Zeitung Heute : Die schwierige Suche nach der Hackerfibel

KURT SAGATZ

BERLIN .Kreativität heißt Chaos.Jedenfalls in der Definition vieler Teilnehmer des "Chaos Communication Congress", der am Dienstag in Berlin zu Ende ging und an dem weit über 1500 Computerfreaks und Hacker rund um den Chaos Computer Club teilgenommen hatten.Drei Tage diskutierte die Szene nicht nur über die Sicherheit von informationstechnischen Systemen, sondern auch über das Spannungsfeld technischer Möglichkeiten und gesellschaftlicher Gefahren.

Doch der Kongreß bestand aus mehr als Vorträgen und Workshops.Bei einem Wettbewerb ging es beispielsweise darum, aus Lego- und Fischertechnik-Baukästen intelligente Roboter zusammenzubauen.In einer Ecke des mit Computerhardware zugepackten Hackcenters hatten sich zwei Gruppen dieser Aufgabe angenommen.Über den ganzen Boden verstreut lag der Inhalt mehrer Bausätze, angefangen von Chassis, Rädern und Steckverbindern über Batterie-Packs, Drähten und Klemmen bis hin zu Computerplatinen, Lichtschranken und kleinen Motoren.Wie aus dieser Ansammlung ein lauffähiger Android werden sollte, der am Ende auch noch per Computer programmiert die selbstgestellten Aufgaben erfüllt, war wohl noch nicht einmal dem aus dem Raum Karlsruhe stammenden Tüftler Thomas ganz klar.

Daß er auf dem 15.Kongreß dieser Art einen kleinen Roboter aus Legosteinen bauen wird, wußte auch der aus Berlin stammende zweite Thomas vor dem ersten Veranstaltungstag nicht.Zufällig schaute er interessiert zu, wie seine Hackerkollegen aus dem Süddeutschen mit ihren Basteleien begannen und übernahm dann selbst den Part, zusammen mit einem Freund aus zwei Lego-Mindstorms-Kisten, einem Cybermaster-Bausatz und einem XXL-Baukasten seinen "Geher" zusammenzubauen, der sich am Ende wie ein Tier im "Paßgang" auf zwei Laufschienen fortbewegen soll.In der Nacht zum Montag saß er bis sechs Uhr morgens vor den Bausteinen.Am Montag ging es eigentlich nur noch darum, die Stabilität des Lego-Läufers noch zu verbessern.

An Beschäftigung mangelte es den Kongreßbesuchern jedoch auch ohne Roboterbauerei nicht."Nachdem ich in den Vorjahren einen großen Teil der Zeit damit verbracht habe, auf anderen Rechnern Linux zu installieren oder einfach zu programmieren, wollte ich dieses Jahr eigentlich gar nicht ins Hackcenter", sagte der Berliner Thomas, doch nun saß er halt doch wieder hier auf dem Boden vor den Legosteinen.

Zu den großen Hits des Kongresses, der aus Platzmangel in diesem Jahr von Hamburg nach Berlin ins "Haus am Köllnischen Park" verlegt worden war, gehörten freilich die Vorträge und Workshops, die sich mit den diversen Sicherheitslücken der Informationstechnik auseinandersetzten.Unter dem Stichwort "Internet-Penetration" wurde beispielsweise beschrieben, welchen Angriffen die im Netz angeschlossenen Systeme ausgesetzt sind.Und Gefahren gibt es genug.So lassen sich Paßwortdateien mittels elektronischer Lexika ausforschen.Oder per Sniffer-Programm wird der Datenverkehr aufgezeichnet und nach Paßwörtern durchforstet.Selbst Hijacking ist ein Thema in der vernetzten Computerwelt, wenn versucht wird, nach einem berechtigten Login eine Internet-Seite zu übernehmen, um dort beispielsweise eine unberechtigte Banküberweisung vorzunehmen.Doch keine Sorge: Viel mehr als eine Aufzählung von Gefahrenpunkten waren diese Ausführungen auf dem Kongreß gleichwohl nicht, denn mit Ausnahme der Redner auf dem Podium mußten vielen Zuhörern die Ohren angesichts der Fachterminologie klingeln.Als direkte "Anleitung zum elektronischen Bombenbauen" waren die Ausführungen nicht geeignet, denn welcher normalsterbliche Computernutzer weiß schon, was hashen, wrappen oder sniffen ist oder wie diese Techniken anzuwenden sind.

Um Nachwuchs braucht sich der Chaos Computer Club bislang noch keine Sorgen zu machen.Gleichwohl wurde auf dem Kongreß auch das Thema Schule behandelt, denn dort steht es nicht nur um die Computerausstattung bekanntlich nicht zum besten.Trotz aller Initiativen kämen die benötigten Gelder häufig doch nicht an die Schulen, unter anderem, weil die Lehrer, die sich für die Thematik interessierten, keine Zeit zum Stellen der Anträge hätten, berichtete die Berliner Lehrerin Anke Scholz in ihrem Vortrag.Ohne das amerikanische Schulmodell kopieren zu wollen, wünscht sie sich auch hierzulande so praktische Einrichtungen wie das Unterrichtsfach Network-Administration, in dem Schüler von US-Highschools lernten, die Schulnetze zu betreiben.Hierzulande hätten Eltern allerdings schnell die Sorge, ihre Kinder kämen nicht mehr zum Lernen, würden sich Schulleiter um den Außenauftritt der Schule fürchten und hätten Lehrer Probleme damit, daß ihre Schüler offenkundig mehr von einer Materie verstehen als sie, so Anke Scholz weiter.

Daß Andere mehr von etwas verstehen als man selbst, könnte nach Ansicht der Diskutanten eines anderen Kongreßteiles schnell der ganzen heranwachsenden Generation in Deutschland passieren.Während in der Bundesrepublik - wenn überhaupt - Standardsoftware einschlägiger Konzerne benutzt würde, sei Mexiko einen anderen Weg gegangen und statte nun in allen Schulen des Landes die Rechner mit Linux als Betriebssystembasis aus.Anders als bei Windows könnten die Schüler bei diesem System auch hinter die bunten Oberflächen bis hinunter auf den Quellcode schauen und dadurch lernen, wie Computer wirklich funktioneren.Ein solches Wissen könne sich für eine Gesellschaft in einigen Jahren auszahlen, so der Tenor der Diskusion, die sich gegen die Abhängigkeit in dieser Zukunftstechnologie wandte.

Um Abhängigkeit einer ganz anderen Art ging es beim Thema Kypto-Politik, also der Verschlüsselung von Daten.Das Thema ist weniger technisch, sondern vor allem politisch hochbrisant, denn verschlüsselte Daten schützen nicht nur Betriebsgeheimnisse, sondern auch Kriminelle und Staatsfeinde, so die Argumente vieler Sicherheitspolitiker.Vor allem die USA wollen sich das Zepter nicht aus der Hand nehmen lassen und fordern deshalb, daß entsprechende Programme nur so sicher sein dürfen, daß staatliche Stellen den Schlüssel noch brechen können.In der Praxis führt dies zu der höchst merkwürdigen Konstellation, daß der Chaos Computer Club und das Bonner Wirtschaftsministerium zumindest in diesem Punkt einer Meinung sind und Software-Schlüssellöcher á la Washington strikt ablehnen.

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