Zeitung Heute : Die Ruhe vor dem großen Sturm

ANNE-KATHREIN TEUBNER

Auf den Malediven soll die Zahl der Gästebetten in den kommenden zehn Jahren verdoppelt werdenVON ANNE-KATHREIN TEUBNER

Ahmed stand im Foyer eines Frankfurter Hotels und beobachtete, wie sich eine Tür öffnete und Menschen hineingingen.Nach ein paar Minuten öffnete sich diese Tür erneut, aber die Menschen waren verschwunden.Als ihn sein Gastgeber aufforderte, ebenfalls einzutreten, wehrte sich Ahmed mit Händen und Füßen.Das ist ein paar Jahre her.An die Maultaschen und Spätzle der schwäbischen Schwiegermutter hat sich der Maledivier längst gewöhnt.Aber bis heute weigert er sich, einen Aufzug zu betreten, erzählt Sylvia, seine Frau.Das Gespräch findet vor dem Dive Shop (Tauchcenter) auf der Touristeninsel Lohifushi statt, wo Ahmed als Tauchlehrer arbeitet.Er stammt von einer Insel im tiefsten Süden des Archipels, eine mehrtägige Schiffsreise von Lohifushi entfernt.Während wir uns unterhalten, liegt Ahmed entspannt auf der "Udhoali", der geräumigen, maledivischen Hängeschaukel, im Schatten eines üppigen Tropenbaums, den sechsjährigen Filius neben sich.Das Meerwasser hat Ahmeds dunkles Deckhaar so stark gebleicht, daß man meinen könnte, er habe es blondiert.Sylvia ist eigentlich Krankenschwester von Beruf.Vor acht Jahren unternahm sie eine Weltreise und blieb auf den Inseln im Indischen Ozean hängen.Nun arbeitet sie im Tauchshop und ist eine der wenigen Frauen, die - abgesehen von ausländischen Reiseleiterinnen - in der maledivischen Tourismusindustrie einen Job haben.Auf den Hotelinseln des islamischen Staates arbeiten ausschließlich Männer.So will es die Regierung.Vorbei sind die Zeiten, als ausländische Besucher sich noch bei den "Locals" auf den Inseln einquartierten.Heute dürfen sie ausschließlich in offiziell registrierten Unterkünften wohnen: bis auf die Hotels in der Hauptstadt Malé, also nur auf den Touristeninseln.Innerhalb eines Vierteljahrhunderts wurden 74 unbewohnte Inseln für den Tourismus erschlossen.1997 wird mit 350000 Gästen gerechnet.1972, als die weiße Industrie noch in den Kinderschuhen steckte, kamen etwa tausend. Bis auf die 2,2 Kilometer lange und maximal 500 Meter breite und große Insel Kuramathi, mit drei Hotelanlagen das größte Ressort, wurde jede dieser Inseln nur mit einem Hotel bebaut.In den kommenden zehn Jahren soll auf weiteren 14 unbewohnten Inseln die Zahl der Gästebetten von derzeit 11400 verdoppelt werden. Von den 199 bewohnten Inseln können einige von Ausländern besucht werden, meist in organisierten Ausflügen der Hotels.Beispielsweise Diffushi in unmittelbarer Nachbarschaft der Hotelinsel Meeru: von 908 Bewohnern sind genau 300 zwischen sechs und dreizehn Jahren alt.Genau so viele Schüler werden nämlich von elf Lehrern in der neuen Grundschule unterrichtet.Neu ist auch das kleine Kraftwerk, das die Insel jetzt mit Strom versorgt.Die Bewohner haben es aus eigenen Mitteln finanziert, berichtet stolz Ahmed Zahir, der "Khatib" (Inselchef).Das weißgetünchte Schulhaus mit den dunkelblauen Fensterrahmen und die hübsche, kleine Moschee zählen zu den wenigen Gebäuden der Insel mit Fensterscheiben.Verglaste Fenster können sich nur die Wohlhabenden leisten.Von der Moschee sind es nur noch wenige Schritte bis zum anderen Ende des 110 Meter breiten und 250 Meter langen Eilands.Buntgekleidete Kinder sitzen vor den eingeschossigen, aus Korallenbruch und Zement gebauten, kleinen Wohnhäusern unter hohen Kokospalmen.Angst vor neugierigen Blicken scheint den Malediviern fremd zu sein.Von der Straße sieht man durch beinahe unmöblierte Räume bis in die Hinterhöfe, wo Rauch vom Holzkohlengrill aufsteigt.Der "Khatib" führt uns zur kleinen Werft, wo noch die traditionellen Holzboote, die "Dhonis", gebaut werden.Hier holt uns ein Mann mit einem Karren voller Kokosnüsse ein und schlägt jedem mit der Machete eine "Kurumba" auf.Der traditionelle Willkommenstrunk ist eine köstliche Erfrischung.Kurz vor Sonnenuntergang hat sich das halbe Dorf am Strand versammelt, um den heimgekehrten Fischkutter zu empfangen.Männer, Frauen und Kinder stehen im Halbkreis um den auf dem Strand ausgebreiteten Fang.Alles spielt sich ganz gelassen und ohne großes Palaver ab.Was hatte Sylvia gesagt? "Ich habe hier noch nie einen lauten Streit erlebt, geschweige denn, daß es zu Handgreiflichkeiten gekommen wäre!" Ein friedfertiges Volk sind sie, die Maledivier! Daß sich der Archipel zu einem der begehrtesten Ziele im Indischen Ozean entwickelte, liegt sicher nicht nur an der Schönheit der Inseln und ihrer farbenprächtigen, vielfältigen Unterwasserwelt.Schon in den ersten Tagen waren wir uns einig: So ausnahmslos freundliche Menschen, wie die Maledivier, trafen wir bisher selten.Vielleicht ist die von manchen kritisierte Strategie des "Enklaven-Tourismus" doch eine weise Entscheidung, hat sie doch das soziale und kulturelle Leben der Einheimischen vor negativen Einflüssen wie anderswo bisher weitgehend bewahrt.Ein weiterer Grund für die "Ghettoisierung " der Urlauber dürften allerdings auch die politischen Realitäten sein.Neben dem allmächtigen Präsidenten bestimmen auch wenige reiche Familien die Geschicke des Landes.Politische Parteien gibt es nicht. Im Wasserflugzeug unterwegs nach Veligandu, einer Touristeninsel am östlichen Außenriff des kleinen Rashu-Atolls: Aus der Vogelperspektive erleben wir die Schönheit des Archipels in seiner ganzen Fülle.Mal kreisrund, oval oder sichelförmig, mal langgestreckt wie eine Schlange ragen die Inseln aus dem tiefblauen Ozean.Immer das gleiche Muster: um das Grün der Kokospalmen glitzert schneeweißer Strand, geht über in türkisfarbenes, kristallklares Wasser, durch das Korallenbänke schimmern.Strahlendweiß hebt sich eine weitläufige Sandbank aus der grünblauen Lagune vor Veligandu ab.In der Landessprache "Dihevi" bedeutet der Name des 600 mal 200 Meter großen Eilands schlicht Sandbank.Unter Kokospalmen verstecken sich kleine, aus Korallenkalk errichtete Bungalows.(Heute darf nicht mehr mit Korallenbruch gebaut werden.) Der Clou sind auf Pfählen im Meer errichtete Häuschen mit Blick auf das Leben im Wasser. Ein Sonderfall in jeglicher Hinsicht ist Malé.Mit der rasanten Entwicklung des Tourismus hat sich die Zahl der Einwohner der Hauptstadt, die eine ganze Insel einnimmt (das ist einzigartig auf der Welt!) innerhalb zweier Jahrzehnte von 16000 auf 70000 erhöht.Das ist beinahe ein Drittel der gesamten Bevölkerung, die auf etwa 250000 geschätzt wird.Weil das knapp zwei Quadratkilometer große Eiland aus allen Nähten platzt, wird in jüngster Zeit in die Höhe gebaut.Für Malé gilt das Gesetz, daß kein Gebäude höher sein darf als eine Palme.Von Malé aus wird nicht nur regiert.Hier ist auch der Sitz der Banken und Unternehmen, hier gibt es auch das neue große Ghandi-Hospital, Geschäfte, eine große Fischhalle und den quirligen Gemüsemarkt.Durch das Verkehrsgewühl quälen sich neben Lastwagen und Mopeds nahezu alle Privatwagen, die es im Staate gibt.Vom Boot aus sind schon von weitem die vergoldeten Kuppeln des Minaretts und der riesigen, neuen Moschee im Islamischen Zentrum zu sehen, einem Geschenk islamischer Bruderstaaten.In den Resten eines alten Sultanspalastes ist das Nationalmuseum untergebracht.Zu den wichtigsten Exponaten aus der frühen Geschichte der Malediven, die weitgehend im dunkeln liegt, da die maledivische Geschichtsschreibung erst nach der Islamisierung Mitte des 13.Jahrhunderts begann, zählen das steinerne Haupt eines Buddhas und Reliefs in Korallengestein aus der hinduistischen Epoche, die um etwa 1500 vor Christus begonnen haben soll.TIPS FÜR DIE MALEDIVEN - Allgemeines: Der maledivische Archipel erstreckt sich zwischen Nord und Süd über etwa 760 Kilometer im Indischen Ozean.Die Regierung gibt die Zahl der Inseln und Inselchen, die zum 90 000 Quadratkilometer (davon etwa 300 Quadratkilometer Landfläche) großen Territorium des Staates zählen, mit 1190 an.Davon sind 199 Inseln bewohnt und weitere 74 für den Tourismus erschlossen.Geographisch verteilen sich die Inseln auf 14 Atolle, die wiederum in 19 administrative Atoll-Regionen gegliedert sind. - Staatsform: Präsidiale Republik.Seit 1978 übt Maumoon Abdul Gayoom das Amt des Präsidenten aus.Der Islam ist Staatsreligion.Die Maledivier gehören ausschließlich der sunnitischen Glaubensrichtung an. - Einreise: Deutsche Staatsbürger benötigen einen Reisepaß, der bei der Einreise noch mindestens sechs Monate gültig sein muß.Das Touristenvisum ist kostenfrei und gilt für 30 Tage.Kinder benötigen einen Kinderausweis mit Foto. - Reisezeit/Klima: Ganzjährig.Durch die Nähe zum Äquator liegen die durchschnittlichen Tagestemperaturen bei 28 Grad Celsius.Nachts kühlt es nur um wenige Grade ab.Die Wassertemperaturen betragen ziemlich konstant 28 bis 29 Grad Celsius.Die hohe Luftfeuchtigkeit von etwa 80 Prozent wird durch ständig wehende Winde ausgeglichen.Nur während des Monsunwechsels im April/Mai sowie November/Dezember kann es sehr schwül werden.Als ideale Reisezeit für Taucher gelten die Monate Januar bis April. - Geld: Die einheimische Währung ist die Rufiyaa (MRf), die sich in 100 Lari aufteilt (eine Mark zirka sieben MRf).Ein- und Ausfuhr von Rufiyaa ist verboten.Auf den Hotelinseln wird meistens in US-Dollar bezahlt.Gängige Kreditkarten werden akzeptiert. - Sprache: Landessprache ist das Dihevi.Viele Maledivier sprechen Englisch, das auch als Amts- und Geschäftssprache sowie als Umgangssprache auf den Touristeninseln gebraucht wird. - Gesundheit: Impfungen sind bei der Einreise aus Europa nicht erforderlich.Die Malediven sind malariafrei.Da es nur in Malé eine Apotheke gibt, sollten benötigte Medikamente in ausreichender Menge mitgebracht werden.Für die Einfuhr rezeptpflichtiger Medikamente verlangt der Zoll bei der Einreise bisweilen das ärztliche Rezept, beziehungsweise eine Kopie davon.Der Abschluß einer Auslandreisekrankenversicherung wird empfohlen.Tauchsportler sollten zusätzlich gegen Tauchunfälle versichert sein.Auf der Insel Bandos gibt es eine Dekompressionskammer und einen Taucharzt. - Von Insel zu Insel: Die Hotels organisieren Ausflüge zu den bewohnten Inseln per Schiff oder mit Wasserflugzeugen.Einige Veranstalter offerieren Insel-Kombinationsprogramme.Ein öffentliches Transportsystem per Schiff und nach Fahrplan gibt es nicht. - Literatur: Goldstadt-Reiseführer Malediven 29,80 Mark; Marco Polo Malediven 12,80 DM. - Veranstalter: Maledivenspezialist für Tauchkreuzfahrten und Tauchreisen ist der Rosenheimer Spezialveranstalter ORCA-Reisen.Infos: Orca-Tauchreisen GmbH, Steinböckstraße 4, 83022 Rosenheim, Telefon: 0 80 31 / 1 88 50. ITS offeriert den zweiwöchigen Urlaub auf den Malediven ab 1869 Mark, bei Neckermann kostet die 16tägige Malediven-Reise ab 2398 Mark.Neckermann bietet achttägige Kreuzfahrten durch die Inselwelt ab/ bis Malé, ITS auch Kombinationen mit einer Rundreise durch Sri Lanka. - Auskünfte: Informationsbüro Malediven, Immanuel-Kant-Straße 16, 61350 Bad Homburg; Telefon: 061 72 / 86 78 33. © 1997 Verlag DER TAGESSPIEGEL

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