Zeitung Heute : Die Schmiede des Glücks

Wie Malis Präsident und Berlins Staatssekretär vermittelten

Christoph von Marschall

Zwei Schlüsselfiguren stehen schon morgens bereit. Aber die anderen Hauptpersonen sind noch auf dem Weg durch die Wüste. Von Nordmali aus sind es1200 Kilometer bis in die Hauptstadt Bamako. Und es bleibt den ganzen Tag unsicher, wann die 14 Wüstenheimkehrer dort eintreffen. So wie sich die Lage am Abend darstellt, wohl kaum vor 22 Uhr 30. Bis 19 Uhr hatten sie es per Geländewagen nach Gao geschafft, von wo aus eine deutsche Transall sie in zwei Flugstunden nach Bamako bringen sollte. Aber die hatte kurz zuvor noch technische Probleme. So haben am dritten Abend in Folge weder „heute“ noch „Tagesschau“ die erhofften Bilder vom guten Ausgang. So war es am Sonntag, als die Freilassung der Geiseln nicht zustande kam. Und am Montag, als Staatssekretär Chrobog erst nach 21 Uhr die Rettung bestätigen konnte. Am Dienstag muss die Öffentlichkeit bis in die Nacht auf die erlösende Szene warten: die Ankunft der 14 in Bamako.

Das geht den beiden Schlüsselfiguren nicht anders, denen manche Medien bereits Heldenorden verliehen haben: Malis Präsident Amadou Tourmani Touré, 54, und der deutsche Staatssekretär Jürgen Chrobog, 63. Touré ist ein außergewöhnlicher Politiker für Schwarzafrika. 1991 führte der in der Sowjetunion und Frankreich zum Offizier ausgebildete Oberstleutnant den Putsch gegen den Diktator Traoré an, übergab die Macht aber an demokratische Institutionen. 2002 wurde er zum Staatsoberhaupt gewählt. Er hat die Verhandlungslösung ermöglicht. Dafür will ihm die Bundesregierung öffentlich danken: vor den Fernsehkameras auf dem Flughafen von Bamako und im Präsidentenpalast. Erst in der Nacht wird der Regierungsairbus mit den 14 nach Köln abfliegen.

Die Ehrung hatte sich im Laufe des Dienstags immer weiter verschoben. Die malische Antonov kann die Heimkehrer nicht von Tessalit nach Gao fliegen. Sie müssen die 400 Kilometer in Geländewagen zurücklegen. Dann macht die deutsche Transall Probleme, kann erst gegen 17 Uhr (MEZ) von Bamako nach Gao starten. Es hätte zwar Ersatz gegeben: Die kleine Challenger, mit der eine frische Crew für die Transall aus Deutschland eingeflogen wurde, weil die Flugzeiten für die Piloten begrenzt sind – die Transall ist bereits Sonntag und Montag aus dem Niger herübergeflogen. Die Challenger bietet jedoch nicht genug Platz für 14 Freigelassene samt medizinischer Betreuung. Sie müsste zwei Mal fliegen. Was dann aber doch nicht nötig ist: Die Transall wird repariert. Geduld haben sie ja alle gelernt in den sechs Monaten: die Geiseln, die Angehörigen, die Vermittler.

Touré und Chrobog wurden beide mit diesem Etikett bedacht: Vermittler. Aber wenn sie so nebeneinander stehen – der Schwarzafrikaner, der sich gern in weite, helle Gewänder kleidet, und der schlanke deutsche Diplomat, korrekt gescheitelt und meist im grauen Anzug, wird augenfällig, wie unterschiedlich ihre Rollen in diesem Drama waren.

Jürgen Chrobog, 1940 in Berlin geboren, hat alle Stufen der Diplomatie durchlaufen, war Hans-Dietrich Genschers Sprecher und Botschafter in Washington, ehe er 2001 beamteter Staatssekretär wurde. Er gilt als harter Verhandler, aber uneitel, ehrlich und loyal. Chrobogs Aufgabe war es, von Berlin aus Kontaktmöglichkeiten in die Sahara zu finden. Alle denkbaren Kanäle mussten erwogen und erprobt werden. Solange die Geiseln in Algerien waren, schien eine Verhandlungslösung unerreichbar. Das änderte sich, als die Entführer nach Mali wechselten.

Präsident Touré übertrug die Verhandlungsführung an den Tuaregführer Iyad Ag Agaly, der sich von seinem tatkräftigen Engagement wohl auch Entwicklungschancen für seine Region versprach. Später stellte er ihm den Provinzgouverneur Baba Touré an die Seite, der als seriöser und entschiedener Gesprächspartner beschrieben wird.

Und noch ein Kanal hat sich womöglich augetan: Libyen. Das sagt Saif Gaddafi, Sohn des Staatschefs, dem Tagesspiegel. Seine Stiftung hatte 2000 auf Jolo das Lösegeld für die Wallerts bezahlt. Diesmal, berichten seine Mitarbeiter, habe Libyen am 7. August Kontakt zu den Entführern hergestellt, sich vom Wohlbefinden der Geiseln überzeugt und die Forderungen der Kidnapper übermittelt. Die Bundesregierung will das weder bestätigen noch dementieren. Bis alle Kapitel aufgeklärt sind, muss man wohl noch etwas warten.

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