Zeitung Heute : Die Sanierung der Heckmann Höfe soll im Sommer abgeschlossen sein

Harald Olkus

Die goldene Kuppel und der gläserne Anbau der Synagoge in der Oranienburger Straße lugen über die Dächer der Heckmann Höfe. Das Vorderhaus des Gebäudeensembles mit dem Café Orange ist noch eingerüstet - von der Oranienburger Straße aus scheinen die Höfe eine einzige Baustelle zu sein. Doch jenseits des staubigen Durchgangs aus Planen erwartet den Besucher ein restaurierter Innenhof mit flachen und bereits sanierten historischen Gebäuden. Zur Zeit der Industrialisierung entwarfen die Ingenieure der Firma Heckmann hier Pläne für Metallverarbeitungsmaschinen und chemische Apparate. Ein Ort für Handwerk sind die Höfe geblieben und ein Ort für Design sind sie geworden. Denn in den niedrigen Schuppen- und Werkstattgebäuden rund um den kopfsteingepflasterten Hof haben sich Restaurants, eine Hutmacherin, Modelabels, ein Friseur sowie Läden für Designermöbel und Vinylplatten niedergelassen.

Diese Mischung ist allerdings nicht das Ergebnis einer ausgeklügelten Marketingstrategie, die sich nach Zielgruppen und Besucherstrukturen im trendigen Bezirk richtet, sondern eher Zufall. Ein Teil der Mieter entstammt der Hausbesetzerszene und hatte von der in Wendezeiten zuständigen Wohnungsverwaltung Mitte Mietverträge erhalten. Im benachbarten "Zosch", einer Kneipe in der Tucholskystraße, wird die schwarz-rote Gesinnung auch heute noch hochgehalten. Auf einem Schild an der Fassade präsentieren sich die Besetzer ironisch als letzte Vertreter einer aussterbenden Spezies und spotten über die neue Geschäftigkeit.

In den Heckmann Höfen hat sich eben jenes Neue Berlin etabliert: Christine Birkle verkauft in ihrem Laden "Hut up" eigene Kreationen aus Wolle, Seide, Windelstoffen und selbst gewalktem Filz. Im "Ruby" gibt es kühle Möbel und Wohnaccessoires für die frisch sanierten Eigentumswohnungen und ausgebauten Dachgeschosse in Mitte. Und im ehemaligen Werkstattgebäude bei "Sterling Gold" werden Kleider und Kostüme aus dem vergangenen Jahrhundert nach Vorbildern aus Marlene Dietrichs bis Queen Mums Kleiderschrank geschneidert. Um Mode geht es auch bei "Nix". Dort, so schreibt "Brigitte", "rattern überm Ladenraum Maschinen und schaffen wildes, scharfes Zeug für Urban People, die gern ausgehen und die sich gern unterscheiden". Und in der Remise, einem kleinen Backsteingebäude, das einmal ein Kutschenhaus oder ein Pferdestall gewesen sein könnte, kocht im "McBrides" der Sohn von Restaurantkritiker Siebeck. Gegenüber schließlich schneidet Coiffeur Civan kunstvoll Haare. Der frühere Mitarbeiter von Udo Walz hat im vergangenen Jahr den "Walk of Fashion" initiiert, bei dem 80 Models die Kreationen von acht jungen Berliner Designern auf den Straßen rund um die Heckmann Höfe präsentierten. In diesem Jahr soll das Defilee mit 250 Models noch größer ausfallen.

Als Mieter kommen in den nächsten Monaten noch Deutschlands einzige Bonbon-Manufaktur, ein Kunst-Buchladen und eine weitere Modeboutique hinzu, denn bis Ende Juni soll die Sanierung der Höfe größtenteils abgeschlossen sein, sagt Tamara Loß von der Grundbesitz- Verwaltungsgesellschaft Oranienburger Straße 32 mbH und Co KG (GVO). In dieser Gesellschaft haben sich 19 der 40 Heckmann-Erben zusammengeschlossen, um die Hinterlassenschaft des Industriellen besser bewirtschaften zu können. Seit der Wende können die Erben wieder über die Höfe verfügen, nachdem das Grundstück zu DDR-Zeiten unter Zwangsverwaltung stand.

Die GVO hat die heruntergekommenen Höfe wieder saniert und die vorherigen Mieter sind in die bereits fertiggestellten Gebäude zurückgekehrt. Bei den Mieten hält sich die GVO nach einigen Angaben an die ortsüblichen Vergleichsmieten. "Wir orientieren uns allerdings eher am unteren Ende der Preisspanne, da es sich bei manchen Mietern ja um Existenzgründer handelt", sagt Tamara Loß. Im Gewerbehof kostet der Quadratmeter etwa 30 Mark oder darunter, je nach Lage und Umsatz.

In den Häusern an der Oranienburger und der Auguststraße befinden sich auch Wohnungen, die mit Fördergeldern des Senats saniert werden. Deshalb handelt es sich hier um preisgebundenen Wohnraum. Die Mieter müssen entweder einen Wohnberechtigungsschein vorweisen können oder Sanierungsbetroffene sein und Anspruch auf eine Umsetz- oder Ersatzwohnung haben.

Als hier noch die Ingenieure des Ur-Ur-Großvaters von Tamara Loß arbeiteten, gehörten die Heckmanns zu den bedeutendsten Industriellenfamilien in Berlin. Sie hatten ein regelrechtes Imperium mit Maschinenfabriken, Kupferwalzwerken, Seifen- und Zuckerfabriken in Hamburg, Breslau, Leipzig, Halle, Moskau, Havanna und im heutigen Irak aufgebaut. Am nach der Familie benannten Heckmann-Ufer in Kreuzberg unterhielt die Firma ein Kupfer- und Messingwalzwerk. Dort standen auch die Villen der Firmenbesitzer. Das Firmenimperium ging Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in den Vereinigten Deutschen Metallwerken mit Sitz in Frankfurt auf. Im Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Standorte der Firma Heckmann zerstört.

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