sondern vor Wut bebend.

Peters beeindruckte das kein bisschen. Ironisch setzt er gegen die Rücktritts-Forderung des Vorsitzenden, er werde sich nur auf dem Gewerkschafttag im Oktober der Abstimmung stellen. Zwickel, der geglaubt hat, dass er Peters nur mit einem Eklat los werden kann, muss feststellen, dass er ihn jetzt erst recht nicht los wird. Peters klebt.

Immer habe man sich bei Peters darauf beschränkt zu sagen „Einer mit solchen Manieren kann nicht Chef werden“, klagen sich die Reformer in der Metall-Zentrale heute selbst an. Der Mann, der gelegentlich ohne Begrüßung auf die Arbeitgeber losging und sie für den „Scheißdreck von Angebot“ beschimpfte, könne im Ernst keine Gewerkschaft führen. Die Reformer haben geflissentlich ignoriert, dass es in der IG Metall eine Menge einflussreicher Haupt- und Ehrenamtlicher gibt, denen das gar nichts ausmacht. Wenn Peters vom „Terror der Ökonomie“ redete, der „ursächlich für Massenarbeitslosigkeit“ sei, haben die Intellektuellen gegrinst. Doch Peters wärmte die Herzen vieler Metaller: Beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall schätzt man die engagierten Peters-Anhänger in der Gewerkschaft auf 35 bis 40 Prozent. Die Zustimmung für Berthold Huber sei viel geringer.

Peters ist „der Jürgen“, Huber der „Philosoph“. Peters ist Altmetall. Weil er einer ist, der genauso „tickt wie die IG Metall“, ist er beliebt. Weil er durchsetzt, dass sie eine Kampforganisation bleibt, die nach dem stalinistischen Prinzip „Wer abweicht, muss nach Sibirien“ funktioniert, wird er gefürchtet. Wer gegen ihn ist, wird verstoßen. Ausgespuckt von der mächtigen IG Metall. Das wissen alle. Und zollen Respekt.

Die IG Metall ist immer noch groß und stark. Mit 2,6 Millionen hat sie doppelt so viele Mitglieder wie alle politischen Parteien zusammen. Ihre Durchsetzungskraft verdankt sie zwei Faktoren: Der Größe und der Geschlossenheit. Doch Zwickel wird eine Organisation übergeben, die hinter dieser Fassade auch andere Statistiken führt. Mehr als 570000 Mitglieder sind in Rente oder im Vorruhestand. 1,1 Millionen Metaller sind älter als 50.

Es gebe nur einen Weg, eine monatelange Schlammschlacht zweier Spitzenkandidaten zu verhindern, sagen Metall-Insider: Am Dienstag müssten der erste und der zweite Vorsitzende, am besten der gesamte geschäftsführende Vorstand gehen. Und dann? Kommt dann einer von außen?

„Ein Ehrenamtlicher von draußen wird hier drinnen zum Frühstück verspeist“, sagen IG-Metall-Kenner. Denn dominiert wird die Gewerkschaft von Hauptamtlichen, die in zahllosen Seminaren des Organisations-Entwicklungs-Prozesses zusammengeschmiedet und gestählt wurden.

Wenn Peters Kopf an diesem Dienstag nicht rollt, dann ist der Beweis erbracht, dass diese Seilschaften immer noch die Macht haben in der IG Metall. Wenn Zwickel den Abgang von Peters erzwingen kann, ist das sein erster wirklich großer Sieg. Dann ist der Weg frei für eine neue IG Metall. Der Vorsitzende ist entschlossen, dafür einen Preis zu zahlen. Gut drei Monate vor seinem Ruhestand ist er bereit zum Abgang. Wenn Peters mitgeht.

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