Zeitung Heute : Die Reue-Show

Eine Journalistin hatte ihn einmal als den „talentiertesten Schauspieler außerhalb Hollywoods“ bezeichnet. Dieses Talent stellte Lance Armstrong auch bei seiner TV-Beichte unter Beweis. Er machte die Gastgeberin Oprah Winfrey zur Stichwortgeberin und gab nur zu, was schwer zu leugnen war.

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Gesprächsstoff. 112 Fragen hatte Winfrey für Armstrong vorbereitet. Foto: Reuters
Gesprächsstoff. 112 Fragen hatte Winfrey für Armstrong vorbereitet. Foto: ReutersFoto: Reuters

Das Wichtigste klären sie gleich zu Beginn. Ob er gedopt habe, fragt Oprah Winfrey. „Ja“, sagt Lance Armstrong. War Epo dabei? „Ja.“ Blutdoping? „Ja.“ Andere verbotene Substanzen? „Ja.“

112 Fragen hatte Moderatorin Oprah Winfrey für Lance Armstrong notiert. Zuschauer auf der ganzen Welt konnten das Interview im Fernsehen oder über Winfreys Webseite verfolgen. Zweieinhalb Stunden dauerte das Gespräch, auf das sie sich vorbereitet habe wie auf eine Prüfung am College, erzählte Winfrey kurz vor der Ausstrahlung.

In Armstrongs Heimatstadt Austin in Texas saßen sich die Moderatorin und der Sportler in einem Hotelzimmer gegenüber. Locker hatte Armstrong sein rechtes Bein über das linke geschlagen, das Hemd unter dem Jackett leger geknöpft. Und locker sprach er über die Geschichte eines großen Betrugs.

Man schaute und hoffte, die Emotion zu finden, die doch in diesem Gesicht zu sehen sein sollten. Oder nicht? Der Vater von fünf Kindern, die ihn verehren und die er hintergangen hat, genau wie den Rest der Welt und wie sich selbst. Der Sohn einer Mutter, die an ihn und seine Ehrlichkeit glaubte, wie Mütter das eben tun. Bedingungslos.

Ám Anfang legt der ehemals siebenfache Tour-de-France-Sieger ein solches Tempo im Doping-Eingestehen vor, dass die Gefühle gar nicht hinterherkommen. Die Jas kommen so schnell, dass einem schwindelig wird und man sich zurückgelassen fühlt wie einst die Konkurrenz vor Alpen- und Pyrenäengipfeln. Im Gegensatz zu dieser neuen lockeren Selbstverständlichkeit hat er bis zu diesem Moment immer geschwiegen – oder gelogen. Etwa 2004, als die italienische Justiz über seinen Dopingdoktor Michele Ferrari zu Gericht saß. Oder 2005, als er bei der Feier seines letzten Toursieges auf den Champs Elysées höhnte: „Ich bedauere euch Zyniker und Skeptiker. Ihr könnt nicht groß denken und nicht an Wunder glauben.“

Nicht einmal im Januar 2006, als er von einem US-Gericht vereidigt wurde, war er zum Geständnis in der Lage. Er riskierte sogar, später wegen Meineids belangt zu werden. Die Verjährungsfrist von fünf Jahren saß er cool aus.

Ein Treffen mit Winfreys auf Hawai, das dieses Interview erst möglich machte, kam für Armstrong zur rechten Zeit. Zwar lösten ihre Emails das Ereignis aus. Den Zeitpunkt aber bestimmte der Gast. „Ich glaube, er war einfach bereit“, kommentierte sie ihr Glück. Das Interview mit Armstrong bezeichnete sie „als mein bisher bedeutendstes in Sachen Publicity“. Und das, obwohl er nicht so entschieden reinen Tisch gemacht habe, wie sie sich das zunächst erhofft hatte.

Auch nach seinem TV-Geständnis muss sich Armstrong nicht vor dem Gefängnis fürchten. Das ist clever kalkuliert. Armstrong kann sich sogar hinstellen und Doping als „so natürlich wie Reifen aufpumpen und Wasser in die Flaschen füllen“ bezeichnen. Neue strafrechtliche Konsequenzen muss er nicht fürchten. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur (Usada) hat ihn bereits lebenslang gesperrt. Deren Beweise dürften auch ohne Armstrongs Geständnisse Schadensersatzkläger zum Erfolg führen. Die Versicherungsfirma SCA fordert zwölf Millionen Dollar für einst gezahlte Siegesprämien, die „Sunday Times“ 1,5 Millionen Dollar aus einen verlorenen Verleumdungsprozess.

Immerhin, Ausflüchte ersparte Armstrong seinen Zuschauern. Da war er der alte Cowboy, ein Mann der geraden Worte, durchaus mit Härte gegen sich selbst. Mit dieser Härte hat er zeit seines Sportlerlebens kokettiert. Kontrahenten, die Weihnachten nicht trainierten, die eine Trainingsfahrt bei Schnee oder Regen ausfallen ließen, verhöhnte er als Weicheier. Beliebtestes Ziel damals: Jan Ullrich.

Etwas von dieser Koketterie war auch im Interview zu spüren. Ob sich die Lügen seinerzeit nicht falsch angefühlt hätten, wollte Oprah Winfrey wissen. „Nein“, antwortete Armstrong und schob mit einem Lächeln das Wort „gruselig“ hinterher. Ob er sich nicht schlecht gefühlt habe, hakte die Interviewerin nach. „Nein“, erwiderte er, und ergänzte mit fragendem Unterton: „noch gruseliger“. Das Lächeln wurde etwas breiter. Ob er geglaubt habe, dass er andere betrüge? „Nein“, schoss es da fest und klar aus ihm heraus.

Dann erläuterte er, was Betrug für ihn bedeute: „Einen Vorteil gegenüber einem Gegner zu erlangen.“ So habe er das damals aber nicht gesehen: „Ich habe das als etwas betrachtet, bei dem alle mit den gleichen Mitteln kämpften.“

Gleiche Mittel? In den späten 90ern und den ersten Jahren des neuen Jahrtausends werden Tour-de-France-Teilnehmer, die ohne Epo fuhren, sicherlich nicht das Gros des Pelotons gebildet haben. Unter den Top-Fahrern waren die Sauberen mit Sicherheit noch dünner gesät. Ein Jan Ullrich, des Dopings bei Lothar Heinrich in Freiburg und des Dopings bei Eufemiano Fuentes in Madrid überführt und lange Jahre sehr eng mit dem Dopingpräparator Luigi Cecchini verbunden, trägt den Satz gleich Armstrong wie ein Mantra vor sich her: „Ich habe niemanden betrogen.“

Doch diese Haltung ergänzt den Sportbetrug noch um den Selbstbetrug. Denn es gab saubere Fahrer. Einer von ihnen: Christoph Bassons. 1999, während der ersten Tour de France, die Armstrong gewinnen sollte, äußerte sich der Franzose „erstaunt und schockiert“ über die Leistungen des US-Postal-Kapitäns. Der war damals, wie Nachtests aus dem Jahre 2005 bewiesen und wie er jetzt auch selbst zugab, voll mit Epo. Bassons hingegen war sauber. Er wurde von den Kollegen „Mr. Clean“ genannt – mit abfälligem Ton, nicht bewundernd. Ein Jahr zuvor war er im Skandalteam von Festina nach Aussagen reuiger Kollegen vor Gericht als einziger Fahrer „nicht geladen“. Ein Jahr nach dem Festina-Skandal forderte er das gesamte Tourpeloton auf, das Wort von der „Tour der Erneuerung“ auch wahr werden zu lassen. Er wurde vom kompletten Feld boykottiert. Und inmitten all der Aufmerksamkeit glitt Armstrong an ihn heran. „Er griff meine Schulter, denn er wusste, alle würden gucken. Er wusste auch, dass er jedem zeigen konnte, dass er jetzt der Boss ist. Er stoppte mich und sagte, dass es nicht stimme, was ich sage, dass es schlecht für den Radsport sei, was ich behaupte, dass ich kein Recht habe, Radprofi zu sein und die Tour verlassen solle“, erzählte Bassons später der BBC. Bassons ging. Noch sechs Monate nach seinem Ausstieg litt er unter Depressionen.

Immer deutlicher wird im Verlauf des Interviews Armstrongs Strategie: Er konzentriert sich auf Details, die umstritten oder vielleicht tatsächlich falsch sind, und erweckt so den Eindruck, der Großteil der Beschuldigungen sei ebenfalls mindestens umstritten.

Lance Armstrong offenbarte sich als Virtuose einer Reue-Show. Er lenkte, Oprah Winfrey war selten mehr als Stichwortgeberin. Meist war er gefasst. Er gab nur zu, was schwer zu leugnen war. Also, dass er gedopt und gelogen hatte. Die Verantwortung fürs Teamdopingprogramm lehnte er aber ab.

Winfrey hingegen sagte, sie sei mit dem Interview zufrieden. Armstrongs Anwälte, die ihrem Mandanten offenbar von dem Gespräch abgeraten hatten, durften während der Aufzeichnung nicht mit im Zimmer sein. Am Ende hatten sie laut Winfrey jedoch keine Einwände gegen irgendetwas.

Denn auch über die Machenschaften mit dem Weltradsportverband UCI mochte der Sportler keine Auskunft geben. „Sie haben mich um Geld gebeten“, erläuterte er seine Spende an die UCI. Niemals habe er sich mit dieser Spende aber Gefälligkeiten wie die Unterdrückung einer verdächtigen Probe bei der UCI erkauft. Diesen Verdacht äußerte jedoch die Usada.

Dass Armstrong die Funktionäre in Schutz nahm, selbst wenn er – vor Aufzeichnung des Interviews – schon zugeben musste, dass seine Spende wohl so aussehe, als hätte „Al Capone der Chicagoer Polizei ein paar Autos spendiert“, ist ein Hinweis darauf, dass er es sich mit den noch immer Mächtigen dieses Sports nicht verderben will. Er bezichtigte nur sich selbst. Die mutmaßlichen Komplizen ließ er aus.

Er zögerte auch, sich zu seiner Rolle als Doping-Leader zu bekennen. „Ich habe niemanden direkt zum Doping aufgefordert“, sagte er. Hintergrund dieser Aussage dürfte sein, dass Armstrong vermeiden möchte, als Dopingorganisator und Händler mit verbotenen Substanzen zu erscheinen. Solch ein Delikt kann mit Gefängnis bestraft werden. In der amerikanischen Öffentlichkeit steht ein Dopingdealer in der Nähe eines Drogendealers. Nach Hinweis von Winfrey auf Zeugen, die das Dopingsystem von Armstrong & Co. als „mafiaähnlich“ charakterisiert hatten, bequemte er sich lediglich zu der Aussage, er habe ein schlechtes Vorbild abgegeben. Das ist ein dürftiges Eingeständnis.

Seine Kontrolle verlor Armstrong nur in wenigen Momenten des Interviews. Der bemerkenswerteste ereignete sich, als Winfrey ihn fragte, ob er das Gesprächsangebot der Usada mit seinem heutigen Wissen wieder ablehnen würde. „Ich würde um drei Tage Zeit bitten, mit meiner Frau, meiner Familie sprechen, mit meinen Sponsoren und der Stiftung“, sagte er – und das erste Mal schienen seine Augen kurz davor, feucht zu werden.

Bei den Mitarbeitern seiner Stiftung „Livestrong“ hatte sich Armstrong nur wenige Stunden vor dem Interview entschuldigt. Sie reagierten auf seine Worte, wie auch auf das Interview, mit einer knappen Mitteilung. Lance, hieß es dort, sei zwar nicht mehr Mitglied des Vorstandes, werde aber immer Gründer der Stiftung bleiben. „Wir werden ihm immer dankbar sein dafür, dass er eine Stiftung gegründet und aufgebaut hat, die Millionen Krebspatienten helfen konnte.“

Ob es sich bei Armstrongs Reaktion um authentische Gemütsbewegung handelte oder doch nur um eine Show, bleibt fraglich. Als einen der „talentiertesten Schauspieler außerhalb Hollywoods“, bezeichnete die Journalistin Bonnie Ford, die Armstrong seit mehr als einer Dekade begleitet, ihren Landsmann. Ford kennt Armstrong besser als die meisten anderen Journalisten. Für ihre Einschätzung spricht: Talentproben dieser Art gab Armstrong auch als Rennfahrer ab. Die bekannteste stammt aus dem Jahre 2001.

Vor dem Anstieg nach L’Alpe d’Huez grimassierte der sonst so roboterhafte Fahrer. Zuckungen gingen durch seinen Rücken. „Armstrong en difficulté“ (Armstrong in Schwierigkeit) kommentierte das französische Fernsehen. „Ich glaubte diesem Kino nicht. Aber was konnten wir anderes machen als zu versuchen zu attackieren?“, schilderte Jan Ullrichs damaliger sportlicher Leiter Rudy Pevenage die Situation. Die Telekom-Fahrer beschleunigten. Armstrong folgte, wirkte aber weiter angeschlagen. Am Fuß von L’Alpe d’Huez jedoch attackierte er. Er trat einmal an, drehte sich dann um und maß den überrumpelten Ullrich mit einem Blick, der als „The Look“ in die Radsportgeschichte eingehen sollte.

Von der Hilflosigkeit seines Opfers überzeugt, trat Armstrong ein weiteres Mal an. „Als wir gesehen haben, wie Armstrong attackierte, haben wir jeden Glauben verloren“, sagte Ullrich-Helfer Udo Bölts später. Und Armstrong? Er gab seine Schauspielnummer zu. „ Ich habe Poker gespielt mit Team Telekom.“ Wer sagt, dass er dieses Mal nicht auch eine Pokerrunde mit Fernsehkameras bestritt? Ob er damit erneut erfolgreich ist, steht auf einem anderen Blatt.

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