Zeitung Heute : Die Schweiz und ihre dunklen Jahre

ALBRECHT MEIER

In der Diskussion über das Nazi-Gold geht es weniger um ein politisches Entgegenkommen der Eidgenossenschaft gegenüber jüdischen Organisationen, sondern um die Neubewertung der schweizer Geschichte zwischen 1933 und 1945 VON ALBRECHT MEIER

Die Schweiz und das Nazi-Gold, die Schweiz und die "nachrichtenlosen" Vermögen jüdischer Holocaust-Opfer - was für ein monströser, was für ein seltsamer Stoff.Da vermengen sich Schatzsucher-Instinkte, Spekulationen, gegenseitige Beschuldigungen und nicht zuletzt - für uns Deutsche - die erneute Konfrontation mit der eigenen nationalsozialistischen Geschichte, in diesem Fall heraufbeschworen durch das Thema der unterlassenen Hilfeleistung, wenn nicht sogar der Kollaboration.Eine wie auch immer geartete Kollaboration der Schweiz mit Nazi-Deutschland ist schließlich das auslösende Moment bei der Frage der Entschädigung, die Holocaust-Opfer nun von der Schweiz erwarten.Deshalb geht es hier im Kern auch weniger um ein politisches Entgegenkommen der Eidgenossenschaft gegenüber jüdischen Organisationen, sondern um die grundlegende Neubewertung der Geschichte der Schweiz zwischen 1933 und 1945. So jedenfalls wird die Diskussion um das Gold, das die Nazis von ihren Gewaltopfern raubten und anschließend an die Schweiz verkauften, sowie die in eidgenössischen Banken über Jahrzehnte vor sich hinschlummernden Konten jüdischer Holocaust-Opfer in der Alpenrepublik selbst aufgefaßt.Nicht nur die Banken, sondern das gesamte zur Zeit der Nazi-Herrschaft in der Schweiz aktive Establishment ist inzwischen in den Strudel der geschichtlichen Neubewertung geraten: Unternehmer, Diplomaten, Politiker, selbst Mitarbeiter des Schweizer Roten Kreuzes haben die Augen vor der Realität des Hitler-Regimes verschlossen.Ein Untersuchungsausschuß befaßt sich inzwischen mit den verschwundenen Vermögen.Daß sich diese Kommission mehrere Jahre Zeit für eine Klärung lassen will, läßt zwar nicht unbedingt erwarten, daß am Ende eine lückenlose Aufklärung über jedes einzelne Vermögen steht.Dafür dürfte der Ausschuß aber endgültig Abschied nehmen von der "Geschichte der schweizerischen Neutralität", die das Nachkriegs-Bewußtsein in der Alpenrepublik prägte. Im Grunde vollzieht die Schweiz mit der Aufarbeitung ihrer "dunklen Jahre" nur einen Schritt, den andere Nachbarländer - etwa die Franzosen mit der juristischen Verfolgung des Nazi-Schergen Paul Touvier - bereits gemacht haben.Zwar hat es in der Schweiz keinen Fall wie den des Judenmörders Touvier gegeben.Daß die Schweiz aber vor und während des Zweiten Weltkrieges mit ihrer restriktiven Asylpolitik Schuld gegenüber den verfolgten Juden auf sich ludt, hat sie offiziell schon 1995, zum 50.Jahrestag des Kriegsendes, eingeräumt. Dennoch steht die Schweiz heute am internationalen Pranger, was mit ihrer zögerlichen Haltung bei der Aufarbeitung der Vergangenheit zusammenhängt.Viele Eidgenossen reagieren auf die Kritik des Auslands wiederum mit ungläubigem Kopfschütteln.Mühen sie sich nicht redlich um eine sachgerechte Entschädigung der Betroffenen? Und haben sie nicht auch auf der internationalen Bühne im vergangenen Jahr durch ihren Vorsitz in der OSZE Punkte gesammelt? Undank ist der Welten Lohn, wird sich mancher Eidgenosse sagen, der im Streit um Nazi-Gold und Konten nun eine Frontstellung erkennt, die scheinbar etwas Altvertrautes hat: Die Schweiz gegen den Rest der Welt.Der Rückzug aufs "Reduit", auf die uneinnehmbare Festung der Bergwelt, ist vielen Schweizern immer noch eine liebgewonnene Idee.Nur ist dieses Bild, das von der historischen Vorstellung eines großangelegten Schweizer Widerstands gegen die Nazis ausgeht, nicht mehr zu halten.Auf die politischen Folgen, die der geschichtliche Abschied von der Neutralitäts-Saga für die Eidgenossenschaft zeitigen wird, darf man noch gespannt sein.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben