Zeitung Heute : Die Schulpolitik: Und sie bewegt sich doch

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Schulchaos" heißt Anfang dieses Jahres die Diagnose in Berlin: Stunden fallen aus, es mangelt an Lehrern, die Kollegien sind überaltert, die elterliche Wahlfreiheit wird eingeschränkt und in den Schulen gibt es nicht genügend Computer.In Hessen beherrschte die Kritik an der Bildungspolitik neben der doppelten Staatsbürgerschaft den Wahlkampf.Neben dem schlechten Alltag, wie in Berlin, fanden sich in Hessen auch noch die alten Themen: Kritik an der Gesamtschule, an Leistungsdefiziten im internationalen Vergleich.Es fehlte nicht an einem Streit um Ideologien.

Nichts Neues in der Bildungspolitik? Weit gefehlt: Es gibt zahlreiche Indizien, daß mit dem Jahr 2000 eine neue Phase für die Schule eröffnet werden könnte: Sozialdemokraten sprechen im Entwurf für ein Berliner Schulgesetz von "Qualitätssicherung" und "Autonomie" gleichrangig neben dem "Recht auf Bildung"."Qualität" und "Selbststeuerung" heißt das "Leitbild" für die Schulen bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.Der alte Streit über die Schulsysteme ist am Ende, "Gleichheit" ist nicht mehr der zentrale Focus.Neue Fragen werden gestellt.In der Bildungspolitik hat sich etwas bewegt.

Im Vordergrund der öffentlichen Debatte steht zur Zeit das Qualitätsproblem.Befördert durch die erschreckenden Ergebnisse der Leistungsmessungen im internationalen Vergleich (TIMMS-Studie), wird die Realität der Schulen zwar erneut kritisch wahrgenommen, aber ihre Planung anders, nämlich realistisch betrachtet.Die Länder sind dabei, die Schulen schrittweise zu verändern.Zu den Qualitätsfragen treten die Evaluation, die Lehrerbildung, die Neuregelung der Schulverfassung sowie die Bildungsfinanzierung.

Fixiert auf aktuelle Fragen, darf man beim Blick nach vorn die weiteren Erfahrungen aus 30 Jahren Bildungsexpansion nicht ignorieren - auch nicht jene Erfahrungen, die das 20.Jahrhundert darüber hinaus bereithält: Einerseits - die Beteiligung an höherwertigen Bildungsgängen, bis zur Abiturientenquote von über 30 Prozent, ist nicht zu stoppen; sie ist auch solange rational, wie die Akademikerarbeitslosigkeit nur die Hälfte des Durchschnitts beträgt.Andererseits - Schule kann Bildungsbenachteiligung zwar abbauen, aber sie ist kein geeignetes Instrument, gesellschaftliche Gleichheit zu erzeugen.Autonomie und Selbststeuerung gelten deshalb auch für den Nachfragenden: Je länger die Bildungsgänge dauern, um so eindeutiger werden auch Folgelasten individueller Entscheidungen.Das Angebot kann den Erfolg nicht garantieren.

Aus der Geschichte der beiden deutschen Diktaturen gibt es die epochale Lektion: Schule wurde immer neu als Ort politischer Indoktrination und erziehungsstaatlicher Ambitionen mißbraucht.Der Staat darf deshalb Bildungsprozesse nicht allein regieren.Gerade die negativen Erfahrungen bekräftigen, daß es zur Leitidee der Autonomie keine vernünftige Alternative gibt.Die neuen Leitbilder - soziale Gerechtigkeit, Autonomie, Selbststeuerung und Eigenverantwortung - entspringen also nicht allein aktuellen Problemen.Sie sind Antworten auf langfristige Erfahrungen

- Kritik an jedem Versuch, Schule zum Instrument von Politik zu machen

- Tribut an die ernüchternde Erfahrung, daß Schule erst als Ort des Lernens legitim und verbesserbar ist,

- Einsicht in die Tatsache, daß Bildung im Lebenslauf unabweisbare Bedeutung gewonnen hat.

Pädagogen beziehen sich, auf der Suche nach inhaltlicher Orientierung, auf die "Menschheit" oder die "Welt" als Referenzpunkt, aber erfahrungsgemäß ist es schwierig, von hier aus zu den konkreten Bildungserwartungen von Eltern und Kindern oder in den Alltag der Lehrerarbeit zurückzufinden.Als globale Orientierung wird man eher die Prämissen der Demokratie und die Erwartungen einer "Wissensgesellschaft" nutzen.Von hier aus können die Fähigkeiten und Kompetenzen erörtert werden, die für das Leben erworben werden müssen.Der bekannte Kanon der Grundbildung stellt dafür das Minimum dar.Welche Erweiterungen sind dringlich?



COMPUTERSPENDEN.Firmen und Privatpersonen geben bereitwillig Šltere Computer, die sie nicht mehr nutzen wollen, an die Schulen weiter.Dort kšnnten sie sinnvoll eingesetzt werden, wenn man sie aufrŸsten und anschlie§en wŸrde.Aber das geschieht nicht in dem gebotenen Umfang. Foto: Thilo RŸckeis

Inhalte und Lernziele im Detail sind kontrovers, nicht allein für das Abitur, das am stärksten Einheitserwartungen weckt.Aber Autonomie gilt auch hier, und das Abitur verträgt durchaus regionale Profilierung und Konkurrenz.Schwieriger sind andere Themen: der Einfluß der neuen Medien auf die Schulen oder das Werteproblem in der Erziehung.Niemand wird die Notwendigkeit von "Medien-Kompetenz" oder computer-literacy bestreiten, aber überzeugen die Lösungen? Politisch wird das eher als hardware-Frage für die Ausstattung von Schulen gehandelt - aber ist auch das software-Problem schon geklärt? Angesichts der faszinierend-verwirrenden Fülle an Information, die im Internet erlebbar ist, muß ja nicht erst die Schule den Zugang zur Information liefern; das können die Jugendlichen, da hilft schon Bill Gates.Schule müßte vielmehr Formen der Aneignung und des Umgangs mit Informationen kultivieren.

Eine Werterziehung als schulische Antwort auf Norm-Dissens ist ebenfalls ungeklärt.Aber sie wird altertümlich diskutiert, nicht selten sogar reduziert auf den Religionsunterricht.Bei der zentralen Frage, wie Unterschiedlichkeit in der Werteauffassung lernend so anerkannt werden kann, daß Kommunikation in der Gesellschaft im Geiste ziviler Tugenden dennoch möglich bleibt, werden die Schulen allein gelassen.So wird es keine Lösungen geben.

Für die Sicherung der Qualität steht die Einzelschule zu Recht im Zentrum der Überlegungen.Sie ist der Ort, an dem über die Möglichkeiten pädagogischer Arbeit entschieden wird.Das Bildungssystem als Ganzes bleibt zwar ein Thema, z.B.für die Definition des Leistungsminimums, aber es kann nur als offenes System zukunftsfähig sein.Hier soll das Lernen des Lernens gesichert werden und - für die Dauer des Erwerbslebens - ein Angebot der Weiterbildung."Integration" der Schulen, die alte Zauberformel, wird von den Kriterien der Durchlässigkeit und der Vernetzung von Bildungslaufbahnen abgelöst; Übergänge zwischen den Schularten und eindeutige lokale und thematische Profile der Angebote werden wichtiger.

Die Kompetenz der Lehrenden gewinnt dann neue Bedeutung.Die Lehrerbildung ist schon als Schlüsselthema identifiziert worden.Eine länderübergreifende Kommission der Kultusministerkonferenz hat hierzu ihre Arbeit aufgenommen.Fatal wäre es, wenn der Beruf mit Erwartungen überlastet würde: Experten für Unterricht und Schularbeit werden benötigt, Sozialtechnologen - nein!

Die Neuordnung der Schulverfassung gibt den Rahmen.Mit der Autonomieformel wird endlich anerkannt, daß erst die einzelne Schule nach eigenem Programm und mit öffentlich akzeptierten Zielen qualitätssicher arbeiten kann.Zentralistische Lenkung tötet nicht nur die Motivation, sie führt auch zu einer Praxis, in der Leistung und Verantwortung zugleich reduziert werden.Dann liefert Schule die tristen Ergebnisse, die wir ihr vorwerfen, weil ihr vorab die Freiheit genommen wurde, ernsthaft und kreativ an ihren Aufgaben zu arbeiten.

Die Zuordnung von Kompetenzen ist deshalb die entscheidende Frage; denn erst hier entscheidet sich, was "Eigenverantwortung" und "Selbststeuerung" bedeuten.Das betrifft nicht nur das Verhältnis von Schule und Staat.Im Alltag folgenreicher sind Regelungen für die Beziehungen zwischen Schulleitung und Kollegium, Lehrern und Schülern, Schule und Eltern.Autonomie, das wird man dabei erfahren, spricht nicht nur Privilegien zu, sondern auch Lasten.

Selbstverständlich gibt es strategische Fragen, die schon jetzt einer staatlichen Entscheidung bedürfen.Sie betreffen aber nicht das Profil einzelner Schulen oder den Stil der pädagogischen Arbeit, sondern notwendige Prämissen wie

die Bildungsfinanzierung

die Evaluation von Lernprozessen, als Form der Selbst- und Fremdbeobachtung des Bildungswesens, weil erst dann der Forderung nach "Qualität" wirklich Rechnung getragen wird.Kultusministerkonferenz und OECD arbeiten an einschlägigen Projekten.Anders als für die Universitäten ist für die Schulen noch wenig diskutiert worden, ob sich im Gedanken der Budgetierung Fragen der Qualität und der Finanzierung verknüpfen lassen.

Der Staat muß hier tätig werden, um die Erwartungen der Akteure und das Maß der Gleichheit zu bestimmen, in dem sich die Leistungskonkurrenz der Schulen bewegt.Politik wird mit um so größerer Anerkennung agieren, wenn sie berücksichtigt, daß etatistischer Überschwang bisher eher Hindernis als Hilfe war.Heute sieht selbst die Kultusministerkonferenz, daß Einstimmigkeit in Entscheidungen und Offenheit für Alternativen parallel gehen können.

Wenn aber staatliche Anstrengungen in der Bildungspolitik schon unvermeidlich sind, weil die Länder sich profilieren müssen, dann könnten sie sich zuerst auf die naheliegenden Probleme richten: der notorischen Unterfinanzierung des Bildungswesens, der Neueinstellung von Lehrern oder dem Stundenausfall.Auch müßte man Eltern wie Schüler und Lehrer wirklich anhören, statt sie nur als mißliebige Querulanten abzuwehren.Erhalten bleibt auch dabei das alte Problem, wie man ein System steuern kann, das seine eigene Logik hat.Hilfreich sind dafür wohl nur Strategien, die paradox erscheinen: Normieren, ohne zu vereinheitlichen, steuern, ohne Initiativen zu töten, Vielfalt anerkennen, ohne Beliebigkeit zu provozieren.Visionärer Realismus ist also gefragt, nicht die Wiederkehr der alten Kontroversen.Vielleicht überraschen uns ja die Kultusminister im neuen Jahrhundert mit inspirierenden Offerten.

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