Zeitung Heute : Die Reifeprüfung

Wer an der Esmod seinen Abschluss macht, lernt schon das harte Leben eines Designers kennen

von

Felix Hupka sieht harmlos aus. Seinen Models geht er bis zur Schulter, er trägt ein weißes Hemd, Jeans und eine Brille, die ausschließlich für den genauen Blick auf die Welt gemacht ist. „Der hat es faustdick hinter den Ohren“, sagt eine Jurorin. Ein anderes Jurymitglied sagt: „Wenn ich dem auf der Straße begegnet wäre, ich hätte ihn glatt übersehen.“

Der 23-Jährige ist einer von 47 Studenten, die gerade ihren Abschluss an der Modeschule Esmod machen. Ein Jahr lang haben sie an einer Kollektion gezeichnet, ausgewählt, verworfen, Stoffe zerschnitten, gefärbt, gefaltet, gequetscht und gedehnt. Nächtelang genäht und gestickt, bis sie irgendwann Kleidungsstücke für fünf Outfits zusammen hatten.

Hupka ist einer der 17 Absolventen, die vor einer Woche ausgewählt wurden, ihre Arbeiten vor einer internationalen Jury vorzuführen. „47 sind einfach zu viel“, sagt der Leiter der Esmod, Klaus Metz.

Jurypräsident ist der Pariser Designer Gaspard Yurkievich. Er und das Jurymitglied Bruno Collin von Diesel kamen für zwei Tage aus Paris nach Berlin, um auf bereitgelegten Zetteln Noten zwischen 15 und null Punkten zu vergeben. Deshalb stehen am Dienstag nur die 17 Besten in den Klassenräumen, kleiden ihre Models ein, zupfen an einem Saum, streichen den Stoff glatt und warten darauf, vor die Jury treten zu dürfen.

Franziska Neumann ist so aufgeregt, dass sie zwischen den Wörtern nach Luft schnappen muss – sie will unbedingt, dass Daphne Cousineau von Valentino, der Designer Lie Sang Bong aus Seoul und die Agenturchefin Chris Häberlein verstehen, was sie sehen. Die ausgefransten Enden eines Jeansstoffes hat sie mit einem Strickoberteil verwoben und daraus ein Kleid gefertigt. Sie hat den Stoff gebleicht und gewaschen, bis er ganz weich geworden ist. Sie schubst ihre Models einzeln nach vorne, ganz dicht an die Jurytische, öffnet Jacken, deutet auf die Übergänge, spricht von ihrer Idee der Metamorphose und hebt die Hände in die Höhe wie eine Missionarin.

„Gibt es noch Fragen!“, ruft sie den zehn Jurymitgliedern um Gaspard Yurkievich entgegen. Die bleiben stumm, schauen auf ihre Zettel. Die Esmodchefin Silvia Kadolsky schüttelt den Kopf, „Nein und merci“. Franziska bleibt noch einen Moment stehen, atmet tief ein, nimmt ihr Moodboard, eine große Papptafel auf die sie ihre Zeichnungen und Fotos geklebt hat, und verlässt, ihren Models hinterher, den Saal. Sie war die Nummer fünf.

Die Studenten müssen nicht nur 20 Kleidungsstücke nähen, sie müssen auch sonst beweisen, dass nach drei Jahren Modeschule richtige Designer aus ihnen geworden sind. Die Klassenräume sind zu Showrooms umfunktioniert. Jeder Absolvent hat eine Kleiderstange und einen Tisch. Auf dem liegen Kataloge mit schön fotografierten Bildern von den Entwürfen, gebundene Bücher mit Zeichnungen und Stoffproben, Visitenkarten und Accessoires. Wenn man Zeit hat, kann man sich auch noch ein selbstgedrehtes Video ansehen.

Wie Alice Clermont vor ihrem Tisch steht, sieht sie aus wie eine Designerin, die auf ihrem Stand der Messe Premium nach Kunden Ausschau hält. Ja, sie würde gerne ihre eigene Marke gründen, aber erst einmal will sie arbeiten. „Ich gehe überall hin.“ Sie ist in den USA und Asien aufgewachsen und vor drei Jahren zum Studieren nach Deutschland gekommen. Jetzt muss sie Berlin wieder verlassen: „Obwohl ich mich hier wohlfühle."

Bei der Präsentation geht es zum ersten Mal in ihrem Studentenleben nicht um Fleiß, um die rechtzeitige Abgabe, um die Erfüllung einer Aufgabe, das Bestehen eines Tests. Hier geht es nur darum, ob die Kleidung gefällt, ob sie einen Reiz auslöst, der Jurypräsident Yurkievich dazu bringt, in eine Seidenbluse zu greifen, sich eine Naht aus der Nähe anzusehen, um den ersten Eindruck einer Qualitätskontrolle zu unterziehen. Er allein entscheidet, wer am Mittwochabend den „Prix Créateur“ bekommt.

„Ja, das ist ein bisschen ungerecht“, sagt Silvia Kadolsky. „Aber so ist das halt in der Mode. Da geht es nur darum, wer am Ende die besten Entwürfe hat.“ Aber weil für die Dozenten auch der Weg dorthin zählt, bekommt der fleißigste, hilfsbereiteste und netteste Student nach der Ausbildung die „Goldene Nadel“ angesteckt. „Et voilà“, sagt die Chefin.

Felix Hupka ist als Vorletzter dran. Seine Models tragen Jäckchen aus Perlensträngen, die das Muster eines gotischen Gewölbes nachbilden, Lederhosen mit einer feinen Säulenstruktur und Kleider, die weich wie Mönchskutten fallen. In London machte er ein Praktikum bei Marios Schwab, ebenfalls Esmod-Absolvent und inzwischen eine Institution der britischen Mode. In der Nachbarschaft stand eine gotische Kirche – Hupkas Inspiration für seine letzte Aufgabe an der Esmod. Er schaut lächelnd in die Runde und erklärt, was er sich dabei gedacht hat. Nervös wirkt er nicht.

Die Jurysitzung ist vorbei, alle elf Mitglieder sollen ihren Favoriten benennen. Franziska Neumann ist ebenso dabei wie Alice Clermont und Felix Hupka. Der Preis der Jury wird wie auch der „Prix Créateur“ und die „Goldene Nadel“ nach der großen Modenschau im Friedrichstadtpalast am nächsten Tag verliehen. Erst dann werden die Studenten erfahren, wie sich die Jury entschieden hat.

Unter den Gästen sind viele ehemalige Studenten, die in Berlin inzwischen eigene Labels haben wie Johanna Kühl von Kaviar Gauche, Frida Weyer und Christine Pluess von Mongrels in Common.

Die Kleidung von Franziska Neumann wird vorgeführt. Die Models sehen gut darin aus. Und plötzlich wirken die Mäntel und Kleider gar nicht mehr wie eine Idee, die handwerklich so viel Mühe gekostet hat, dass man die junge Designerin schon allein dafür loben möchte. Aber einen Preis gewinnt sie nicht. Und die Männermode von Alice Clermont wirkt auf dem Laufsteg fast ein wenig zu profan – so kann es gehen in der Mode.

Die „Goldene Nadel“ bekommt Marina Arbenz, die eine akkurate Unterwäschekollektion präsentiert. Auch der „Prix Créateur“ ist eine Überraschung, Yurkievich übergibt ihn an Johanna Wennemann, die Kleidung in Schwarz und Nude entworfen hat. „Da musste man genau hinsehen“, sagt Silvia Kadolsky. Sie ist zufrieden mit ihrem Jurypräsidenten.

Als der Gewinner des Jury-Preises auf die Bühne gerufen wird, sagt jemand im Publikum: „Der ist aber klein.“ Felix Hupka lächelt und lässt sich mit seinen Models fotografieren.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben