Zeitung Heute : Die Sandburg

Naher Osten, die ewige Diskussion: Israel und seine Siedlungspolitik. Aber wie sieht eigentlich der Alltag der Siedler aus? Sie sitzen auf dem Sofa, schauen „Sex and the City“ – und haben die Pistole unterm Kissen.

Christine-Felice Röhrs

Auch radikale Siedler gucken „Sex and the City“. Shimon Riklin zum Beispiel, der sich bäuchlings aufs Sofa geworfen hat und nun zuschaut, wie sich die Hauptdarstellerin über den Fußboden poppt, auf englisch mit hebräischen Untertiteln. Nitzarit, seine Frau, die selbst zu Hause den Hut der religiösen Siedlerin trägt, rutscht tief in ihren Sessel und lacht. Draußen liegen im Dunkeln die Gärten der Siedlung Maale Mikhmash. Durchs offene Fenster dringt süßer Blütenduft, der Sohn jammert sich leise in den Schlaf, und am klaren Himmel stehen Sterne über den Hügeln von Judäa und Samaria. Das ist die eine Seite des Siedelns. Stille überm biblischen Land, ein Leben, Gott ganz nah. Wo die Wachposten des Nachts Wüstenfüchse beobachten und ihre zierlichen Jungen.

Die andere Seite liegt zehn Kilometer weiter draußen, auf einem Außenposten im Niemandsland, wo Shimon Ben-Dor neben einer Pistole schläft. In die Ritze zwischen Bett und Wand ist sie gerutscht, so dass gerade der Griff noch herausguckt. Chaya, seine Frau, hat auch eine, im Nachttisch, bei der Unterwäsche. Und werden die Hunde draußen plötzlich so still, als hätte ihnen jemand die Kehle durchgeschnitten, dann ist Shimon mit seiner Pistole in vier leisen Sätzen am Fenster. Chaya bringt die Kinder ins „sichere“ Zimmer, in das ohne Fenster, und ruft das Militär an.

Shimon Riklin, der nicht anders kann, als immer neue Außenposten zu gründen, und seine Frau Nitzarit, Shimon Ben-Dor mit der Pistole und seine Frau Chaya, die ihre Kinder in der Wüste aufzieht. Vier, die zum harten Kern einer Bewegung gehören, die Israel dem Bürgerkrieg nahe bringt. Mit bewaffnetem Widerstand drohen die Siedler – laut, polemisch, aggressiv – jedes Mal, wenn in neuen Friedensplänen wieder die Räumung von Siedlungen verlangt wird. Sie stehen im Zentrum einer Geschichte um die Zukunft des Staates. Braucht dieser Staat die Schlafstädte auf der Westbank, inmitten der besetzten Gebiete, diese teils winzigen Kleckse auf den Karten wirklich, um die Grenzen zum Kernland zu verteidigen?

Es ist eine verzwickte Geschichte, in der die Regierung meist dafür und manchmal dagegen votiert. Gerade gab es Meldungen, dass sie die besetzten, an Syrien grenzenden Golanhöhen stärker besiedeln will. Und gleichzeitig sollen 28 illegale Posten geräumt werden. Viele Leute sagen, die Regierung entscheidet sich absichtlich nicht eindeutig. Denn in diesem Durcheinander gedeiht ein Alltag, dem jede Sekunde der Unentschlossenheit hilft. Den die Siedler nutzen, um Fakten zu schaffen.

Und jetzt wird in Maale Mikhmash, in der Siedlung, wo Shimon Riklin abends „Sex and the City“ guckt, wieder gebaut. Sogar an zwei Orten. Wer den Hügel hinaufläuft, auf dem vor 20 Jahren die ersten von heute 220 Häusern errichtet wurden, entlang der Straße, die sich um den Berg nach oben schraubt, der erreicht die Baustelle Nummer Eins. Vor einigen Monaten hatte der fünfköpfige Führungsrat diese Erweiterung innerhalb der Siedlungsgrenzen entschieden. Denn in schlechten Zeiten, sagt Rats-Chef Ascher Hirschberg, ein Mann mit Lachfältchen und graugesprenkeltem Schnurrbart, läuft es bei uns immer am besten. Wenn Bomben die Städte erschüttern, dann flüchten die Menschen aufs Land, sagt er. Als verstünde er nicht, dass die Bomben auch wegen der Siedlungen explodieren, denkt man.

Die Embryosiedlung

Auf der aufgerissenen, ockergelben Erde stehen nun einige Baufahrzeuge, die hügelweise wüstendünnen Dreck zusammengeschoben haben. 30 Häuser entstehen, zweistöckig, viereckig, mit spitzem roten Dach. Aber die Siedlung baut nicht selbst. Wie üblich wurde der Grund einer Baufirma zur Verfügung gestellt, die die Häuser auf eigene Kosten fertig stellt und verkauft. Billig sind sie. Das ist noch ein Grund, warum die Menschen kommen. In Jerusalem, nur 20 Kilometer entfernt, kostet ein Haus 120 000 Euro. Hier 20 000. Für Neusiedler gibt es außerdem günstige Kredite. Und steuerliche Vorteile. Der Kindergarten ist auch umsonst.

Vom Verkaufspreis eines jeden Hauses bekommt die Siedlung 2000 Euro ab. Dieses Geld ist dann für Baustelle Nummer Zwei: für Mitzpe Dani, einmal raus aus der Siedlung und den nächsten Berg rauf. Für den Außenposten, wo die Jungen und Abenteuerlustigen hinziehen. Mitzpe – Aussichtspunkt – heißen viele Außenposten, weil sie aus Sicherheitsgründen auf dem Berg liegen, wie Burgen.

In der Evolution einer Siedlung wäre Mitzpe Dani ein Embryo. Erst die Grundformen sind angelegt. Winzige Blechcontainer, vier Meter mal zwei Meter, stehen schief am steilen Hang, tagsüber muss es darin so heiß sein wie in der Hölle. Ein Bett passt rein, ein Tisch und der Wachhund. Wem das Land gehört? Na, uns, sagt Hirschberg. Also, Israel. Naja, der Militärverwaltung. Aber die hat sich noch nicht beschwert, und das heißt wiederum, dass die Regierung nichts einzuwenden hat gegen die Neubesiedlung.

Zu siedeln bedeutet, Dinge zu vereinfachen. Wem in Israel Land gehört, ist eigentlich eine komplizierte Angelegenheit, und das hat, je nach Vertrauen in die Palästinenser, immer mal wieder auch zu Siedlungsräumungen oder Baustopps geführt. Die Lobby ist jedoch stark. Jigal Allon, ein stellvertretender Ministerpräsident der Arbeitspartei, hatte schon Ende der 60er Jahre einen frühen Plan zur Besiedlung der Westbank vorgelegt. Seit Ariel Scharons Amtsantritt als Premier im Jahr 2001 ist die Zahl der Siedler sogar um 16 Prozent angestiegen, auf etwa 236 000. Und immer mehr Land fiel vom Himmel und wurde zu Staatsland, dass Siedler dann für einen Bruchteil des Wertes kaufen konnten. Staatsland wird automatisch alles, was einige Jahre lang brachliegt. Friedensaktivisten kritisieren, das viel palästinensisches Land zu Staatsland gemacht wurde, indem man die Bauern mit erfundenen Sicherheitszonen von der Bebauung abhielt oder ihnen das Wasser abgrub.

So gibt es mittlerweile rund 160 Siedlungen. Die wiederum unterhalten mehr als 100 Außenposten. Die gelten als illegal, weil sie es nicht für nötig befinden, bei Bau- und Verteidigungsministerium Genehmigungen einzuholen.

Chaya Ben-Dor verlor ihren Mann an das Siedlersein, als er diese Straße entdeckte. Sie führt links ab, an der Straße zwischen Jerusalem und Jericho, windet sich durch Aberhunderte gleichförmiger, kahler Hügel in Serpentinen hinunter zum Flussbecken und wieder hinauf, so steil, dass man meint, in den Himmel aufzufahren. Sie schneidet mitten hinein ins Heilige Land. Eine Lebensader für neue Siedlungen, hatte Chayas Mann Shimon gedacht, der eigentlich Künstler ist und aus Gold und Silber kleine Skulpturen schmiedet. Jetzt ist die Straße Chayas und Shimons Verbindung zur Außenwelt.

Es ist früher Abend, das Licht zwischen den Hügeln wird goldrot, bald ist es dunkel. „Eigentlich zu spät, um hier noch schutzlos herumzufahren“, sagt Chaya und schaltet einen Gang tiefer, um den Jeep durch eine Spitzkehre zu manövrieren. Der Motor heult auf, und auf dem Rücksitz weint Shir, die Kleinste, erschreckt. Was für ein Tag. Shir musste mit Fieber nach Jerusalem zum Arzt, und dann röchelt die Waschmaschine auf einmal und tut gar nichts mehr.

Chaya ist also quer durch die Wüste gefahren, hat die Wäsche von vier Kindern und zwei Erwachsenen bei der Wäscherei abgeliefert, Shir beim Kinderarzt, dann hat sie Ersatzteile für die Waschmaschine besorgt und eingekauft. Und alles wieder retour, fast 120 Kilometer. Eigentlich sollte Chaya auch noch ihre ältere Tochter Keren bei einer Freundin in der nächsten Siedlung abholen und in der übernächsten zum Tanzunterricht fahren. Aber das Auto ist voll mit all der Wäsche in Plastikfolie. „Für Frauen bedeutet Siedeln vor allem Logistik“, sagt Chaya. „Die Männer haben ihre Ideologie, die Frauen haben die Arbeit.“ Es klingt ein bisschen bitter. Früher, bevor Shimon die Straße entdeckte, hat die Familie in der Siedlung Alon gelebt. In Alon findet der Mensch alles, was er braucht, gleich um die Ecke. Sie hatten sogar einen Schaukelstuhl vor der Haustür. Aber Bequemlichkeit ist kein Wert für die Bewohner der Außenposten. Auf sie trifft die normale Vorstellung von Menschen, die ein Heim suchen, nicht zu. Ideologie ersetzt Gemütlichkeit. Es ist eine andere Art von Heimat.

Zehn Minuten später ist Chaya angekommen. Der Jeep rumpelt über eine Staubpiste auf ein Felsplateau und hält vor einer Ansammlung niedriger Häuser. Das ist Mitzpe Chagit, benannt nach einer Freundin von Chaya und Shimon, die starb, als Palästinenser ihr Auto beschossen. Mitzpe Chagit ist mehr als nur ein Ort. An Mitzpe Chagit lässt sich das ganze verworrene Auf und Ab von Besiedlung und Räumung am besten erklären. Unsterblich wie Unkraut scheinen Siedlungen zu sein. Mitzpe Chagit ist vor drei Jahren schon einmal geräumt worden. Heute leben wieder vier Familien hier, zwei Singles und viele Schäferhunde.

In der Evolution einer Siedlung läge dieser Außenposten auf der Stufe zwischen dem embryonalen Containerdorf Mitzpe Dani und der alten Siedlung Maale Mikhmash. 1999 war Shimon Ben-Dor zum ersten Mal hergekommen, mit seinem besten Freund Shimon Riklin, der sozusagen hauptberuflich hilft, neue Außenposten zu gründen. Zwei Monate wohnten sie allein hier oben. Nachts hielten sie Wache, tagsüber haben sie Bewegungsmelder installiert und Kameras und haben ein Haus konstruiert aus zwei im 90-Grad-Winkel aneinander gestellten Wohnmobilen. Der Winkel wurde auch überbaut. Das ist jetzt das Wohnzimmer. Mit Laminatboden. Und dann haben sie eine lange Feldsteinmauer zur Straße hin errichtet. Die schützt die Kinder beim Spielen vor Heckenschützen.

Es blieb noch lange ein Leben mit Plumpsklo. Das Wasser kam aus dem Tank und der Strom vom Generator. Aber gerade vor ein paar Tagen sind die Masten und Leitungen endlich verlegt worden, ein Bagger steht noch an der Zufahrt. Die Siedlerorganisation „Jesha“ zahlt das. Die wiederum bekommt auf Umwegen Gelder auch vom Staat. Mehr als 500 Millionen Euro kosten die Siedlungen Israel im Jahr.

Wie betrunkene Soldaten

Es ist jetzt ganz dunkel draußen, wüstendunkel. Shimon Riklin ist aus Maale Mikhmash zum Abendessen herübergekommen zu seinen Freunden. Sie haben sich nach draußen gesetzt, auf die Stufen vors Haus der Ben-Dors und rauchen. In der Ferne flimmern orange die Lichter von Jerusalem auf. Und daneben, nach und nach, kleiner, schwächer, noch andere Lichter, in einer zittrigen, löchrigen Reihe, wie betrunkene Soldaten, die Laternen hochhalten – Siedlungen. „Ein schützender Ring um Jerusalem wird das“, sagt Shimon Riklin. „Irgendwann wird er fertig sein.“

Die Siedler in dieser Gegend haben eine Menge Langzeitpläne – und in keiner spielt eine Gebietsaufgabe, spielt der Frieden mit den Palästinensern eine Rolle. Die Leerräume in der Wüste zu füllen, ist ein Plan. Die Gebiete rund um arabische Dörfer zu besiedeln, um sie am Wachsen zu hindern, ein zweiter. Wie eine Schlingpflanze ihre Glieder ausstreckt, so soll auf der Westbank ein Netz von Siedlungen entstehen und einen potenziellen Palästinenserstaat schon vorab in Stücke hacken. Es ist eine schleichende Art der Kriegführung. Shimon Ben-Dor sagt: „Wir sind hier, um die Grenze zu Jordanien zu verbreitern. Wenn wir dieses Areal verlieren, dann gibt es ein sehr starkes arabisches Land, das im Irak beginnt und ganz unmittelbar, ohne Puffer, bis an die Grenze des Kernlandes reicht.“

Shimon Riklin und Shimon Ben-Dor glauben Scharon nicht, wenn er sagt, er wolle jetzt Außenposten räumen. Chaya Ben-Dor hat Angst davor. Sie sagt es erst, als sie reingeht, um den Kindern das Abendbrot zu machen und die Männer sie nicht mehr hören. Sie deckt den Tisch und erzählt von jenem Abend im November 2000, als Yossi Vardi, Stabschef von Premier Barak, vor der Tür stand und sagte, sie seien illegal hier und in einer Woche müssten sie weg. Als sie sich unter der rechten, siedlerfreundlichen Regierung von Bibi Netanyahu niedergelassen hatten, sei alles in Ordnung gewesen, sagt Chaya. Vielleicht meint sie auch, dass keiner je nach ihrer Berechtigung gefragt hat. Dann aber kam Barak an die Macht und entschied, den Palästinensern entgegen zu kommen und zumindest ein paar Stellungen zu räumen. „Es war die größte Katastrophe meines Lebens“, sagt Chaya. „Wo sollten wir hin, in einer Woche? Sie bezahlten nicht einmal die Möbelpacker.“

Was Asher Hirschberg, der Bürgermeister von Maale Mikhmash, was Shimon Ben-Dor und Shimon Riklin nicht erzählt haben: Nach einer Umfrage der Friedensbewegung „Peace Now“ wären mehr als 70 Prozent der Siedler bereit, zurück ins Kernland zu ziehen, wenn die Regierung das beschließt. Aber weil auf der Westbank immer weiter gebaut wird und die Zuwanderung nach Israel rückläufig ist, gibt’s hier ein Überangebot an Wohnraum. So sind die Häuser rückkehrwilliger Siedler nahezu unverkäuflich.

Chaya ist hinausgegangen und holt die Kinder zum Essen. „Shir, mach mal kuckuck“, ruft sie übers Plateau. Die Kinder wissen, dass ihre Mutter sie entweder hören oder sehen können muss, beim Spielen. „Kikeriki“, schreit Shir zurück.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar