Zeitung Heute : Die Sache mit der Scholle

Der Traum vom Glück im grünen Winkel. Kulturkritik als Witz

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Foto: Promo Goldmann
Foto: Promo Goldmann

Eigenheim, Glück allein! My home is my castle! Der Traum von den eigenen vier Wänden mit dem Spitzdach oben drauf – wer will das? Wer braucht das? Der Autor von „Meine Frau will einen Garten“ offenbar nicht. Gerhard Matzig, Architekturkritiker und Leiter der Wochenendbeilage der „Süddeutschen Zeitung“, erinnert seine elterliche grüne Reihenhaus-Vorstadt-Hölle zu genau, um für den Traum vom Grün am Stadtrand seine Altbaumietwohnung mit Stuck und zugigen Fenstern jemals aufgeben zu wollen. Doch seine Frau will einen Garten.

Gärten (außer Schrebergärten) kommen selten allein, also muss notgedrungen auch ein Haus her. Matzig, der von Berufs wegen weiß, worüber Tom Wolfe vor fast dreißig Jahren in seinem berühmten Essay „From Bauhaus to our House“ schon schrieb, dass nämlich die moderne Architektur Stoff für Komödie wie intellektuelle Begeisterung bietet, scheut den Hausbau wie der Teufel das Weihwasser. Insbesondere da gewisse finanzielle Beschränkungen noch dazu in der immobilienmäßig teuersten deutschen Stadt ihm Eskapaden im Großformat nicht gestatten.

Aus biografischen Gründen sitzt ihm auch die Werbung einer Bausparkasse im Nacken, die den Eigenheimbesitz ironisch als ebenso sicher wie spießig verkauft und in der ein Kind den unnachahmlichen Satz spricht: Wenn ich groß bin, möchte ich Spießer werden. Spitzdach ist besser als Bauhütte/Wohnwagen, klar. Freilich unterschlagen alle Appelle an die Eigenheimfantasien regelmäßig, dass Hausbesitz eben nicht nur Freude ohne Ende bedeutet. Hypotheken müssen mehrere Dekaden bedient werden, Pfusch am Bau durch mehrere Instanzen eingeklagt werden.

Es gibt Dokuserien im Fernsehen, die sich nur mit Bausünden und den aufreibenden juristischen Nachspielen von Schimmel und falschem Beton beschäftigen. Und haben nicht schließlich Fanny May und Freddy Mac mit ihrer immerwährenden Bedienung des Traums vom eigenen Heim uns die zweitgrößte Krise aller Zeiten eingebrockt?

Matzig wehrt sich, aber seine Frau, die Nestbauerin und Mutter seiner drei jungen Kinder, will eben ihren Garten. Es nützt dem Architekturkenner und -kritiker gar nichts, dass er das Einfamilienhaus als „größte Lebenslüge der Welt“ definiert, zu groß, zu weit weg von allem, und eh die Bauherren sich versehen, sind auch die Kinder, um derentwillen sie sich das ganze Abenteuer am Stadtrand zugemutet haben, aus dem Haus.

Etwa 150 Seiten hält der Innenstadt-/Altbaufan seine Abwehr auf aberwitzig komischem Niveau durch, dann verfällt auch er, als er das Modell seines Hauses in den Händen hält, der Besitzereuphorie. „Unser Haus“, jubelt es in ihm. So wie er schon angesichts seines Problemgrundstücks Schollengefühle empfand, so haben Frau und Architektin, die durchgängig generisch die „Gräuliche“ genannt wird, streng, kompetent, bauhäuslich irgendwie, ihn gemeinsam weich gekocht. Das Problemgrundstück, das Matzig schließlich mit seiner gartenseligen Frau erwirbt, ist sehr klein, eingeklemmt zwischen einem Mehrfamilien- und einem Einfamilienhaus, so klein und grün, dass er es zunächst zu finden Mühe hat. Zwölf Meter breit und fünfzig Meter lang. „Eine Parzelle, wie geschaffen, um 50-Meter-Sprints zu üben.“ 600 qm insgesamt, eine winzige grüne Hölle, das perfekte eigene Grün.

Doch wiewohl „es so hübsch eingewachsen ist, so wild romantisch und verwahrlost“, wenn ein Haus auf dieses winzige Tortenstück in den Vororten soll, dann muss der Bauherr erst mal das ganze Grün beseitigen. „Der Bagger kommt sonst nicht durch.“ Matzig veranstaltet sein ganz eigenes Kettensägenmassaker und macht dabei gleich die Baumarktphilosophie und die Vorortneurose mit fertig.

„Im Grunde ist der Baumarkt eine Therapieform der modernen Gesellschaft. Man sollte die Rechnungen über Akkuschrauber und Isolierband bei der Krankenkasse einreichen.“

Das ist Matzigs Trick: Vordergründig tut er so, als ob er ein launiges Büchlein schreibt, so eine Art männliche Emma Bombeck oder Lake Wobegons Garrison Keilor, doch darunter lauert stets eine böse kleine Kulturkritik. Alle Gruppierungen sind ihm suspekt. Als Kurzgeschädigter eines WG-Experiments diagnostizierte er Baugruppen (BG) als „Fortsetzung der Kommune I mit baulichen statt mit politischen Mitteln“, als Gruppen, die zwar nicht Klo und Kühlschrank, aber für seinen Geschmack doch immer noch zu viel teilen, wie etwa „vielleicht ein kleines Arsenal an verblassten Pace-Fähnchen, die man vors Haus hängt, falls die Nato mal vorbeischaut“.

Ikea, wo Möbel Vornamen tragen, das Tchibo-Tischset-Trauma wie Design Freaks erleben durch Matzig eine bösartige Würdigung. Schnäppchenjäger sind eine andere Spezies der Geiz-ist-geil-Gesellschaft, die ihr Fett abkriegen, allzumal er mit seinem Problemgrundstück angeblich ein „Schnäppchen“ gemacht habe. Schnäppchen, konstatiert Matzig trocken, „lösen angeblich einen Schub Dopamin im Gehirn aus – und damit auch einen Handlungsimpuls“.

In seinem Fall endet der Impuls im Kauf, obwohl das Haus nicht breiter als 5 Meter 50 sein darf. So behauptet der Makler. Der Hürdenlauf durch die Ämter liegt da noch vor dem dompamingesteuerten Architekturkritiker.

Im Ende kommen nur 4 Meter 78 heraus und nach zähem Ringen mit der Lokalbaukommission (LBK) zwei Zentimeter mehr. Damit wird sein Haus „exakt zwei Millimeter breiter sein als ein Porsche Cayenne lang ist“.

Am suspektesten aber bleiben Matzig die Vororte an sich. „Ich komme vom Land und wollte immer nur in die Stadt, denn ich bin entlang einer Wiese und einiger Felder in die Schule gegangen. … Und nun wiederholt sich das Ganze sozusagen in zweiter Generation. Als läge dazwischen nicht die heroische Flucht vom Land in die Stadt. Der Treck in die Zivilisation. Der Zug in die Zukunft.“ Doch was hilft’s , die Frau will weniger Getümmel.

Indes scheint nur ihr Mann zu wissen, dass in der Stille der Vororte hinter jeder Gardine ein Nachbar steht, der wissen will, was jetzt läuft. Das Leben auf der Bühne gleichsam. „Wenn man am Samstag nicht sein Auto wäscht, den Grill herrichtet, den Rasen mäht, Holz hackt oder mit dem Laubsauger einen Höllenlärm macht, wird man hier nicht für voll genommen.“

Auch wenn die Großstadt mit ihrem Gewimmel so viel anonymer ist, das Haus wird gebaut, es wird bezogen und es wird schwarz. Das schwarze Haus von München, klein, aber nicht zu klein, mit drei Apfelbäumen für die drei Kinder. Und wer weiß, vielleicht studiert mittlerweile das älteste Kind die Immobilienseiten, um nach einer günstigen Altbauwohnung zu suchen, der heroische Zug vom Land in die Stadt wird die Kinder schon wieder rechtzeitig erfassen. Wenn sie groß sind, wollen sie vielleicht keine Spießer werden.

— Gerhard Mat- zig: Meine Frau will einen Garten. Vom Abenteuer ein Haus am Stadtrand zu bauen. 256 Seiten, Goldmann Verlag, 2010, 19,80 Euro, ISBN: 978-3-442-31201-6

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