Zeitung Heute : Die Schulen der Kulturen

In Berlin leben Menschen aus 190 Ländern. Wer beruflich oder privat dazulernen will, profitiert von dieser kulturellen Vielfalt

Silke Zorn

Berlin – das ist die Stadt, in der rund 450000 Ausländer aus aller Welt ihr zweites Zuhause gefunden haben. Und das ist auch Deutschlands Touristenmetropole Nummer eins. 13 Millionen Übernachtungen wurden im vergangenen Jahr in den Hotels verzeichnet. Diese bunte Mischung aus Menschen, Sprachen und Kulturen bereichert nicht zuletzt auch die Weiterbildungslandsaft.

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Angesichts der Touristenströme, die es Jahr für Jahr an die Spree zieht, gewinnt ein Beruf wieder an Bedeutung, der lange Zeit eher als Nebenjob für Langzeit-Studenten galt – der Gästeführer oder City Guide. Was die wenigsten wissen: Zum Gästeführer kann man sich ausbilden lassen, etwa bei der Berliner Industrie- und Handelskammer. Obwohl die Anbieter von Stadtführungen in letzter Zeit wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, sieht Dorothea Hofmann von der IHK noch viel Bewegung in der Branche. „Gerade im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 werden qualifizierte Leute gebraucht“, meint die Weiterbildungs-Expertin.

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Eine Ausbildung zum Gästeführer bei der IHK Berlin dauert dreieinhalb Monate und kann berufsbegleitend absolviert werden. Besondere Zulassungsvoraussetzungen gibt es nicht, zwei Dinge sollten Bewerber aber auf jeden Fall mitbringen: solides Basiswissen über Berlin und gute rhetorische Fähigkeiten. Fremdsprachenkenntnisse sind ebenfalls willkommen, je exotischer, desto besser. Das gleiche gilt im Übrigen auch für das Tour-Programm, das man seinen Gästen später einmal anbieten möchte. „Zum hundertsten Mal Unter den Linden rauf und runter, damit lässt sich kein Geld mehr verdienen“, sagt Hofmann, „Als City Guide muss man kreativ sein, den Gästen etwas Neues anbieten.“

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Relativ neu ist auch ein Aufbau-Studiengang, den die Europa-Universität Viadrina im nahe gelegenen Frankfurt/Oder seit dem Sommersemester 2004 anbietet. Hier kann man sich in drei Semestern zum Mediator, also zum professionellen Streitschlichter, ausbilden lassen – bei entsprechendem Interesse auch mit internationaler Ausrichtung.

Der Schwerpunkt des berufsbegleitenden Master-Studiums kann im internationalen Konfliktmanagement gesetzt werden. Dabei steht sowohl die Länder übergreifende Wirtschaftsmediation (Commercial Arbitration), als auch die zwischenstaatliche Streitbeilegung (International Peacemaking) auf dem Lehrplan.

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Dass das multikulturelle Ambiente Berlins zum Lernen von Sprachen geradezu herausfordert, erkannte Uwe Stränger bereits 1986 und gründete die Sprachschule Prolog. Über zwanzig Fremdsprachen kann man hier lernen, von den Klassikern Englisch und Französisch bis hin zu eher exotischeren Mundarten wie Arabisch, Japanisch oder Dänisch. „In Berlin kommen Menschen aus über 190 Nationen zusammen“, weiß Schuldirektor Stränger, „In keiner anderen deutschen Stadt wird einem das Lernen fremder Sprache so leicht gemacht.“ Alle Prolog-Lehrer sind Muttersprachler, die ihren Schülern auch Geschichte, Kultur und Lebensart ihrer Heimatländer nahe bringen. Die Kurse sind klein; maximal sechs Teilnehmer lernen gemeinsam. Auch Deutschkurse für Ausländer bietet Prolog an. Im Laufe der Jahre haben Gäste aus 60 verschiedenen Ländern hier Vokabeln gepaukt und sich mit der deutschen Grammatik herumgeschlagen. Wer angesichts der Mitschüler aus aller Welt von Fernweh gepackt wird, kann sich mit Prolog auch auf Reisen begeben, sein Englisch in Neuseeland aufpolieren oder in China den Reizen des Mandarin verfallen.

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Die neu erworbenen Sprachkenntnisse am lebenden Objekt testen, das geht allerdings auch in Berlin. Wer dabei gleichzeitig seine rhetorischen Fähigkeiten schulen möchte, ist bei den Mercury Toastmasters bestens aufgehoben. Nach Lust und Laune wird hier die Kunst der freien Rede geübt – auf Englisch, versteht sich. Hinterher gibt es Feedback zu Ausdruck, Auftreten und Überzeugungskraft. Rund ein Viertel der Gruppenmitglieder sind englische Muttersprachler. Vereinspräsidentin Sabine Letzner kennt die Vorzüge ihres wortgewaltigen Hobbies: „Man lernt nicht nur in Sachen Rhetorik dazu und frischt sein Englisch auf. Auch fürs Selbstbewusstsein ist das Redenhalten einfach klasse.“ Wer sich darin lieber erst einmal in seiner Muttersprache üben möchte, sollte bei den Berliner Meisterrednern vorbeischauen. Denn auch hier schwingen Alt- und Neu-Berliner aus aller Welt ihre Reden, allerdings auf Deutsch. Die Club-Mitglieder treffen sich alle vierzehn Tage; genauere Termine stehen im Internet (siehe Kasten).

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Viele Länder, viele Kulturen – viele verschiedene Küchen . Zahlreiche ausländische Restaurants bieten Workshops an, in denen man den Meistern der Zunft in die Kochtöpfe gucken kann. Besonders beliebt: Sushi-Kurse, wie sie etwa das japanische Restaurant Daitokai im Europacenter anbietet. Wer Freunde oder Kollegen mit einem raffinierten Abendessen beeindrucken will, kann sich hier zeigen lassen, wie man die kleinen Reishappen mit Lachs, Thunfisch, Garnelen & Co. professionell zubereitet und kunstvoll anrichtet. Dass die japanische Küche aber noch mehr zu bieten hat als rohen Fisch will Mika Mori beweisen. In ihren Kursen, die über die Deutsch-Japanische Gesellschaft Berlin gebucht werden können, zeigt sie Hobbyköchen und solchen, die es werden wollen, wie abwechslungsreich und gesund die japanischen Gerichte sein können. In so namhaften Hotels wie dem Four Seasons und dem Grand Hyatt hat die Japanerin gearbeitet. Wer ihre Kurse besucht, darf sich auf gebratenen Lachs mit Ingwerreis und süße Suppe von Azukibohnen freuen.

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Im Programm der Deutsch-Japanischen Gesellschaft finden sich auch zahlreiche Kreativ-Workshops wie Kalligraphie, traditionelles Papierschneiden und japanische Flechttechniken. Vorträge über Geschichte und Kultur Japans runden das Angebot ab. Sollten Kurse ausgebucht oder im offiziellen Programm nicht zu finden sein, lohnt sich ein Griff zum Telefonhörer. „Dann bemühen wir uns auf jeden Fall, neue Termine zu organisieren“, sagt Geschäftsführerin Katrin-Susanne Schmidt.

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Was für den gebürtigen Berliner also seit langem zur beruhigenden Gewissheit geworden ist, dämmert nun langsam auch dem Zugezogenen: Rund um die Spree tummelt sich die halbe Welt – warum sollte man da in die Ferne schweifen?

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