Zeitung Heute : Die Sache mit Gott

ANDREAS CONRAD

So, jetzt ist es Zeit zu gehen.Die Fragen eiern dahin, gleiten ab in routinierte Langeweile."Welches war Ihr wichtigster Film?" Mein Gott! Daraus Funken zu schlagen, muß selbst einer Erzkomödiantin Mühe bereiten.Nein, Schluß jetzt.Es wäre doch ein Jammer, den Eindruck der ersten 45 Minuten zu verwässern.Pressekonferenz? Von wegen.Eine Galavorstellung von Shirley MacLaine, nur für uns allein im Konferenzraum des Interconti.Ein Feuerwerk voller Witz, Weisheit und Koketterie, ein Pingpong-Spiel der Pointen, Anspielungen, Anekdoten, unter Einsatz aller Kräfte, über die eine wie Shirley verfügt.

Jockel Tschiersch, der sich selbst als stand up comedian, derzeit im Dienste eines Fernsehsenders, vorstellte und zu wissen begehrte, wie er wohl ein großer Schauspieler würde, könnte da in der Tat noch einiges lernen."Sie müssen sich recken in alle Richtungen" - das bedeutet alles und nichts, paßt jedoch auf so eine hinterlistige Frage wie die Faust aufs Auge.Auch von dieser war dann übrigens noch die Rede.Ja, sie habe vor Jahren wirklich mal einem Reporter eine verpaßt, würde ihm heute eher in die ...nein, das schreiben wir jetzt nicht, wohin Shirley ihm treten würde.Das Risiko ist zu groß.

Kommen wir lieber zur Komödie.Und zur Tragödie.Was aufs selbe hinausläuft."Unter Tränen zu lachen, ist die beste Art, das Leben zu bestehen." Schon als Mädchen habe sie das erkannt, bei Beerdigungen zum Beispiel, da entwickelten viele Menschen einen eigenartigen Humor, rissen sogar Witze.

Auch so eine Pressegala mit Shirley ist wie Komödie und Tragödie zugleich.Alles zu seiner Zeit.Gerade noch hat sie einer jungen Fragestellerin bewundernd versichert, sie sehe aus wie der und der Filmstar.Als das arme Mädel prompt den Faden verlor und der Film, nach dem sie fragen wollte, ihr partout nicht mehr einfiel, setzte Shirley aus dem Handgelenk gleich noch einen drauf: "Oh, You really loved it."

Aber wenig später steht der Ernst des Lebens auf dem Programm, die sinkende Qualität der großen Studioproduktionen, die Bedeutung der Technik in der Gegenwart und nicht zu vergessen: die Sache mit Gott."Toleranz für unterschiedliche Spiritualitäten" wird sie fordern, den religiösen Fundamentalismus streifen, kurz eine Podiumsdiskussion über den Unsinn von Filmsynchronisationen eröffnen und wie beiläufig Anekdoten über Sinatra und Kennedy einstreuen.Wunderbar! Hätte Shirley MacLaine nicht schon ihren Bären bekommen - allein für die gestrige Vorstellung hätte sie ihn verdient.

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