Zeitung Heute : Die Rettungsinsel

250000 auf der Flucht, Hunderte von Morden: Im Irak tobt ein zweiter Krieg – die Hatz auf Christen. Ein Kloster versucht zu helfen

Erwin Decker[Al Qosh]

Wer nachts aus dem Fels kommt, aus der Höhlenkirche, und in die Ebene nach Süden blickt, der sieht in 30 Kilometern Entfernung die Lichter der Millionenstadt Mossul. Er sieht auch die Lichter des Kriegs: aufflammende, hohe gelbe Feuer, Blitze, Flugbahnen von Leuchtraketen, die minutenlang über der Stadt stehen und alles taghell machen. Manchmal hört man auch die Stimmen des Krieges, wenn Kampfjets eine Wendeschleife ziehen, um ein neues Ziel in Angriff zu nehmen.

Die in den Felsen getriebenen Höhlen gehören zum Christenkloster „Zur heiligen Maria“. Es liegt nahe beim Dorf Al Qosh im Nordirak, das nur von Christen bewohnt wird. „Zur heiligen Maria“ ist das älteste Kloster des Irak, es wurde im Jahr 651 gegründet. Die Höhlen im Fels sind der alte Teil, vor 1000 Jahren lebten über 400 Mönche in der Bergwand. Einige Gehminuten entfernt in der Ebene liegt der Teil des Klosters, der heute noch bewohnt wird. Drei Mönche leben dort. Sie gehören zum Antonio-Orden der chaldäischen Christen, einer Gemeinschaft, die Aramäisch spricht und ihre eigenen religiösen Riten hat.

Auf dem Altar brennt das ewige Licht, die Öllampe. Ein kleiner heller Punkt in der dunklen Kirche. Zwei Ministranten zünden noch zwei Kerzen an. Jetzt kommt Pater Mofid aus dem Seiteneingang. Er nimmt das rote Buch mit dem Kreuz darauf und legt es auf das Lesepult. Die Ministranten leuchten rechts und links mit den Kerzen in der Hand. Der Pater liest bei flackerndem Licht ein Gebet vor. 23 Kinder und zwei alte Mönche antworten aus dem Dunkel mit „Amen“. So beginnt jeden Morgen um halb sieben der Tag.

Die 23 Jungen sind Waisen. Sie wurden in Bagdad und anderen Städten von der Straße aufgelesen. Außerdem gibt es noch elf Angestellte. Zum Personal zählen auch vier bewaffnete Wachmänner. In Mossul werden gezielt Christen entführt und umgebracht.

Wenn Pater Mofid nach Mossul fahren muss, nimmt er ein Taxi und wechselt seine schwarze Mönchskutte gegen eine arabische Dischdascha. „Ich gehe nur noch nach Mossul, wenn es unbedingt notwendig ist“, sagt er. Dort hat sich gerade folgende Geschichte zugetragen: Morgens lag ein Blatt Papier unter der Eingangstür des Hauses, das Familie Shaba bewohnt. Auf dem stand, dass die christliche Familie den befreundeten Dominikanerpater Jawdat bis mittags an die Islamisten ausliefern soll. Wenn nicht, müsse die Familie mit Blut bezahlen. Unterschrift: die islamische Bewegung im Irak.

Oraham Shaba und seine Frau Varina nahmen ihre drei Kinder, die Großeltern und die Tante, luden so viel Hausstand wie möglich auf ihren Pick-up und verließen sofort die Stadt. Sie warnten noch den Pater, der mit einem Taxi ins nahe Syrien floh. Sie selbst fuhren in ein christliches Dorf in den Bergen Kurdistans und möchten auf keinen Fall, dass der Name des Ortes bekannt wird. Die Familie lebt zu zehnt in einer Ruine mit einer Plastikfolie als Dach. Die Kinder haben keine Schule, und das Ersparte ist bald verbraucht.

Im Irak findet eine Hatz gegen die Christen statt. „Von den 700000, die im Irak leben, sind über 250000 auf der Flucht“, sagt Pfarrer Emanuel Youkhana von der kleinen Hilfsorganisation Capni (www.capiraq.org), die sich um die Christen im Irak kümmert. Der Pfarrer musste selbst vor Saddam Hussein fliehen, kam nach Deutschland und gründete das Christliche Hilfsprogramm e.V. in Wiesbaden für seine Landsleute. Jetzt ist er wieder für einige Wochen im Irak.

„Wir sind total überfordert damit“, sagt Pfarrer Emanuel. „Es fehlt an allem. Es werden täglich mehr Flüchtlinge.“ Einige Mullahs in Mossul haben eine Fatwa, einen Erlass eines Religionsgelehrten, in den Moscheen verkündet, dass das Töten von Ungläubigen und Kurden kein Verbrechen sei. In Mossul sind inzwischen acht Kirchen zerstört, in Bagdad 13. In Mossul wurden in den letzten vier Monaten 640 Christen ermordet. In Bagdad 350.

Emil Awia, 43, lebte in Bagdad. Sein elfjähriger Sohn Allan wurde dort vor der Haustür entführt, als er auf dem Weg in die Schule war. Eine Organisation mit dem Namen „Mohammeds Armee“ forderte 60000 Dollar. Das war für den Automechaniker unerschwinglich. Er ging zur Polizei. Die riet dem Christen, sich mit den Entführern zu einigen. Sie könne nicht helfen. Emil Awia wird den Verdacht nicht los, dass die Polizei die Entführer kennt und sogar mit ihnen zusammenarbeitet. Die Gangster akzeptierten schließlich 15000 Dollar Lösegeld. Freunde und Verwandte legten zusammen, alles wurde verkauft. Eine Stunde nach Allans Freilassung floh die Familie aus Bagdad. Die Mutter bekam auf der Fahrt in den Norden einen Herzinfarkt und liegt jetzt bei ihren Eltern in Kirkuk. Emil und seine beiden Söhne leben in einem Zelt mit drei anderen geflohenen Christen hoch in den Bergen Kurdistans. Weit und breit ist niemand. Nachts fällt die Temperatur auf weit unter null Grad. Tagsüber ist der Boden vom Regen aufgeweicht. Um das Zelt ist ein Graben gezogen, damit das Wasser nicht hineinläuft. Pfarrer Emanuel bringt ihnen einen kleinen Kerosinofen. Sie würden sich gerne im Frühjahr ein Haus bauen. Aber keiner hat das Geld dazu. „Die Bedingungen sind hart. Aber wir sind hier sicher. Wir gehen nie mehr nach Bagdad zurück“, sagt Emil Awia.

Auch im Kloster „Zur heiligen Maria“ suchen Familien aus Bagdad oder Mossul Zuflucht. Sie bleiben einige Tage, bis sie in einem der christlichen Dörfer in der Umgebung eine Unterkunft gefunden haben. Pater Mofid sagt: „Fast alle Christen wollen das Land verlassen. Ich werde jeden Tag von Familienvätern gefragt, was sie machen sollen.“ Er hat mit den Dorfbewohnern von Al Qosh ein geheimes Alarmsignal vereinbart, falls das Kloster einmal angegriffen werden sollte. „Wenn es zum Schlimmsten kommt, stehe ich mit meinen Waisenkindern nicht alleine da. Fast jeder in Al Qosh ist bewaffnet“, sagt er. Pater Mofid, fast immer gut gelaunt, klingt nun sehr besorgt. „Was sollen wir sonst machen, wir können hier nicht weg. Wohin auch“, sagt er leise.

Pater Mofid, 37, ist der Abt. Er will aber nicht so genannt werden. Alle in der Region schätzen ihn. Sie fragen ihn um Rat. Er schlichtet Streit und hilft den Ärmsten in den umliegenden christlichen Dörfern. Seine Name übersetzt heißt „nützlich“.

Als er 1994 zum Abt des Klosters gewählt wurde, hatte er schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Nach dem Studium war er ein Jahr in Rom, ein weiteres im chaldäischen Kloster in Beirut, danach lebte er in mehreren irakischen Städten als Priester. Nach seinem Amtsantritt in Al Qosh kümmerte er sich besonders um das Waisenhaus. In Bagdad hat der Orden ein zweites für Mädchen. Es sind die einzigen nicht der Regierung unterstellten Waisenhäuser im Irak. Das war schon unter Saddam Hussein so. In den staatlichen Waisenhäusern züchtete der Diktator Auftragsmörder.

Pater Macarius ist 95 Jahre alt und kam schon mit 15 Jahren ins Kloster. Er lebte 20 Jahre lang in einer der Höhlen in der Bergwand. Der alte Mann hat fast keine gesundheitlichen Beschwerden. Sein Orden schickte ihn 1981 für 16 Jahre in den Vatikan. Die übrige Zeit seines Lebens verbrachte er im Kloster „Zur heiligen Maria“. Wenn an den kalten Wintertagen die Sonne scheint, sitzt er vor seinem unbeheizten Zimmer und liest ohne Brille aus den alten handgeschriebenen Büchern der Klosterbibliothek. Er kann nur lesen, wenn er den Text auch spricht. Oft sitzen die Waisenkinder um ihn herum und hören zu. Im Jahr 1918 sah er das erste Flugzeug am Himmel. Es war von der englischen Luftwaffe. Vom Zweiten Weltkrieg erfuhr er nur aus der Zeitung. Und Saddam Hussein ließ die Mönche auch unbehelligt.

Pater Sliva, 85, sieht man selten im Innenhof des Klosters. Er lebt zurückgezogen in seinem Zimmer, sieht fern, wenn er Strom hat, betet und liest viel. Zu den Essenszeiten kommt er mit schlurfenden Schritten in den Speiseraum. Er ist der einzige der drei Mönche, der noch den für den Orden charakteristischen weißen Bart trägt.

Viele chaldäische Christen aus dem Irak, die im Ausland leben, schicken regelmäßig Geld. Das meiste gibt Pater Mofid an das Dorf Al Qosh weiter. Fast keiner hat dort Arbeit. Zu allererst kümmert sich Mofid jedoch darum, dass seine Waisenkinder über die Runden kommen. Und das ist nicht immer einfach. Außer Essen müssen sie auch Kleidung und Bücher für die Schule haben. Die letzte Investition waren warme Decken für den großen Schlafsaal mit den zehn Betten für die jüngeren Kinder.

Die Kinder sind morgens bei der Messe in der Klosterkirche. Die Mönche sitzen zwischen ihnen. Es ist kalt, die Kinder tragen Handschuhe. Nach der Messe geht es in den Speiseraum zum Frühstück. Auch hier gibt es keine Heizung. Pater Mofid sitzt unter einem Bild, das das Abendmahl zeigt. Pater Macarius sitzt links und Pater Sliva rechts von ihm am langen Tisch. Das Essen im Kloster ist einfach. Morgens gibt es Tee, Fladenbrot und Bohnenbrei, an Sonntagen Marmelade. Mittags fast immer Reis, zweimal die Woche mit Fleisch, sonst Bohnen oder Erbsen. An Weihnachten und Ostern bekommen die Kinder eine Cola und jedes eine Banane zum Nachtisch. Während des Essens wird kaum geredet. Das ist die Klosterregel. Wenn alle fertig sind, holt Pater Mofid eine kleine Glocke aus der Schublade und läutet das Zeichen zum Aufstehen. Ein kleiner Bus bringt die Kinder anschließend in die Schule nach Al Qosh. Wenn es keinen Fahrer gibt, fährt der Pater selbst.

Nach dem Mittagessen halten mehrere neue Geländewagen mit quietschenden Reifen vor dem Klostereingang. Bewaffnete Männer steigen aus. Der Wachmann des Klosters ist nicht überrascht und grüßt freundlich. Es ist ein kurdischer Scheich mit seiner kleinen Armee, der Pater Mofid besucht. Der Kurdenführer sitzt mit dem Mönch im Besucherzimmer, lacht mit ihm und trinkt Tee. Rechts und links von den beiden sitzen die Männer stumm mit ihren Kalaschnikows in den Händen auf der Bank. „Ich kann die Sitten und Gebräuche im Irak nicht ändern, das Kloster ist für alle Besucher offen. Der Scheich hat immer seine kleine Armee dabei. Ich finde es eher lustig“, sagt Mofid.

In der Klosterkirche hört man das Klappern von Töpfen. Eine Taufe wird vorbereitet. Bei den chaldäischen Christen wird das Kind dabei ganz ins Wasser getaucht. Damit der Säugling bei der Kälte nicht friert, füllen die Ministranten das steinerne Taufbecken mit warmem Wasser. Ein Junge hält das Kind auf dem Arm, bis es Pater Mofid mit Hilfe der Mutter auspackt und kurz in das steinerne Becken taucht. Es schreit ununterbrochen. Danach bekommen die Eltern einen Taufschein, und der Pater trägt die Daten in das riesige, über 100 Jahre alte Kirchenbuch ein. Die freien Seiten würden noch für weitere 20 Jahre reichen. Pater Mofid aber fürchtet, dass bei der anhaltenden Christenverfolgung kaum je ein Priester die letzte Seite des Buches voll schreiben wird.

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