Zeitung Heute : Die Schere im Ärmel

Vor Gericht: Der Mann, der Schäuble zu nahe kam

Andreas Böhme[Stuttgart]

Einmal, da hat er sich mitten auf die Schienen gelegt. Splitternackt. Nur um zu gucken, was passiert. Und wenn die Straßenbahn nicht gehalten hätte, „dann wär’s das eben gewesen“. Damals stoppte der Zug, und der Teufelsanbeter Michael S. landete nicht in der Hölle, sondern in der Psychiatrie. Und jetzt, acht Jahre später, kann auch die Justiz an sich halten. Am Montagmittag wird Michael S. das Stuttgarter Landgericht wohl als freier Mann verlassen, dabei war er eben noch angeklagt wegen eines Attentatsversuchs. Ziel: Der ehemalige CDUChef Wolfgang Schäuble.

Was geschah am 21. August vergangenen Jahres in Kirchheim, am Fuße der Schwäbischen Alb? Michael S., 30 Jahre alt, ein stadtbekannter Sonderling, ist auf dem Weg zur Post. Nachschaun, ob die Arbeitslosenhilfe endlich überwiesen ist. Schließlich will er Bier kaufen, er hat ja erst 2,2 Promille im Blut. Zur Post geht es über den Marktplatz, aber der ist abgesperrt. Hunderte Zuschauer verfolgen eine Fernsehsendung zur Bundestagswahl. Auf dem Podium sitzt Wolfgang Schäuble.

Michael S. gerät in Stress. Kein Geld, kein Bier, und nun auch noch der Weg blockiert. Er tritt eine Absperrbake nieder, die kracht zusammen und verfehlt ein Kind nur knapp am Kopf. Dann stürmt er, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, unansprechbar durch die Menge nach vorn. Oder stürmt er gar nicht, sondern mischt sich nur unter die Leute? 24 Zeugen brachten in den letzten zweieinhalb Wochen keine Klarheit. Suchte S. nicht doch den Weg zum Podium? „Der hat ein Messer“, soll einer auf dem Marktplatz geschrien haben. „Der hat eine Pistole“, ein anderer.

Es ist eine Geflügelschere, die aus dem Ärmel des Angeklagten lugt. Die hat er oft dabei, weil er sich bedroht fühlt. Von Stimmen, von seinen Saufkumpanen. S. will die Schere in einem lichten Moment gerade noch in seinen Rucksack stecken, da greift die Polizei schon zu. Schäuble oben auf dem Podium merkt nichts, die Moderatoren merken nichts. Nur ein Kameramann hält drauf. Die Szene, im Gerichtssaal wiederholt, scheint harmlos. Oder wurde da ein neuerlicher Anschlag verhindert? Als Michael S. nach einer Nacht im Polizeigewahrsam ausgenüchtert fragt, was man ihm denn vorwirft und von dem Attentatsverdacht erfährt, lacht er ungläubig.

24 Zeugen. Eine Frau meldet sich, weil sie die Schlagzeilen tags drauf unerträglich findet, die einen Junkie zum Attentäter stilisieren. 24 unterschiedliche Darstellungen, aber keine belastende. Am Ende zieht denn auch die Staatsanwältin zurück. „Die Absicht, Schäuble zu töten, konnte nicht nachgewiesen werden.“

Noch vor dem gerichtsmedizinischen Gutachten, das dem Angeklagten schwere psychische Störungen zumisst, willigt Michael S. auf Drängen des Gerichtes ein, sich freiwillig einer psychiatrischen Behandlung zu unterziehen. Denn Michael S. ist krank. Immer wieder hat das Scheidungskind, der Schulversager, der gescheiterte Lehrling auf diese Krankheit aufmerksam gemacht: 1991 mit einem Selbstmordversuch. 1994, als die innere Stimme ihm befahl, fortan nur noch nackt auf die Straße zu gehen. Mal kamen die Stimmen von Gott, mal tummelte sich S. unter Anhängern eines Satanskults, mal unter Fußballrowdies. Und immer wieder verstümmelte er den eigenen Körper, richtig aggressiv ist er nur gegen sich selbst. Bisweilen meldet er sich dann in der Nervenklinik und bittet um Hilfe. Letzte Diagnose: Eine schizophrene Psychose, eine schwere Persönlichkeitsstörung, verstärkt durch Alkoholsucht und Drogenmissbrauch.

Dies taugt nicht für eine Verurteilung, auch nicht für eine Zwangseinweisung in die Psychiatrie. Allein, ihn zur freiwilligen Behandlung zu drängen, eröffnet die Chance, Michael S. mit Medikamenten derart „einzustellen“, dass er eines Tages nicht doch noch richtig gefährlich wird. Wiewohl darüber fünf Monate U-Haft ins Land gingen, darf das Gericht gewiss sein, mit dem am Montag erwarteten Urteil einem Geisteskranken gerecht zu werden. Hätte nicht ausgerechnet Wolfgang Schäuble auf dem Podium gesessen – der Fall eines verwirrten Alkoholikers hätte viel früher und ohne Tamtam eine unspektakuläre Wende erfahren. Eine sensibilisierte Justiz aber hat einen Attentäter schneller zur Hand, wo schon ein Attentatsopfer ist.

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