Zeitung Heute : Die Schatten derSonnenindustrie

TOMAS NIEDERBERGHAUS

Die schillernde Verkaufsschau ITB täuscht darüber hinweg, daß der touristische Weg ins 21.Jahrhundert auch ein steiniger Weg istVON TOMAS NIEDERBERGHAUSAus gutem Grund wird der Bundeskanzler heute erstmals die Internationale Tourismusbörse (ITB) eröffnen.Die Arbeitslosenzahlen sind dramatisch gestiegen, und da wird auch das Stiefkind Tourismus zum Hoffnungsträger.Zum Beispiel könnten mit dem Umsatz weiterer fünf Millionen Übernachtungen - soviel zählt die Moselregion jährlich - 10 000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden.Da die Branche trotz der wirtschaftlich prekären Lage wie kaum eine andere boomt - das Jammern der Veranstalter gehört inzwischen zum guten Ton - sind solche Ziele durchaus realistisch.International ist der Tourismus bereits zur Großindustrie avanciert: weltweit betrugen die Ausgaben fürs Reisen im vergangenen Jahr 677 Millarden Mark, das sind knapp zwei Milliarden täglich.Und die Grenzen des ökonomischen Wachstums sind noch lange nicht erreicht.Dafür werden die über 6000 Aussteller sorgen, die heuer zur ITB angereist sind. Doch die schillernde Verkaufsschau mit Hochglanzbroschüren und authentischen Kulissen täuscht schnell darüber hinweg, daß der touristische Weg ins 21.Jahrhundert auch ein steiniger Weg ist.Vor allem ökologisch gesehen ist das Reisen kein harmloses Spiel.Eine Flugreise nach Thailand beispielsweise führt zu einem mehr als dreißig mal höheren Ausstoß von Kohlendioxid als eine Bahnfahrt nach Florenz.Würde Kerosin etwa genauso besteuert wie Diesel, käme eine Thailandreise für den einzelnen beträchtlich teurer.Schon vor Jahren kritisierten Umweltschutzgruppen auf der ITB auch die Wintersportorte, die Wälder für Skipisten abholzen, oder Hotels, die Abwässer oft ungeklärt ins Meer abpumpen.Diese Kritiker wurden damals als ideologische Moralisten abgetan, inzwischen scheinen auch Politiker die Probleme zu erkennen: Der diesjährigen Reisemesse ging eine Umweltministerkonferenz voraus, heute wird eine "Berliner Erklärung" veröffentlicht.Das Thema: Nachhaltiger Tourismus. Die Erklärung ist ein Plädoyer dafür, die biologische Artenvielfalt in den Urlaubsländern zu erhalten und nicht das zu zerstören, was der Tourist sucht.Vor allem aber sollen auch spätere Generationen ihre Erholung in Urlaubsregionen finden, in denen sie heute geboten und genossen wird.Das Prinzip gleicht dem aus der Forstwirtschaft: Nur soviel Holz darf geschlagen werden, wie sicher wieder nachwächst.Ein löbliches Prinzip.Allerdings sagt die "Berliner Erklärung" nichts zu den bereits entstandenen Problemen wie etwa den in den Alpen.Zudem ist sie "nur" eine Deklaration, also rechtlich nicht bindend.Ihr Erfolg hängt letztlich von der Umsetzung ab.Und die erfordert Einsicht: Von den Politikern selbst, Konferenzen wie die in Rio 1992 mit entsprechenden touristischen Protokollen zu versehen, die für die Vertragsstaaten verbindlich sind.Nur so können Verstöße geahndet werden.Einsicht aber auch von den Veranstaltern, die einerseits die Angebote ihrer Vertragspartner zu wenig auf Umweltaspekte abklopfen und andererseits oft das falsche Argument vorschieben, nämlich für Ökotourismus gebe es keine Kunden.Letztere wiederum beklagen, daß es keine, oder zu wenig umweltverträgliche Produkte gibt. Der Verbraucher macht die Wahl seines Urlaubsziels vom Prestige und vom Katalogpreis abhängig.An sein Gewissen soll das Konzept des nachhaltigen Tourismus appellieren.Natürlich ist es sinnvoll, aufzuzeigen, was passiert, wenn hiesige Lebensstile in Dritte-Welt-Länder exportiert werden.Natürlich sollte man über den "Immer-öfter-immer-weiter-Drang" nachdenken, überlegen, ob man eine Zweit- oder Drittreise nicht zur Abwechslung in Deutschland verbringt.Der ökologische Aspekt würde damit zur Basis der Ökonomie: Der heimischen Wirtschaft Geld zugefügt, neue Arbeitsplätze gesichert.Letztendlich aber wird damit von den eigentlichen Verursachern abgelenkt.Das Ziel nämlich kann nur sein, weitgehend unbedenkliche Reisen anzubieten.Und das ist die Aufgabe der Veranstalter: Nicht nur einen ökologischen Prestigewert zu schaffen, sondern die Produkte entsprechend inhaltlich zu füllen.Das kostet Geld, Investitionen in die ökologische Zukunft also, auch nachhaltig.Tourismus nämlich "ist wie Feuer", so eine asiatische Weisheit, "man kann seine Suppe damit kochen, man kann aber auch sein Haus damit abbrennen".

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