Zeitung Heute : Die schwarzen Kassierer

„Ich bin klüger geworden“: Kanthers letzte Worte

Christoph Schmidt-Lunau[Wiesbaden]

Manfred Kanther wirkt fast heiter an diesem Tag. Er trägt einen Anzug mit Pepitamuster. Schwarzweiß. Zuletzt war es immer Mausgrau. Zuletzt hatte er auch nur noch schmallippig im Gericht gesessen, im Untreueprozess gegen ihn und seine beiden Mitangeklagten – Prinz zu Sayn-Wittgenstein, ehemals Schatzmeister der hessischen CDU, und Finanzberater Horst Weyrauch –, mit heruntergezogenen Mundwinkeln, manchmal war er auch empört aufgebraust. Aber dieser Dienstag ist vermutlich der letzte große Auftritt im Schwurgerichtssaal des Wiesbadener Landgerichts, er darf sein Schlusswort sprechen – und er weiß schon, dass er wenigstens nicht ins Gefängnis muss. Die Staatsanwälte hatten dem „Triumvirat der schwarzen Kassen“ zwar Pflichtverletzung und Untreue angelastet, dafür aber nur Geld- und keine Freiheitsstrafen gefordert. 1983 hatten Kanther, damals Generalsekretär der CDU, Weyrauch und Wittgenstein umgerechnet 10,6 Millionen Euro Parteivermögen in die Schweiz verlagert.

„Ich bin klüger geworden, 22 Jahre danach“, sagt Manfred Kanther in seinem Schlusswort. Und: Es sei „sehr falsch“ gewesen, das CDU-Vermögen damals nicht gesetzestreu auszuweisen und es stattdessen in die Schweiz zu schaffen. Für diesen Fehler trage er vielerlei Konsequenzen. Sein Ton ist ungewohnt milde. Lange hält diese reumütige Stimmung allerdings nicht an. Einen strafrechtlichen Vorwurf könne er aber nicht akzeptieren, sagt Kanther gleich darauf. Und dann klagt der Angeklagte auch noch an. Fünfeinhalb Jahre sei die Medienkeule auf ihn niedergegangen: hemmungslose Vorverurteilung, öffentliche Hinrichtung, säckeweise Unwahrheiten – Kanther findet viele Hinweise auf Kampagnenjournalismus. Er sei in kurzen Hosen im Fernsehen gezeigt worden, beim Ausleeren seines Mülleimers; ein kleiner Rempler im Straßenverkehr sei in einer Boulevardzeitung groß aufgemacht worden. Nicht einmal die Justiz habe ein Bollwerk gegen die Medienmacht errichtet. Der Angeklagte ist beleidigt.

Über alle Verhandlungstage hinweg hatte Kanther um Verständnis für den Rechtsbruch geworben. Er, Wittgenstein und Weyrauch hätten doch Schaden von der Partei abwenden wollen. Bei dem geheimen Geldtransfer in die Schweiz sei es immerhin um die Kasse einer Partei mit Mission gegangen. Ein „spätsozialistischer Generalangriff“ auf Staat und Gesellschaft habe abgewehrt werden müssen – für Kanther haben die 80er Jahre, hat „der linkswütige Zeitgeist alle Autoritäten in Frage gestellt“.

Dies war mehr als nur ein Prozess, der sich um einen längst vergangenen Skandal kümmert, der erst viel zu spät, am 14. Januar 2000 nämlich, aufgeflogen ist. Hier wird auch ein Politiker-Leben verhandelt. An früheren Verhandlungstagen hat Kanther seine gesamte Vergangenheit, seine Prägung offen gelegt, um sein Vorgehen zu erklären. Als Kind hatte er die Vertreibung aus Schlesien durchlitten, als Jugendlicher floh er vor dem Kollektivismus aus der DDR. In der hessischen CDU fand er schließlich seine Heimat im Kampf gegen den Sozialismus. Menschliche Nähe dürfte er dort aber eher nicht gefunden haben. Das wurde im Gerichtssaal greifbar, als all die politischen Weggefährten als Zeugen auftraten. Deshalb hat Kanther das Kassen-Geheimnis wohl auch so lange wahren können. Man stelle sich vor, Kanthers und Kohls schwarze Kassen wären zu ihrer Regierungszeit aufgeflogen, dann hätte der Skandal nicht nur die Partei, sondern auch den Staat erschüttert, dem Kanther als Innenminister, als strenger „schwarzer Sheriff“ angeblich ergeben diente.

Sein Nachfolger im Amt des Landesvorsitzenden, Ministerpräsident Roland Koch, wurde zum wichtigsten Zeugen in diesem Prozess. „Dramatisch“ nannte er den Schaden, den die Schwarzgeldaffäre der hessischen CDU zugefügt habe – politisch und ökonomisch. Und auch hier wieder: ein beleidigter Politiker. Kaum jemand habe so viel Staub von denen vor ihm aufnehmen müssen wie er, sagte Koch bitter. Bis heute verstehe er nicht, weshalb ihm Kanther nicht spätestens Ende 1999 die Wahrheit gesagt habe. Damals hatte sich Koch in den Erklärungen über angebliche jüdische Vermächtnisse und Kredite verheddert.

Dass der hessischen CDU ein relevanter Schaden durch die Affäre entstanden sei, das hat auch Richter Rolf Vogel schon vor Wochen festgestellt. 72000 Euro Geldstrafe soll Kanther nach dem Willen der Staatsanwälte zahlen, das ist viel Geld für das Oberhaupt einer vielköpfigen Familie. Horst Weyrauch soll mit der Hälfte davonkommen. Er ist ohnehin wegen Steuerhinterziehung verurteilt.

Prinz Wittgenstein, der mittlerweile 88 Jahre alt ist, wird wohl wegen Verhandlungsunfähigkeit nicht mehr zur Verantwortung gezogen. Trotzdem hat sein Anwalt schon Revision vor dem Bundesgerichtshof angekündigt. Aber dafür bleibt wohl nur Manfred Kanther übrig. Allein gegen alle – das war seine Rolle schon lange vor diesem Prozess.

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