Zeitung Heute : "Die richtigen Antworten kommen aus Europa"

ist Autor des Weltbestsellers "Das Ende der Arbeit

TAGESSPIEGEL: 1995 haben Sie in Ihrem vielbeachteten Buch das Ende der Arbeit vorausgesagt.Seitdem sind in den USA 7,5 Millionen neue Jobs entstanden.Alan Greenspan befürchtet jetzt eine Arbeitskräfteknappheit.Würden Sie Ihr Buch heute neu schreiben?

RIFKIN: Nein, ich würde nur fünf Seiten dazu schreiben.Die tatsächliche Arbeitslosigkeit in den USA ist viel höher als die ausgewiesenen 4,3 Prozent: Die entmutigten Langzeitarbeitslosen sind aus der Statistik rausgefallen, ebenso wie die rund 1,5 Millionen, die in den Gefängnissen sitzen.Viele, die Arbeit haben, sind nur geringfügig beschäftigt und nicht in festen Arbeitsverhältnissen.Der Wirtschaftsaufschwung wird wesentlich durch Konsum getragen, der mit Hilfe von Kreditkarten, also auf Pump finanziert wird.

TAGESSPIEGEL: Als Jobkiller Nummer 1 nennen Sie technischen Fortschritt und Automation.Diese Angst besteht seit der industriellen Revolution vor 200 Jahren.Dennoch sind seitdem immer neue Arbeitsplätze entstanden.Warum sollte das künftig anders sein?

RIFKIN: Die Massenbeschäftigung in der Industrie wird weiter schwinden.Neue Jobs entstehen zwar, aber es werden entweder hochspezialisierte Elite-Jobs oder Dienstleistungsjobs sein, für die Manager dann nach dem Motto Just-in-time am liebsten billige und nur temporär Beschäftigte einsetzen.Niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte waren so wenige Arbeitskräfte nötig, um die für die Weltbevölkerung notwendigen Produkte und Dienstleistungen zu erbringen.

TAGESSPIEGEL: In Ihren Szenarien gehen Sie von der These aus, die Bedürfnisse der Menschen seien bald alle gesättigt.Ist diese Grenze angesichts der weltweiten Armut realistisch und wo liegen bei den Wohlhabenden die Sättigungsgrenzen, wenn es um Reisen, Kulturgenuß oder Gesundheit geht?

RIFKIN: Auf kulturellem Gebiet sehe auch ich keine Grenzen.Das generelle Problem liegt aber darin, daß die vielen Bedürfnisse nicht mit ausreichender Kaufkraft ausgestattet sind.Das Ergebnis: Wir haben heute und auch in Zukunft fast überall ein Überangebot und eine ungenügende Nachfrage.Für mich ist die Schlüsselfrage, wie man die Früchte des wirtschaftlichen Fortschritts richtig verteilt.Der Kapitalismus ist die erfolgreichste Quelle für Kreativität und Innovation bei der Herstellung von Gütern.Aber es gibt keine brauchbaren Antworten für die vernünftige Verteilung von Wohlstand.Hier versagt die "unsichtbare Hand" des Marktes.Deshalb ist ein neuer Gesellschaftsvertrag nötig, um die Erträge der Arbeit gerechter zugänglich zu machen.

TAGESSPIEGEL: Wer sind die Gewinner und Verlierer des von Ihnen skizzierten Trends einer Welt ohne Arbeit?

RIFKIN: Wenn es so weiterläuft wie bisher, dann wird die Einkommensschere sich immer weiter öffnen.Das Ergebnis: Wenige, die dann noch Arbeit haben und gut bezahlt sind, und die vielen anderen, die keine ausreichende Arbeit und kein Geld haben.

TAGESSPIEGEL: Wo liegt der Ausweg aus dem düsteren Szenario? Was ist Ihr "dritter Weg", die sogenannte postmarktwirtschaftliche Gesellschaft und wie kommt man dorthin?

RIFKIN: Ich sehe zwei Wege aus dem Dilemma: So wie in Frankreich und Italien versucht, geht es um eine deutliche Arbeitszeitverkürzung bei gleichbleibenden Löhnen.Ich bin sicher, daß in 10 Jahren überall in Europa die 35-Stunden-Woche und in 15 Jahren die 30-Stunden-Woche gelten werden.Gleichzeitig werden künftig immer mehr Beschäftigte bei Leiharbeitsfirmen quasi als Söldner angestellt sein.Diese "Zwischen-Arbeitgeber" gewährleisten auch die soziale Absicherung ihrer "Soldaten", zahlen Alters- und Krankenversicherungsbeiträge und sorgen durch regelmäßige Vorschuß-Zahlungen für stabile Einkommensverhältnisse in einer zunehmend flexiblen Arbeitswelt.Noch wichtiger ist der von mir so genannte dritte Sektor.Das ist einmal der große und am wenigsten organisierte Sektor der ehrenamtlichen Tätigkeiten in Vereinen, Kirchen und in der Familie.Das sind vor allem auch kulturelle Leistungen.In wenigen Fällen ist hier heute Geld der wahre Lohn.Dieser Sektor ist im Grunde die Basis für jede erfolgreiche Wirtschaft und Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.Hier möchte ich eine Art "Sozialwährung" einführen, mit der die Menschen für ihren Einsatz an Zeit honoriert werden.das wäre ein Schritt in die Richtung, Wirtschaft in ihrem gesellschaftlichen Kontext neu zu definieren.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie einen speziellen Rat für die noch junge deutsche Bundesregierung, wie sie die hartnäckig hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland herunterbringen kann?

RIFKIN: Was Deutschland jetzt tut, beeinflußt nicht nur Europa, sondern die ganze Welt.Gerade die anhaltend großen Probleme mit der Arbeitslosigkeit dort eröffnen die Chance, über die Zukunft der Arbeit wirklich neu nachzudenken und einen modellhaften Entwurf zur künftigen Organisation der Arbeitswelt zu entwickeln.Vielleicht ist es jetzt Zeit für eine kühne neue soziale Vision.Ich glaube, daß die richtigen Antworten aus Europa und nicht - wie viele Europäer glauben - aus Amerika kommen.Meines Erachtens sind hier viele Beobachter geblendet durch die kurzfristigen Erfolge einer im Grunde kranken Wirtschaft.Sie sehen die Gefahren nicht, die aus einer "kreditkartenfinanzierten" Konsumwelle, einer negativen Sparrate, einem überreizten Aktienmarkt und den Wirkungen der aktuellen Weltwirtschaftskrise ausgehen.Wenn das US-Modell die Brücke zum 21.Jahrhundert ist, dann sollten wir sie nicht beschreiten.

Das Interview führten Tagesspiegel-Herausgeber Heik Afheldt und Yvonne Esterhazy, Handelsblatt-Korrespondentin in Washington

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